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Gebratener Pfau

Wel ende edelike spijse · Gent, Flandern · 1475

WildHauptspeise · WildLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit90 Min.Portionen6-8 PersonenBuchVon guten und edlen Speisen (Wel ende edelike spijse) (~1475)

Original - Mittelniederländisch (2. Hälfte 15. Jh.)

Gebratener Pfau - Originalseite aus Von guten und edlen Speisen (Wel ende edelike spijse)
Scan 007, Universiteitsbibliotheek Gent, BHSL.HS.1035 (ca. 1475), Public Domain

Transkription - Mittelniederländisch (2. Hälfte 15. Jh.)

fol.3r .xi. Den paeuw te bradene den paeu sal men pluymen te puente daer thooft bliue sonder vermuheeren vanden pluy men noch die pluymen vanden halse Tot den scouderen ende dat die steert bliue gheheel dan sal men den lichame verwallen dat thooft noch den steert niet en ontkeere ende dan laerderen ende speten ende dan sal men nemen een dwale daer men den steert me decke ende een ander cleet daer men thooft ende den hals me decke ende men sal maken vier te poynte den lichame mede te bradene ende el niet ende naer dat hi ghebraden es doeten vp een broot met eenen prieme ende doet af die dwale ende dan soo draech ten ter taflen

Coquinaria.nl - Christianne Muusers, Digitale Edition 2020 (Hs. UB Gent 1035)

Moderne Übersetzung

LagerkücheLagerküche-Tipp: Zuhause vorbereiten.

Den Pfau braten: Rupfe den Pfau vollständig, doch lasse den Kopf ungerupft, ebenso die Federn vom Hals bis zu den Schultern, und der Schwanz soll ganz bleiben. Überbrühe dann den Körper, ohne Kopf oder Schwanz abzutrennen. Spicke ihn anschließend und stecke ihn auf einen Spieß. Nimm ein Tuch, um den Schwanz damit zu bedecken, und ein weiteres Tuch für Kopf und Hals. Entzünde ein gezieltes Feuer, um nur den Körper zu braten und nichts anderes.

Wenn der Pfau gebraten ist, setze ihn mit einem Spieß auf ein Brot. Entferne die Tücher und trage ihn dann zu Tisch.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Den paeuw Pfau Wildhändler (auf Bestellung, ⚠ Artenschutz beachten) großer Truthahn oder Kapaun
laerderen Spickspeck Metzger -
een broot Brot - -
eenen prieme Spieß - -

Anmerkungen

paeuw

Pfau, ein großer Hühnervogel, der im Mittelalter als Luxus- und Schaugericht diente.

pluymen te puente

Wörtlich „Federn zu Ende“, bedeutet „vollständig rupfen“.

vermuheeren

Entfedern, rupfen.

steert

Schwanz, hier im Sinne der Schwanzfedern, die zur Dekoration erhalten bleiben sollen.

verwallen

Überbrühen, kurz in heißem Wasser garen, um die Haut zu straffen und zu reinigen, ohne das Fleisch zu kochen.

ontkeere

Abtrennen, entfernen.

laerderen

Spicken, das heißt, Fleisch mit Speckstreifen zu versehen, um es saftiger zu machen und Aroma zu geben.

speten

Aufspießen, das Tier auf einen Bratspieß stecken.

dwale / cleet

Tuch oder Stoff, hier zum Schutz der dekorativen Federn vor der Hitze des Feuers.

vier te poynte

Ein gezieltes, kontrolliertes Feuer, das nur den Körper brät und die empfindlichen Federn schont.

doeten vp een broot met eenen prieme

Auf ein Brot mit einem Spieß oder Dorn stecken. Dies diente der Präsentation und Stabilisierung des gebratenen Pfaus auf der Servierplatte.

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartverwallen

Gewählte Lesart: „Überbrühen“ - das kurze Eintauchen in heißes Wasser dient der Hautvorbereitung und Reinigung, nicht dem Vorkochen des Fleisches.

Andere mögliche Lesart:

  • „Verbrühen“ oder „halb garen“ - Obwohl ‚verwallen‘ auch ein kurzes Garen bedeuten kann, ist im Kontext der Hautvorbereitung für das Braten und der Erhaltung der Form das reine Überbrühen plausibler, um die Textur der Haut zu verbessern und sie zu reinigen, ohne das Fleisch zu sehr zu erhitzen.

Lesartvier te poynte

Gewählte Lesart: „Gezieltes Feuer“ oder „kontrollierte Hitze“ - die Anweisung betont, dass das Feuer so eingerichtet werden muss, dass es nur den Körper des Pfaus brät und die dekorativen Federn schont.

Andere mögliche Lesart:

  • „Spitzes Feuer“ - Wörtlich könnte es auch ein ‚spitzes‘ oder ‚scharfes‘ Feuer bedeuten, was auf eine hohe Hitze hindeutet. Im Kontext der Erhaltung der Federn ist jedoch die Kontrolle und das gezielte Anwenden der Hitze auf den Körper wichtiger als die reine Intensität.

Lesartprieme

Gewählte Lesart: „Spieß“ oder „Dorn“ - ein kleines, spitzes Werkzeug, das hier zur Stabilisierung des Pfaus auf dem Brot für die Präsentation dient.

Andere mögliche Lesart:

  • „Ahle“ oder „Pfriem“ - Ein ‚prieme‘ kann auch eine Ahle sein, ein Werkzeug zum Stechen von Löchern. Im Kochkontext ist ein kleiner Spieß oder Dorn, der zur Befestigung oder Dekoration dient, die wahrscheinlichere Bedeutung.

Häufige Fragen

Wo bekomme ich Pfauenfleisch?

Pfauen sind in Deutschland und der EU geschützt und dürfen nicht gejagt oder kommerziell gehandelt werden. Für die Nachstellung dieses Rezepts empfiehlt sich ein großer Truthahn oder ein Kapaun als Ersatz. Diese bieten eine ähnliche Größe und Fleischstruktur, auch wenn der visuelle Effekt des Pfaus nicht erreicht werden kann.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung eines ganzen Pfaus mit intakten Federn erfordert eine sehr präzise Hitzekontrolle und viel Aufwand für die Präsentation, was unter Lagerbedingungen kaum umsetzbar ist. Zuhause vorbereiten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus der Handschrift UB Gent 1035, einer mittelniederländischen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die in Flandern verfasst wurde. Sie ist die einzige vollständig erhaltene mittelniederländische Rezeptsammlung dieser Epoche. Eine digitale Edition wurde 2020 von Christianne Muusers auf coquinaria.nl veröffentlicht.

Was bedeuten 'verwallen' und 'vier te poynte' im Rezept?

'Verwallen' bedeutet, den Pfau kurz in heißem Wasser zu überbrühen. Dies dient dazu, die Haut zu straffen und zu reinigen, ohne das Fleisch zu kochen. 'Vier te poynte' beschreibt ein gezieltes oder kontrolliertes Feuer. Die Anweisung ist wichtig, um den Körper des Pfaus zu braten, ohne die empfindlichen Federn an Kopf, Hals und Schwanz zu verbrennen, die für die spektakuläre Präsentation intakt bleiben sollen.

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