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Weinmus

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.4/10Höfische KücheHofkücheVeganVegan
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Ein Weinmus mache so: Nimm zwei Pfund Mandeln, reibe sie klein und schlage sie durch mit Welschwein oder mit Rainfal, wenn du ein Weinmus haben willst.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
zwaj pfunt mandel 1 kg Mandeln - -
wallsch wein oder mit Rainfal italienischer Weißwein (Welschwein) oder Rainfal Weinhandel, Supermarkt Trockener italienischer Weißwein (Vernaccia, Trebbiano, Pinot Grigio); im Notfall auch deutscher trockener Weißwein.

Technik: Mandeln im Mörser fein zerreiben, dann mit dem Wein zu einer dicken Mandelmilch durchschlagen (durch ein Tuch passieren). Das Rezept nennt keinen Zucker - das Ergebnis ist also keine süße Dessert-Creme, sondern eher eine feine, weinig-aromatische Mandelmilch als Beilage zu Wild und Fleisch oder als Fastenspeise-Komponente. Wer es süßer mag, kann optional Zucker oder Honig ergänzen.

Wein-Wahl: ‚Welschwein‘ = romanischer Wein (südlich der Alpen), in Süddeutschland um 1460 fast immer italienisch. ‚Rainfal‘ ist ein spezifischer Festtags-Wein der Zeit, dessen heutige Entsprechung umstritten ist (siehe die Lesarten unten). Praktisch tut ein kräftig-süßer trockener italienischer Weißwein gute Dienste - Vernaccia di San Gimignano, ein guter Trebbiano oder ein leicht süßer Friulano. Für die ‚Rainfal‘-Variante kann man auch in Richtung dalmatisch-istrischer Weißweine (Žlahtina, Vugava, Malvazija) experimentieren.

Konsistenz: ‚muosz‘ ist hier eine dickflüssige Mandelmilch / dünnes Mus, kein fester Brei. Wenn zu dünn: weniger Wein oder mehr Mandeln. Wenn zu dick: mit etwas Wein verdünnen.

Was bedeutet 'muosz' in diesem Rezept?

Im Kochbuch des Meisters Hans ist ‚muosz' ein Sammelbegriff für milchig-eierige Speisen. Da dieses Rezept keine Eier oder Bratfett enthält, ist hier ein Brei oder eine dicke, löffelbare Flüssigkeit gemeint, ähnlich einem Mandelmus oder einer angedickten Mandelmilch.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, mit Einschränkung: Die Zubereitung ist eine reine Kaltspeise ohne Ofen oder Kühlung - Mandeln im Mörser fein reiben und mit Wein durch ein Tuch passieren, das geht auch am Lagerfeuer-Stand. Der einzige Haken ist der Arbeitsaufwand: von Hand ganze Mandeln fein zu reiben und die Masse durchzuschlagen braucht Zeit und Kraft. Wer es sich leichter machen will, bringt fertig gemahlene Mandeln mit.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Kochbuch des Meisters Hans', einer Handschrift aus Basel (AN V 12) um 1460. Es spiegelt die bürgerliche Küche des südwestdeutschen Raumes wider.

Was ist 'Rainfal' für ein Wein?

‚Rainfal‘ / ‚Reinfal‘ ist in deutschen, schweizerischen und österreichischen Quellen des 14.-16. Jh. als Festtags-Wein belegt. Die heutige Entsprechung ist nicht eindeutig geklärt - zwei Haupt-Hypothesen kursieren: (1) Vernaccia aus Cinque Terre / San Gimignano (italienisch, über Genua importiert), (2) dalmatisch-istrische Weißweine wie Refosco/Rivola, Žlahtina aus Vrbnik (Krk) oder Vugava (über Adria→Triest→Wien). Die Etymologie ‚Rivola → Reinfal‘ stützt die zweite Lesart, war aber vermutlich nicht trennscharf - ‚Rainfal‘ war eher ein Sammelbegriff für gehobene Import-Weißweine. In der modernen Küche tut ein kräftig-aromatischer trockener italienischer Weißwein (Vernaccia di San Gimignano, Trebbiano) gute Dienste; wer Richtung adriatische Hypothese gehen will, probiert eine Žlahtina, Malvazija Istarska oder einen Vugava.

Brauche ich einen Mörser, um die Mandeln zu zerkleinern?

