Schedelsche Weltchronik · Blatt 273

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 273, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 273, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

meer zwischen der Thonaw vnd dem vorgenanten berg Hemus wonende die man yetzo Bulgaros nennt. Nach denselben gegen mittag bis gein Hellespontum ist Romania ein Kriechische nation. doch ettwen barbarisch. vnd zu vnßern zeitten nach außtilgung des Kriechischen kaiserthumbs durch herrschung der Tuercken widerumb in die barbarey gewendt. Diss lands hawbtstatt ist Constantinopel vormals Agios genant. die haben die Lacedemonier vnder Pansania dem hawbtman gepawt (von welcher statt vrsprung. namen. herkomen vnnd wesen hieuor in disem buoch an seinen enden in der gestalt wie Eneas soelchs beschriben hat gnuogsam meldung beschiht. deßhalb seine schrift hie widerumb einzebringen vermyden bleibt) In diser statt sind vil gemeyne concilia vnder den kaisern gehalten. vil in dem cristenlichen glawben entstandne ketzerey verdrueckte. vnd auch vil ketzerey erfunden Vnder denen die am lengsten blyben ist die von dem außgang des heilligen gaists darnach vnder babst Eugenio dem vierden in der versamlung zu Florentz nit allain von den Lateinischen sunder auch von den Kriechischen verdambt vnd außgeschloßen worden ist. Aber wiewol Johannes der Constantinopolitanisch patriarch vnd Johannes der Kriechisch kaiser mit der lateinischen kirchen einmueetigclich die artickel des glawbens gesungen haben so wolt doch die Constantinopolitanisch kirch solchs nit anemen. Der patriarch starb zu Florentz der in die vereinigung verwilligt het so lebet der kaiser nach seiner haymfart nicht lang. Constantinus der kaiser nach ime eintweders betrogen oder willigclich vnsynnende wolt in solche vereynigung nicht verwilligen. sunder er vertribe Gregorium den patriarchen darumb das er der warheit des glawbens folget. also schicket babst Nicolaus der fuenft daselbsthin ysidorum den Sabinensischen cardinal gar einen treffenlichen man der die kirchen der Rewssen vorlangst geregirt het zeerforschen auß was vrsache die Kriechisch nation irer legaten vertrag vnnd aynigung zu Florentz mit den lateinischen angenomen verachtet. Derselb cardinal het den Constantinopolitanischen kaiser vnd seine rete yetzo auff den rechten weg gebracht als der krieg des Machomets vrberling wider sie entstund. Ich syhe vil vnßrer zeit nicht allain glawbwirdig lerer vnd poeten sunder auch gschihtbschreiber der irrunng wesende das sye die Tuercken Teuecros haißen. ich glawb auß der bewegnus das die tuercken troyam besitzen die ettwen die teuecri inngehabt haben. aber derselben vrsprung ist auß Creta oder Candia vnd welschem lannd. So sind die tuercken auß Scithia. die sich zu vnßern zeiten also gemeret haben das sie Asiam vnd Kriechisch land besitzende den lateinischen vnd cristenlichen namen weyt vnd prayt erschrecken. von dem hernach meldung beschiht. Von den Turcken center Blat CCLXXIII Wiewol sich nw nach ordnunng durch Eneam pium in seiner beschreibung Europe gehalten gepueeret von dem Tuerckischen volck vnd iren geschihten. vnnd auch von bestreittung vnd verlust der statt Constantinopel durch die Tuercken in zeitten desselben Enee geuebt meldung vnd erzelung zu thun. yedoch nach dem von der selben bestreittung hieuor in dem buoch am .cc.xlix. blat bey einer sunderen figur vnd auch sunst an vil enden diss buochs von den vberziehungen. gewaltsamkeit vnd bedrangknussen so die Tuercken in solcher zeit vnßerer gedechtnus vnd auch dauor nicht allain in dem Hungrischen sunder auch in andern landen den cristen menschen manigfeltigclich gethan haben zu mermaln anzaigung vnd erzelung beschehen ist so ist im besten vermyden dieselben