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Rheinfränkisches Kochbuch (Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v))

Mittelrhein, ~1445 · Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)

Schlehen-Mus mit Wein und Essig (mittelalterliches Schlehen-Konfit als Fleisch-Beilage)

Moderne Übersetzung

Willst du eine Schlehen-Sülze machen, so nimm reife Schlehen und siede sie in einer Pfanne mit etwas Wein und mit Essig und mit einer Brotkrume, und wenn es gesotten ist, so schlage es durch ein Tuch.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
czijtige slehen Reife Schlehen - nach dem ersten Frost geerntet (der Frost bricht Zellwände auf und mildert die Gerbstoffe). Moderner Trick: Schlehen einfrieren statt auf Frost warten. Hecke / Waldrand selbst sammeln (September bis November); selten auf Wochenmärkten oder bei Wildkräuter-Anbietern Kornelkirschen, Hagebutten oder Holunderbeeren als heimisch-herbe Alternative; Cranberries als moderne Ersatz-Säuerung
enwenig wins Etwas Weißwein (trocken), nur wenig - gibt Aroma und Tiefe - Rotwein für kräftigeres Profil; Verjus als historische Säure-Variante
esczig Essig - konserviert das Mus und ergänzt die Säure - Apfelessig oder milder Obstessig; klassisch Weinessig
einer broschem brodes Eine Brotkrume - klassisches mittelalterliches Bindemittel ohne Pektin/Stärke - Gemahlene Mandeln oder 1 EL Apfelpektin als moderne Verdickungs-Alternative; altbackenes Weißbrot ist authentischer

Zubereitungshinweis

Kein Dessert - ein säuerlich-herbes Fruchtkonfit als Fleisch-Beilage! Das Rezept enthält keinen Zucker und keinen Honig, dafür Essig - das ist kulinarisch kein süßer Nachtisch, sondern ein passiertes Frucht-Konfit zum Begleiten von Wild und Fleisch (Wildbraten, Lamm, Wildschwein, Reh). Modernes Pendant: Preiselbeer-Konfit, Schlehen-Chutney, Cumberland-Sauce oder bayerischer Schlehen-Senf.

Cross-Ref zu rfk-050 (Galantine vom Huhn): Der Schreiber verwendet hier dasselbe Wort ‚sulcze‘ wie bei rfk-050 für etwas vollkommen anderes - dort eine warm in Brühe servierte Fleisch-Galantine, hier ein passiertes Fruchtmus. Das bestätigt definitiv: ‚sulcze‘ ist beim Schreiber kein kalt-geliertes Fleischprodukt im modernen Sinne, sondern ein breites Sammelwort für ‚gewürzte, gesottene, durchpassierte Speise‘. Die moderne Sülze-Assoziation (Schweinekopfgallerte) führt bei allen ‚sulcze‘-Rezepten des RFK in die Irre.

‚Czijtige slehen‘ - reife Schlehen, nach dem ersten Frost: Schlehen (Prunus spinosa, Frucht des Schlehdorns) sind frisch extrem herb und adstringierend (gerbstoff-reich) - fast ungenießbar. Traditionell wird sie nach dem ersten Frost geerntet: der Frost bricht die Zellwände auf, die Bitterstoffe werden milder, die Frucht wird genießbar. Moderner Trick: Schlehen einfrieren statt auf Frost warten - geht in der Tiefkühltruhe in 1-2 Tagen. Erntezeit: September bis November in der Hecke / am Waldrand.

Lebende Schlehen-Traditionen: Die Frucht wird heute noch verarbeitet in Schlehenlikör (deutsch), Patxaran (Spanien/Navarra, mit Anis), Sloe Gin (England), Schlehen-Senf und Schlehen-Marmelade (Bayern/Franken). Wer eine Hecke mit Schlehen kennt, hat im Spätherbst Material genug.

Brot als Bindemittel - klassische mittelalterliche Technik vor der Pektin-/Stärke-Ära. Eine zerbröselte Brotkrume (gerne altbackenes Weißbrot) wird mitgekocht und bindet das Mus während des Sotens. Beim Passieren durchs Tuch bleibt sie als Verdickung in der Masse. Heute moderne Alternative: gemahlene Mandeln oder ein Esslöffel Apfelpektin.

Wein + Essig - was die Kombination macht: - Wein (typisch Weißwein) gibt Aroma und Tiefe, mildert das Schlehen-Herb - Essig konserviert und ergänzt die Säure-Komponente; macht das Mus haltbar (kühl gelagert wochenlang) - Zusammen mit den Schlehen-Gerbstoffen entsteht ein kräftiges, säuerlich-herbes Profil - ideal als Kontrast zu fettem Wildbraten oder Lamm

Passieren durchs Tuch (‚slage isz durch ein duch‘): konsistente Technik des Schreibers - Cross-Refs zu rfk-025 (Milch passieren), mha-021/022/023 (Mandel-/Hanfmilch passieren). Hier sorgt das Tuch dafür, dass Steine, Schalen und harte Fruchtteile zurückbleiben, raus kommt ein glattes Konfit.

Wozu wurde das Schlehen-Konfit gereicht? Die Sektions-Logik des Manuskripts gibt Hinweise:

Die Position im RFK ist sehr suggestiv - das Schlehen-Konfit folgt direkt auf zwei Großbraten-Schaugerichte: - rfk-050 Galantine vom Huhn (rekonstruiertes Huhn in Brühe) - rfk-051 Gefülltes Spanferkel am Spieß (mit Wurst im Maul) - rfk-052 Schlehen-Konfit ← als Beilage zu beiden

Mittelalterliche Kochbücher wurden oft in Festmahl-Logik angeordnet - der Schreiber komponiert hier eine kleine ‚Schwein-/Geflügel-Schaubraten + passende Konfit-Beilage‘-Sektion.

Konkrete Pairings: - Fettes Schwein (rfk-051 direkt davor!): die Adstringenz der Schlehe schneidet durch das Schweinefett und macht jeden Bissen frisch wirken. Klassische Säure-Fett-Logik. - Wild und Wildgeflügel: Hirsch, Reh, Wildschwein, Ente, Gans - im 15. Jh. die Königsklasse der Festtafel. Heute exakt die Preiselbeer-zu-Wildbraten-Logik, nur mit heimischer Schlehe. - Fettes Geflügel (rfk-050): Säure-Kontrast zur reichen Hühner-Galantine. - Lamm, ältere Schafe: kräftiger Eigengeschmack verträgt herbe Säure gut. - Innereien-Braten (Leber, Niere): die Säure balanciert die Bitterkeit.

Internationale Verwandtschaft derselben Konfit-Logik: - Cumberland-Sauce (England, Portwein + Johannisbeergelee zu Wild) - Mostarda di Cremona (Italien, Frucht-Senf-Konfit zu Bollito misto) - Sloe Gin Jelly (England, Schlehen-Konfit zu Lamm und Käse) - Sauce Poivrade / Sauce Diane (französische Haute Cuisine zu Wild)

Servier-Form auf der Tafel: Kleine Tonschälchen oder Silberschalen rings um die Hauptplatte mit dem Braten. Der Esser nimmt sich mit dem Messer einen Klacks zum eigenen Fleischstück - exakt wie heute Preiselbeer-Schälchen neben dem Wildgulasch oder Mostarda neben dem Bollito misto.

fyndling.de/rezepte/rfk-052/