Das Originalrezept verlangt das Reiben der Mandeln, was traditionell in einem großen Mörser geschah. Für die moderne Küche kannst du fertig gemahlene Mandeln verwenden oder ganze Mandeln in einer Küchenmaschine oder einem Blender fein mahlen. Für eine authentische Zubereitung benötigst du einen großen Granit-Mörser und einen schweren Holzstößel.

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muosz

Im Kochbuch des Meisters Hans ist ‚muosz' ein Sammelbegriff für milchig-eierige Speisen, die sowohl Brei, Auflauf, Pfannkuchen oder Crêpe sein können. Hier, ohne Fett und Eier, ist ein Brei oder eine dicke Flüssigkeit gemeint.

wallsch wein

‚Welschwein' bezeichnete im Mittelalter Weine aus romanischen Ländern, oft leichte Weißweine.

Rainfal

‚Rainfal‘ / ‚Reinfal‘ ist in deutschen, schweizerischen und österreichischen Quellen des 14.-16. Jh. als Festtags-Wein belegt - die heutige Entsprechung ist allerdings wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Zwei Haupt-Hypothesen: (a) Vernaccia aus Cinque Terre / San Gimignano (italienisch), nach Norden über Genua/Mailand exportiert; (b) dalmatisch-istrische Weißweine (Refosco/Rivola-Familie, Žlahtina aus Vrbnik/Krk, Vugava), die über Adria→Triest→Wien nach Süddeutschland kamen - die Etymologie ‚Rivola → Reinfal‘ stützt das. Vermutlich war ‚Rainfal‘ kein präzise definierter Wein-Typ, sondern ein Sammelbegriff für gehobene Import-Weißweine aus dem mediterran-adriatischen Raum.

schlah In durch

‚Durchschlagen' / ‚durchschlagen mit ...' meint hier das Passieren der zerriebenen Mandelmasse zusammen mit dem Wein durch ein Tuch oder feines Sieb - nicht ein modernes Rühren oder Schlagen mit dem Schneebesen.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 023r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmuosz

Gewählte Lesart: Brei / dickflüssiges Mus. Die Zutaten (Mandeln, Wein) und die Zubereitung (reiben, durchschlagen) ohne Fett oder Eier legen eine breiige oder dickflüssige Konsistenz nahe.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Art Pfannkuchen oder Auflauf. - Der Begriff ‚muosz' im Kochbuch des Meisters Hans ist sehr breit und kann auch gebackene Speisen umfassen. Da hier jedoch kein Fett oder Eier genannt werden, ist diese Lesart weniger wahrscheinlich.

LesartRainfal

Gewählte Lesart: Ein gehobener mediterran-adriatischer Importweißwein des 14.-16. Jh., dessen heutige Entsprechung wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt ist. Zwei Hauptkandidaten konkurrieren: Vernaccia aus Cinque Terre / San Gimignano (italienisch, Genua-Route) oder dalmatisch-istrische Weißweine der Refosco/Rivola-Familie (Žlahtina, Vugava, Adria-Route via Triest). Die Etymologie ‚Rivola → Reinfal‘ stützt die zweite Hypothese; vermutlich war der Begriff aber nicht trennscharf, sondern ein Sammelbegriff für gehobene Import-Weißweine.

Andere mögliche Lesarten:

  • Strikt: Vernaccia aus Cinque Terre / San Gimignano. - Eine der ältesten und populärsten Identifikationen; passt zu italienischen Handelsrouten über Genua/Mailand nach Süddeutschland. Linguistisch aber weniger gut gestützt als die Rivola-Hypothese.
  • Strikt: dalmatisch-istrischer Süßwein (Žlahtina aus Vrbnik/Krk, Vugava, oder ein Refosco/Rivola). - Linguistisch (‚Rivola → Reinfal‘) plus die historische Adria-Route nach Süddeutschland stützen das stark. Bleibt aber eine Hypothese, da die Quellen nicht trennscharf sind.
  • Generischer Sammelbegriff für romanischen/südländischen Import-Weißwein. - Möglicherweise wurde ‚Rainfal‘ in der Praxis nicht streng als eine Sorte verstanden, sondern als Marker für ‚edler Süd-Wein‘ allgemein - ähnlich wie ‚Welschwein‘ als geographische Sammelbezeichnung.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 023r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kalte Zubereitung ohne Ofen oder Kühlung - im Lager mit einem schweren Mörser und einem Passiertuch gut machbar, nur arbeitsintensiv (Mandeln fein reiben, mit Wein durchschlagen). Wer es bequemer mag, nimmt fertig gemahlene Mandeln.
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