ding yetzund abermals an disem ende zeerwidern vnd widerumb zeerzelen. nach dem solche erwiderung nit allain nit nuetzlich sunder auch vnnottuerftig vnd darzu den lesern verdrießlich sein wuerdt. Von macedonia center Macedonia das lannd ettwen ein herrscherin der erden zu nehst an das land Tracia zwischen dem nydergang vnd mittag stossende erstreckt sich zwischen dem Egeischen vnd Adriatischen meer vnd hat hinden zu ruegk gein der mittagigen seyten Tessaltam vnd Magnesiam. von mitternacht Peoniam vnd Paflagoniam. Dieselben gegenten sind nachfogend dem Macedonischen land zugelegt worden. Epyrue vnd das Illiricisch land raicht auch an Macedoniam. eins gein mittag das ander gein mitternacht. An dem adriaticischen gestadt ligt die alt statt Dirachium von Cheroneso da sie gelegen ist den namen behabende. dauor Epidana genant vnd ettwen von dem Corcireischen volck gepawt. vnd nicht weyt vnderhalb disem land was die statt Appollonia mit gar guoten gesetzen auffgericht vnd von wegen des kaisers Augusti der daselbst die kriechischen schrift gelernet hat gedechtnußwirdig. An den andern gestadt ist thessalonica ettwen ein mechtige statt. die dann sant Paulßen epistel vnnd sendbrieff vnnd des

Moderne Übersetzung

Meer zwischen der Donau und dem vorgenannten Berg Hemus wohnend, die man jetzt Bulgaren nennt. Nach denselben, gegen Mittag bis zum Hellespont, ist Rumänien, eine griechische Nation, doch bisweilen barbarisch und zu unseren Zeiten, nach Auslöschung des griechischen Kaisertums durch die Herrschaft der Türken, wieder in die Barbarei gewendet. Dieser Landschaft Hauptstadt ist Konstantinopel, vormals Agios genannt. Die haben die Lakedämonier unter Pausanias, dem Hauptmann, erbaut (von welcher Stadt Ursprung, Namen, Herkommen und Wesen zuvor in diesem Buch an seinen Stellen in der Gestalt, wie Eneas solches beschrieben hat, genügsam Meldung geschieht, weshalb seine Schrift hier wiederum einzubringen vermieden bleibt). In dieser Stadt sind viele allgemeine Konzilien unter den Kaisern gehalten, viele im christlichen Glauben entstandene Ketzereien verdrückt und auch viele Ketzereien erfunden worden. Unter denen, die am längsten blieben, ist die vom Ausgang des Heiligen Geistes, danach unter Papst Eugen IV. in der Versammlung zu Florenz nicht allein von den Lateinern, sondern auch von den Griechen verdammt und ausgeschlossen worden ist. Aber wiewohl Johannes, der konstantinopolitanische Patriarch, und Johannes, der griechische Kaiser, mit der lateinischen Kirche einmütiglich die Artikel des Glaubens gesungen haben, so wollte doch die konstantinopolitanische Kirche solches nicht annehmen. Der Patriarch starb zu Florenz, der in die Vereinigung eingewilligt hatte; so lebte der Kaiser nach seiner Heimfahrt nicht lang. Konstantin, der Kaiser nach ihm, entweder betrogen oder willentlich unsinnend, wollte in solche Vereinigung nicht einwilligen, sondern er vertrieb Gregor, den Patriarchen, darum, dass er der Wahrheit des Glaubens folgte. Also schickte Papst Nikolaus V. daselbsthin Isidor, den sabinensischen Kardinal, gar einen trefflichen Mann, der die Kirchen der Reußen vorlängst regiert hatte, zu erforschen, aus was Ursache die griechische Nation ihrer Legaten Vertrag und Einigung zu Florenz mit den Lateinern angenommen, verachtet. Derselbe Kardinal hatte den konstantinopolitanischen Kaiser und seine Räte jetzt auf den rechten Weg gebracht, als der Krieg des Machomets, Urheberling, wider sie entstand. Ich sehe viele unserer Zeit, nicht allein glaubwürdige Lehrer und Poeten, sondern auch Geschichtsschreiber, der Irrung wesende, dass sie die Türken Teucros heißen. Ich glaube aus der Bewegung, dass die Türken Troja besitzen, die ettwen die Teucri innegehabt haben. Aber