Schedelsche Weltchronik · Blatt 279

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 279, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 279, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

ist die maist kawfmanschatz rauhe ware. der geprauch des gelts ist vnbekant. an des gelts stat geprauchen sie die rauhen ware. als zoebel vnnd der gleichen. Die edeln weiber haben offenlich pulen oder koebßmann mit verhengknus irer eemann. die heissen sie helffer der ee. Den mannen ist nit gepuerlich sunder schentlich neben iren eelichen frawen zuweiber zehaben. Sie entledigen sich leichtlich irer ee vnnd nemen denn wider aneinander. Bey den Littawrn gefelt vil wachs vnd hoenigs dz die wilden pynen in den welden außziehen. der geprauch des weins ist bey inen seltsam vnd fast schwartzs brot. so haben sie von dem vihe vil milch. Das gezueng diss volcks ist Windisch. dann diss ist gar ein weite zung vnd in vil seckt getailt. wann ettlich auß den windischen hangen der roemischen kirchen an. als die dalmacier. croacier. crayner vnd poln. Ettlich der kriechischen irrung als die Bulgari Rewssen vnd vil auß den Littawern. Ettlich haben sundere ketzerey erdacht. als die Beheim Merhern vnd Bossen. Vnder denen der miast tayl der Manicheyschen absynnigkeit nachhenngt. Ettlich sind nochmals mit haidnischer plintheit verfinstert als vil auß den Littawern. auß denen ein große anzal zu dem cristenlichen glawben bekert worden ist. als Vladislaus in disem volck das polnisch koenigreich anname. dann ettlich auß den Littawern hetten dauor die schlangen angebettet. ein yeder hawßuater het ein schlangen in einem winckel die speyset er. Ettlich ereten dz fewr fuer heillig. ettlich die sunnen. vnd einen vbergrossen eyßnen hamer. ettlich den waldt. von disen irrungen vnd aberglawben allen sind sie zu Cristo bekeret worden durch einen von Prag puertig Jheronimus genant. der zu den zeiten des vrsprungs vnd anfangs der hussitischen ketzerey auß Beheim gein Poln flihende von dem Polnischen koenig Vladislao befelhbrieff an den Littawischen fuersten Vitoldum empfieng in die Littaw zohe vnnd die vorberuerten irrung vnder dem volck außrewtet. Von Rewssen land DIe Rewssen stossen an die Littawer ein grobs vngeschickts volck. Alda ist die gross statt Nogartte. dahin die Teuetschen kawflewt mit großer arbai raysen. Alda ist grosse habe. vil silbers. vnnd koestliche rauhe war kawffende vnd verkawffende. das silber gewegen vnd nicht gepregt geprauchende. Alda mitten auff dem margk ist ein vieregketer stain welcher auff denselben steygen mag vnd nit herab geworffen wirdt der erlanngt die herrschung der statt. Von Eifland Eyfland darnach die letst gegent vnd prouintz der cristen stost gein mitternacht an die rewssen. Die Tarter lawfen offt in dise gegent. Die teuetschen brueeder habin diss land mit dem schwert gesucht vnd zu cristenlichen glawben gezwungen. dann es was dauor haidnisch vnd eret die abgoetterey. An dise gegent rueert vom nydergang das balteeisch meer. das ettlich das alt wendelmeer gehaissen haben. die weil die mitternachtlich gegent als yetzo den kriechen vnd walhen nochmals nit bekant was der cristenlich glawb hat disen tail der erden vnßerm geschlecht eroeffnet. vnd die grobheit der grawsamen voelcker hingenomen vnd ir leben zu sytlicherm wesen gebracht. Von dem volck Massagete genant ZWischen Eyfland vnd Preueßen ist ein klains land villeicht einer tagrays prayt aber fast lang von den preuessen gein Eyfland. darinn wonet ein volck Massagete genant das ist weder haidnisch noch recht cristglawbig vnd doch dem polnischen gewalt vnderworffen. vnd von dannen heer erstreckt sich dz polnisch koenigreich bis an das meer. Von Prewßen center Nach dem Massagetischen volck begegnen die Preueßen. Die wonen an beden gestadten dess fluss die Weichsel genant. die dann ein endschaft des Polnischen vnd Teuetschen lands ist. die entspringt auß den pergen die Poln vnd Hungern schaiden. vnd befeuechtiget einen tayl des Polnischen lands. aber sie lawft durch Preueßen auß vnd auß von det statt Dorn bis gein Tantzko alda rynnet sie in das meer. Vnd nach dem hieuor in dem buoch am .cc.x. blat von gelegenhait diss lands vnd von den kriegs geschihten zwischen den Teuetschen brueedern vnd Polnischen koenigen in disem land verloffen meldung vnd anzaigung beschehen ist so wirdt an dem end vermiden die beschreybung derselben ding durch Eneam nach der leng begriffen alhie abermals zeuerkleren. Von grossem Sachsen land

