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Gebratene Wildvögel mit Pfeffersauce

Wel ende edelike spijse · Gent, Flandern · 1475

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit180 Min.PortionenJe nach Anzahl der Vögel, für eine festliche TafelBuchVon guten und edlen Speisen (Wel ende edelike spijse) (~1475)

Reiher, Kraniche, Gänse, wilde Feldhühner, Fasane und Lemmoegen - so soll man sie braten und lardieren und mit einer Pfeffersauce essen, die gut mit Wein und gut mit Gewürzen abgeschmeckt ist, sehr heiß von ihrem eigenen Schmalz.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Reygers Reiher ⚠ Artenschutz: Reiher sind streng geschützt und dürfen nicht gejagt oder gehandelt werden. Nicht für den Verzehr geeignet. Ente oder Gans
cranen Kraniche ⚠ Artenschutz: Kraniche sind streng geschützt und dürfen nicht gejagt oder gehandelt werden. Nicht für den Verzehr geeignet. Ente oder Gans
gantes Gänse - -
wilde velt hoendere Wildhühner Wildhändler, spezialisierter Metzger Perlhuhn oder Wachtel
faysante Fasane Wildhändler, spezialisierter Metzger Huhn oder Perlhuhn
lemmoegen Lemmoegen ⚠ Artenschutz: Die genaue Art ist unklar, aber es handelt sich wahrscheinlich um einen geschützten Wildvogel. Nicht für den Verzehr geeignet. Ente oder Huhn
laerderen Spickspeck Metzger, Supermarkt -
eenen pepere Pfeffer - -
wel ghewijnt Wein - -
wel ghecruut Gewürze - -

Welches Gericht ist das? Eine Sammelanweisung für gebratenes Festtags-Geflügel und -Wild, das gespickt am Spieß gegart und mit einer würzigen Pfeffersauce serviert wird - der höfische „Bratenvogel" schlechthin. Heute am ehesten vergleichbar mit einer gespickten Wildente oder -gans mit Pfefferjus. Der Korpus hat denselben Typ im italienischen mar-002 und in der englischen Kranich-/Reiher-Anweisung foc-142.

Laerderen (lardieren/spicken): mit einer Spicknadel werden Speckstreifen durch das magere Vogelfleisch gezogen. Wildvögel sind fettarm, der Speck hält sie beim Braten saftig - bei den hier genannten großen Vögeln (Reiher, Kranich, Gans) zwingend.

Eenen pepere wel ghewijnt ende wel ghecruut: eine eigenständige Pfeffersauce, kräftig mit Wein und Gewürzen abgeschmeckt - nicht bloß ein Bestreuen mit Pfeffer. Solche peper-Saucen der niederländischen Küche binden meist mit geröstetem Brot und enthalten neben Pfeffer Ingwer, Nelke und Zimt.

Wel heet van haren smoute: „sehr heiß von ihrem eigenen Schmalz" - serviert wird mit dem heißen Bratfett/den Bratensäften der Vögel, die in die Sauce gehen.

Praxis. Heute frei verkäufliche Vögel nehmen - Gans, Ente, Fasan, Perlhuhn, Wachtel (Reiher, Kraniche und vermutlich auch die lemmoegen sind streng geschützt und nicht verzehrbar). Vogel rupfen, ausnehmen, mit Speckstreifen spicken, am Spieß oder im Bräter über/auf der Glut braten, Bratensaft auffangen. Für die Sauce geröstetes Brot mit Wein und Gewürzen (Pfeffer, Ingwer, Nelke, Zimt) glatt rühren, mit dem heißen Bratfett aufkochen und sehr heiß über den Braten geben. Am Lagerfeuer gut machbar.

Wo bekomme ich Reiher, Kraniche oder Lemmoegen?