derselben Ursprung ist aus Kreta oder Candia und welschem Land. So sind die Türken aus Skythien, die sich zu unseren Zeiten also gemehrt haben, dass sie Asien und griechisches Land besitzend, den lateinischen und christlichen Namen weit und breit erschrecken, von dem hernach Meldung geschieht. Von den Türken, siehe Blatt 273. Wiewohl sich nun nach Ordnung, durch Eneas Pius in seiner Beschreibung Europas gehalten, gebühret, von dem türkischen Volk und ihren Geschichten und auch von Bestreitung und Verlust der Stadt Konstantinopel durch die Türken in Zeiten desselben Eneas geübt, Meldung und Erzählung zu tun, jedoch nachdem von derselben Bestreitung hievor in dem Buch am 249. Blatt bei einer sonderen Figur und auch sonst an vielen Enden dieses Buches von den Überziehungen, Gewaltsamkeit und Bedrängnissen, so die Türken in solcher Zeit unserer Gedächtnis und auch davor nicht allein in dem ungarischen, sondern auch in anderen Ländern den christlichen Menschen mannigfaltiglich getan haben, zu mehrmalen Anzeige und Erzählung geschehen ist, so ist es im besten vermieden, dieselben Dinge jetzt abermals an diesem Ende zu erwidern und wiederum zu erzählen, nachdem solche Erwiderung nicht allein nicht nützlich, sondern auch unnötig und dazu den Lesern verdrießlich sein wird. Von Mazedonien, siehe Mazedonien, das Land, ettwen eine Herrscherin der Erde, zunächst an das Land Thrakien, zwischen dem Niedergang und Mittag stoßend, erstreckt sich zwischen dem Ägäischen und Adriatischen Meer und hat hinten zu Rücken gegen der mittägigen Seiten Thessalien und Magnesia, von Mitternacht Päonien und Paphlagonien. Dieselben Gegenden sind nachfolgend dem mazedonischen Land zugelegt worden. Epirus und das illyrische Land reicht auch an Mazedonien, eines gegen Mittag, das andere gegen Mitternacht. An dem adriatischen Gestade liegt die alte Stadt Dyrrachium, von Cheroneso, da sie gelegen ist, den Namen behaltend, davor Epidamnus genannt und ettwen von dem korfuischen Volk erbaut. Und nicht weit unterhalb diesem Land war die Stadt Apollonia mit gar guten Gesetzen aufgerichtet und wegen des Kaisers Augustus, der daselbst die griechische Schrift gelernt hat, gedächtniswürdig. An dem anderen Gestade ist Thessaloniki, ettwen eine mächtige Stadt, die dann Sankt Pauls Epistel und Sendbrief und des ----

Anmerkungen

Thonaw
Donau
Hemus
Haemus, altes Gebirge auf der Balkanhalbinsel, heute Stara Planina oder Balkangebirge
Bulgaros
Bulgaren
Hellespontum
lat. Hellespontus – Hellespont, heute Dardanellen
Romania
Hier im Sinne des Byzantinischen Reiches oder der griechisch besiedelten Gebiete
Kriechische nation
Griechische Nation
barbarisch
Hier im Sinne von 'nicht-griechisch' oder 'nicht-zivilisiert' aus griechischer Sicht
außtilgung des Kriechischen kaiserthumbs
Auslöschung des Byzantinischen Kaisertums, bezieht sich auf den Fall Konstantinopels 1453
Tuercken
Türken
Constantinopel
Konstantinopel, heute Istanbul
Agios
lat. Hagios – heilig, bezieht sich auf den ursprünglichen Namen Byzantion oder die spätere Bezeichnung 'Heilige Stadt'
Lacedemonier
Lakedämonier, Bewohner von Sparta
Pansania
Pausanias, spartanischer Feldherr
Eneas
Enea Silvio Piccolomini, später Papst Pius II., ein bedeutender Humanist und Geschichtsschreiber
concilia
lat. Concilia – Konzilien, Kirchenversammlungen
ketzerey
Ketzerei
babst Eugenio dem vierden
Papst Eugen IV. (1431–1447)
Florentz
Florenz
Lateinischen
Die westliche, römisch-katholische Kirche
Kriechischen
Die östliche, orthodoxe Kirche
Johannes der Constantinopolitanisch patriarch
Johannes VIII. Palaiologos, byzantinischer Kaiser, oder Johannes Bekkos, Patriarch von Konstantinopel. Hier ist wohl Johannes VIII. Palaiologos gemeint, der am Konzil von Florenz teilnahm.