Moderne Übersetzung

ist die meiste Kaufmannschaft rauhe Ware. Der Gebrauch des Geldes ist unbekannt. Anstelle des Geldes gebrauchen sie die rauhen Waren, wie Zobel und dergleichen. Die edlen Weiber haben öffentlich Buhlen oder Kebsmänner mit der Erlaubnis ihrer Ehemänner; diese nennen sie „Helfer der Ehe“. Den Männern ist es nicht geziemend, sondern schändlich, neben ihren ehelichen Frauen andere Weiber zu haben. Sie entledigen sich leicht ihrer Ehe und nehmen dann wieder einander an. Bei den Litauern gibt es viel Wachs und Honig, das die wilden Bienen in den Wäldern sammeln. Der Gebrauch des Weines ist bei ihnen selten und sie essen fast nur schwarzes Brot. Sie haben aber von dem Vieh viel Milch. Die Sprache dieses Volkes ist Windisch, denn dies ist eine sehr weite Zunge und in viele Sekten geteilt. Denn etliche aus den Windischen hängen der römischen Kirche an, als die Dalmazier, Kroazier, Krainer und Polen. Etliche der griechischen Irrung, als die Bulgaren, Reußen und viele aus den Litauern. Etliche haben besondere Ketzereien erdacht, als die Böhmen, Mährer und Bosnier. Unter diesen hängt der meiste Teil der manichäischen Absinnigkeit an. Etliche sind nochmals mit heidnischer Blindheit verfinstert, als viele aus den Litauern, aus denen eine große Anzahl zu dem christlichen Glauben bekehrt worden ist, als Vladislaus in diesem Volk das polnische Königreich annahm. Denn etliche aus den Litauern hatten davor die Schlangen angebetet. Ein jeder Hausvater hatte eine Schlange in einem Winkel, die speiste er. Etliche ehrten das Feuer für heilig, etliche die Sonne und einen übergroßen eisernen Hammer, etliche den Wald. Von diesen Irrungen und Aberglauben allen sind sie zu Christus bekehrt worden durch einen von Prag gebürtigen, Hieronymus genannt, der zu den Zeiten des Ursprungs und Anfangs der hussitischen Ketzerei aus Böhmen gen Polen fliehend von dem polnischen König Vladislao Befehlsbriefe an den litauischen Fürsten Vitoldum empfing, in die Litauen zog und die vorberührten Irrungen unter dem Volk ausrottete. Vom Land der Reußen: Die Reußen stoßen an die Litauer, ein grobes, ungeschicktes Volk. Alda ist die große Stadt Nogartte, dahin die deutschen Kaufleute mit großer Arbeit reisen. Alda ist große Habe, viel Silbers und köstliche rauhe Ware kaufend und verkaufend, das Silber gewogen und nicht geprägt gebrauchend. Alda mitten auf dem Markt ist ein viereckiger Stein, welcher, wer auf denselben steigen mag und nicht herabgeworfen wird, der erlangt die Herrschaft der Stadt. Von Eifland: Eifland, darnach die letzte Gegend und Provinz der Christen, stößt gen Mitternacht an die Reußen. Die Tartaren laufen oft in diese Gegend. Die deutschen Brüder haben dieses Land mit dem Schwert gesucht und zu christlichem Glauben gezwungen, denn es war davor heidnisch und ehrte die Abgötterei. An diese Gegend rührt vom Niedergang das baltische Meer, das etliche das alte Wendelmeer geheißen haben. Dieweil die mitternächtliche Gegend, als jetzt den Griechen und Walachen nochmals nicht bekannt war, der christliche Glaube hat diesen Teil der Erde unserem Geschlecht eröffnet und die Grobheit der grausamen Völker hinweggenommen und ihr Leben zu sittlicherem Wesen gebracht. Von dem Volk Massagete genannt: Zwischen Eifland und Preußen ist ein kleines Land, vielleicht einer Tagesreise breit, aber fast lang von den Preußen gen Eifland. Darin wohnt ein Volk Massagete genannt, das ist weder heidnisch noch recht christgläubig und doch dem polnischen Gewalt unterworfen. Und von dannen her erstreckt sich das polnische Königreich bis an das Meer. Von Preußen: Nach dem massagetischen Volk begegnen die Preußen. Die wohnen an beiden Gestaden des Flusses, die Weichsel genannt, die dann eine Endschaft des polnischen und deutschen Landes ist. Die entspringt aus den Bergen, die Polen und Ungarn scheiden, und befeuchtet einen Teil des polnischen Landes. Aber sie läuft durch Preußen aus und aus von der Stadt Thorn bis gen Danzig, alda rinnt sie in das Meer. Und nachdem hievor in dem Buch am 210. Blatt von der Gegebenheit dieses Landes und von den Kriegsgeschichten zwischen den deutschen Brüdern und polnischen Königen in diesem Land verlaufen Meldung und Anzeigung geschehen ist, so wird an dem Ende vermieden, die Beschreibung derselben Dinge durch Eneas nach der Länge begriffen hier abermals zu erklären. Von großem Sachsenland.

