Rheinfränkisches Kochbuch (Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v))
Krause Eier - gefüllte Eierschalen am Spieß vom Rost
Moderne Übersetzung
Willst du krause Eier machen, so brich die Eier an der großen Spitze auf und leere die Schalen, und nimm die reinen Eidotter und schlage sie gut. Gib Gewürz, Safran und gehackte Petersilie oder Salbei hinein. Röste es in einer Pfanne und hacke es klein. Gib es wieder in die Schalen, stecke sie an ein Spießchen und brate sie auf einem Rost.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| die eyer | Eier | - | - |
| ydel eyer doteren | Eigelbe | - | - |
| wurcze | Gewürze | - | Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken, Muskat |
| saffran | Eine Prise Safranfäden | Supermarkt (Gewürzregal) / Gewürzhandel | - |
| gescharffte petersilge adir selbe | Petersilie ODER Salbei, sehr fein gehackt (mhd. ‚gescharfft‘ = mit der scharfen Klinge fein zerteilt) | - | Beides funktioniert; Petersilie gibt mildere, Salbei kräftigere, fast harzige Note. Wer experimentieren will: Kerbel, Schnittlauch oder gemischte Wildkräuter wären zeitlich plausibel. |
Zubereitungshinweis
Das mittelalterliche Schau-Pendant zu Devilled Eggs / Russischen Eiern - mit dem entscheidenden Unterschied, dass die gefüllten Schalen nochmal über dem Rost gegrillt werden. Damit ist rfk-047 das aufwendigste und festlichste Glied im Ei-Quartett des Korpus (mha-016 Omelett / mha-010 gefärbte Spieß-Eier / rfk-045 Spiegelei / rfk-047 krause Eier): kein Alltagsgericht, sondern ein klassisches Tafelstück, das auf der Festtafel als kleines Kunstwerk daherkommt.
‚Große Spitze‘ = stumpfes Ende: Eier haben zwei Enden, ein spitzes und ein stumpf-rundes. Die ‚große Spitze‘ im Mhd. ist - paradoxerweise - die stumpfe, breite Seite. Dort sitzt die Luftkammer (Schale dünner, leichter zu öffnen), die Öffnung wird größer (besser zum Befüllen), und das Ei steht später beim Servieren aufrecht auf der schmalen Spitze. Praktisch heute: mit einem scharfen Messer oder einer Schere die Schale an der stumpfen Seite vorsichtig kreuzweise einritzen, dann das obere Drittel sauber abnehmen.
Was wird mit dem Eiweiß? ‚Ydel eyer doteren‘ heißt mhd. ‚reine Eidotter‘ - also nur die Eigelbe für die Füllung. Das Eiweiß wird abgetrennt und anderweitig verwendet (für andere Speisen, Bindemittel), nicht weggeworfen - Reste-Verwertungs-Ethik der Zeit.
‚Krause‘ ist der Namensgeber - durch Textur, nicht durch Form: Mhd. ‚kruse/krause‘ = wirr, lockig, gekräuselt. Der Name kommt von der krümelig-brösligen Konsistenz, die durch das Rösten in der Pfanne + Nachhacken entsteht - im Gegensatz zu glattem Rührei oder cremiger Devilled-Egg-Füllung. Die Eigelbe-Masse wird so trocken-locker geröstet, dass sie sich klein hacken lässt; das hineingegebene Füllgut hat dann eine charakteristische Streusel-Textur.
‚Gescharffte petersilge‘ = fein gehackte Petersilie: Mhd. ‚scharf machen‘ = Klingen schärfen → mit der scharfen Klinge sehr fein zerteilen. Nicht ‚scharf im Geschmack‘ - Petersilie und Salbei sind ja gerade nicht scharf.
‚Wurcze‘ = die zeitgenössischen Standard-Gewürze gehobener Küche: Pfeffer, Ingwer, Galgant, Muskat, Nelken - in der Praxis oft als fertige Würzmischung (‚poudre fort/douce‘) in der Küche vorhanden. Plus Safran für die Goldfärbung (selbe Tradition wie rfk-042 bis rfk-046).
Praktischer Knackpunkt: das Aufspießen leerer Eierschalen. Das ist die heikelste Stelle - leere Schalen sind extrem fragil. Mittelalterliche Praxis: sehr dünner Holzspieß, sehr vorsichtig durchs schmale Ende oder seitlich durch zwei gegenüberliegende Schalen-Wandungen stechen (mit feiner Ahle vorbohren hilft). Modern unkomplizierter: statt aufspießen die Schalen in einem Drahtkorb / Eierbecher-Rost / auf einer dichten Glut-Stelle aufstellen - der Sengstrich auf der Außenschale gelingt auch so.
‚Brat sie uff eym rost‘ = das Grillen am Schluss ist nicht nur Showeffekt: die Schale bräunt außen leicht an, das gibt rauchige Noten und eine charakteristische ledrige Optik, die Füllung wird wieder warm und entwickelt nochmal mehr Aroma. Wer das Schalengrillen weglässt, bekommt im Grunde nur gefüllte Eier - der Rost-Schritt ist das definierende Element.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/rfk-047/
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