Johannes der Kriechisch kaiser
Johannes VIII. Palaiologos, byzantinischer Kaiser
Constantinus der kaiser
Konstantin XI. Palaiologos, der letzte byzantinische Kaiser
Gregorium den patriarchen
Gregor III. Mammas, Patriarch von Konstantinopel, der die Union mit Rom unterstützte
babst Nicolaus der fuenft
Papst Nikolaus V. (1447–1455)
ysidorum den Sabinensischen cardinal
Isidor von Kiew, Kardinalbischof von Sabina, ein wichtiger Befürworter der Kirchenunion
Rewssen
Ruthenen, ein ostslawisches Volk
Machomets vrberling
Mohammed II., der Eroberer (Sultan des Osmanischen Reiches)
Teuecros
Teukrer, ein altes Volk, das in der Troas (Region um Troja) lebte
troyam
Troja
Teucri
Teukrer
Creta oder Candia
Kreta oder Candia (venezianischer Name für Kreta)
welschem lannd
Italienisches Land, hier im Sinne von 'ausländisch' oder 'romanischsprachig'
Scithia
Skythien, eine antike Region in Eurasien
Asiam
Asien
Kriechisch land
Griechisches Land
center Blat CCLXXIII
Siehe Blatt 273 (römisch für 273)
Eneam pium
Enea Silvio Piccolomini, später Papst Pius II.
bestreittung vnd verlust der statt Constantinopel
Eroberung und Verlust der Stadt Konstantinopel (1453)
cc.xlix. blat
249. Blatt (römisch für 249)
Hungrischen
Ungarischen
Macedonia
Mazedonien
Tracia
Thrakien
nydergang vnd mittag
Westen und Süden
Egeischen vnd Adriatischen meer
Ägäisches und Adriatisches Meer
Tessaltam
Thessalien
Magnesiam
Magnesia (Region in Thessalien)
Peoniam
Päonien, antike Region nördlich von Mazedonien
Paflagoniam
Paphlagonien, antike Region in Kleinasien, hier wohl eine Verwechslung oder eine sehr weite Auslegung der mazedonischen Einflusssphäre
Epyrue
Epirus
Illiricisch land
Illyrisches Land, Illyrien
Dirachium
Dyrrachium, antike Stadt, heute Durrës in Albanien
Cheroneso
Chersonesos, hier wohl die Halbinsel, auf der Dyrrachium lag, oder eine Verwechslung mit einer anderen Stadt
Epidana
Epidamnus, der ältere Name von Dyrrachium
Corcireischen volck
Korfuisches Volk, Bewohner von Korfu (Corcyra)
Appollonia
Apollonia, antike Stadt in Illyrien
kaisers Augusti
Kaiser Augustus
thessalonica
Thessaloniki
sant Paulßen epistel vnd sendbrieff
Sankt Paulus' Epistel und Sendbrief (Briefe an die Thessalonicher)