Anmerkungen

kawfmanschatz rauhe ware
Handelsgut, Pelzwaren oder unverarbeitete Rohstoffe
zoebel
Zobel, ein wertvolles Pelztier
pulem oder koebßmann
Buhlen oder Kebsmänner, Geliebte oder Konkubinen
verhengknus
Erlaubnis, Genehmigung
helffer der ee
Helfer der Ehe, eine euphemistische Bezeichnung für Geliebte
gepuerlich
geziemend, angemessen
schentlich
schändlich
Littawrn
Litauer, Bewohner Litauens
hoenigs
Honig
gezueng
Zunge, hier im Sinne von Sprache
Windisch
Slawisch, eine alte Bezeichnung für slawische Sprachen und Völker
seckt
Sekte, hier im Sinne von 'Teile' oder 'Gruppen' (von Völkern oder Sprachen)
dalmacier
Dalmatier, Bewohner Dalmatiens
croacier
Kroaten, Bewohner Kroatiens
crayner
Krainer, Bewohner der Krain (historische Region im heutigen Slowenien)
kriechischen irrung
griechische Irrung, gemeint ist die orthodoxe Kirche, die aus Sicht der römischen Kirche als 'Irrung' galt
Bulgari
Bulgaren
Rewssen
Reußen, eine alte Bezeichnung für die Ostslawen, insbesondere die Bewohner der Kiewer Rus und späterer russischer Gebiete
Beheim
Böhmen, Bewohner Böhmens
Merhern
Mährer, Bewohner Mährens
Bossen
Bosnier, Bewohner Bosniens
Manicheyschen absynnigkeit
manichäische Absinnigkeit, eine alte dualistische Religion, hier wohl als allgemeine Bezeichnung für Häresie verwendet
Vladislaus
Władysław II. Jagiełło, Großfürst von Litauen und König von Polen (reg. 1386–1434), der Litauen christianisierte
hawßuater
Hausvater, Familienoberhaupt
ereten
ehrten, verehrten
Jheronimus
Hieronymus von Prag (ca. 1379–1416), böhmischer Gelehrter und Reformator, Anhänger von Jan Hus
hussitischen ketzerey
hussitische Ketzerei, die Lehren von Jan Hus, die zu den Hussitenkriegen führten
gein Poln
nach Polen
Vladislao
Władysław II. Jagiełło (siehe oben)
Vitoldum
Vytautas der Große (ca. 1350–1430), Großfürst von Litauen, Cousin von Władysław II. Jagiełło
vorberuerten irrung
vorher erwähnten Irrungen (Glaubensirrtümer)
Nogartte
Nowgorod, eine bedeutende Handelsstadt in Russland
Teuetschen kawflewt
deutsche Kaufleute
arba
Arbeit, Mühe
habe
Besitz, Reichtum
gepregt
geprägt (Münzen)
Eifland
Estland
mitternacht
Norden
Tarter
Tataren
Teuetschen brueeder
Deutsche Brüder, gemeint ist der Deutsche Orden (Deutschritterorden)
abgoetterey
Abgötterei, Götzendienst
nydergang
Westen
balteeisch meer
Baltisches Meer, Ostsee
alt wendelmeer
altes Wendelmeer, eine alte Bezeichnung für die Ostsee, bezogen auf die Wenden (Slawen)
walhen
Walachen, eine alte Bezeichnung für romanische Völker, hier wohl allgemein für Südeuropäer
Massagete
Massageten, ein antikes Reitervolk, hier wohl eine ungenaue Bezeichnung für ein Volk in der Region
Preueßen
Preußen, das Land der Prußen, später Ostpreußen
tagrays
Tagesreise, eine Maßeinheit für Entfernung
gewalt
Herrschaft, Macht
Weichsel
Weichsel, ein Fluss in Polen
endschaft
Grenze
Polnischen vnd Teuetschen lands
Polens und des Deutschen Ordenslandes
Thorn
Thorn (heute Toruń), eine Stadt an der Weichsel
Tantzko
Danzig (heute Gdańsk), eine Stadt an der Weichselmündung
cc.x. blat
römisch für 210. Blatt
gelegenhait
Gegebenheit, Beschaffenheit
kriegs geschihten
Kriegsgeschichten
Eneam
Enea Silvio Piccolomini (1405–1464), später Papst Pius II., dessen Werke hier zitiert werden
nach der leng begriffen
ausführlich beschrieben
grossem Sachsen land
Großes Sachsenland, eine historische Bezeichnung für die Region Sachsen