Reiher und Kraniche sind in Deutschland und der EU streng geschützt und dürfen weder gejagt noch gehandelt werden. Sie sind nicht für den Verzehr bestimmt. Bei 'Lemmoegen' handelt es sich um einen unklaren Wildvogel, der ebenfalls als geschützt anzusehen ist. Für ein authentisches Geschmackserlebnis kannst du auf domestizierte Gänse, Enten oder andere frei verkäufliche Wildvögel wie Fasane oder Rebhühner zurückgreifen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist grundsätzlich für die Lagerküche geeignet. Das Braten großer Vögel über offenem Feuer oder am Spieß ist authentisch. Die Vögel müssen jedoch vorab gerupft und ausgenommen werden. Das Lardieren erfordert etwas Geschick und Vorbereitung, ist aber auch im Lager umsetzbar. Die Sauce wird direkt aus den Bratensäften zubereitet, was sehr praktisch ist.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus der Handschrift UB Gent 1035, bekannt als 'Wel ende edelike spijse', verfasst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Flandern. Es ist die einzige vollständig erhaltene mittelniederländische Rezeptsammlung dieser Epoche und wurde von Christianne Muusers (coquinaria.nl, 2020) digital editiert.

Was bedeutet 'lardieren' im Rezept?

Lardieren (oder Spicken) ist eine mittelalterliche Technik, bei der mageres Fleisch mit Streifen von Speck durchzogen wird. Dies dient dazu, das Fleisch während des Bratens saftiger zu halten und ihm zusätzlichen Geschmack zu verleihen. Dazu werden dünne Speckstreifen mit einer Spicknadel durch das Fleisch gezogen.

xij. Reygers cranen gantes wilde velt hoendere faysante lemmoegen soo sal men braden ende laerderen ende eten met eenen pepere wel ghewijnt ende wel ghecruut wel heet van haren smoute
wilde velt hoendere

Wilde Feldhühner, vor allem Rebhühner.

lemmoegen

Ein nicht sicher bestimmbarer Vogel; in der mittelniederländischen Vogelnamen-Überlieferung kein gängiges Wort. Mögliche Deutungen reichen von einer Lerchen-/Kiebitzart bis zu einer regionalen Bezeichnung - eindeutig ist es nicht (siehe interpretive_choices).

laerderen

Lardieren/Spicken: Speckstreifen mit der Spicknadel durch das magere Fleisch ziehen, damit es beim Braten saftig bleibt.

eenen pepere

Eine eigenständige Pfeffersauce, mit Wein und Gewürzen abgeschmeckt, meist mit geröstetem Brot gebunden.

smoute

Schmalz bzw. Bratfett - hier die eigenen heißen Säfte der gebratenen Vögel.

Handschrift
Wel ende edelike spijse
Sprache
Mittelniederländisch (2. Hälfte 15. Jh.)
Entstehung
Gent, Flandern, 1475

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartlemmoegen

Gewählte Lesart: Der Begriff wird unübersetzt belassen: es handelt sich offenkundig um einen weiteren Brat-Vogel in der Aufzählung, seine genaue Art ist aber nicht sicher zu bestimmen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Eine kleine Wildvogel-/Singvogelart (z.B. Lerche, Kiebitz). - Die übrigen Listenglieder sind durchweg Wildvögel; ein weiterer, regional benannter Wildvogel passt in die Reihe, ohne dass eine bestimmte Art belegbar wäre.
  • Verschreibung eines bekannteren Vogelnamens. - Die mittelniederländische Schreibung ist eigenwillig und „lemmoegen" sonst nicht greifbar; eine verlesene/verschriebene Form ist möglich, ohne dass sich ein eindeutiges Original rekonstruieren lässt.

Lesarteenen pepere wel ghewijnt ende wel ghecruut

Gewählte Lesart: Eine eigenständige, mit Wein und Gewürzen abgeschmeckte Pfeffersauce („eten met" = dazu essen), nicht bloß ein Würzen mit gemahlenem Pfeffer.

Andere mögliche Lesart:

  • Bloßes Abschmecken der Vögel mit Pfeffer, Wein und Gewürzen. - Grammatisch nicht ausgeschlossen; das „met eenen pepere" / „eten met" legt im Korpus jedoch durchgehend eine separate Sauce als Beilage nahe.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 007, Universiteitsbibliotheek Gent, BHSL.HS.1035 (ca. 1475), Public Domain
Transkription
Coquinaria.nl - Christianne Muusers, Digitale Edition 2020 (Hs. UB Gent 1035) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Braten am Spieß oder im Bräter über offenem Feuer; Pfeffersauce direkt aus den Bratensäften. Vögel vorab rupfen und ausnehmen, Lardieren erfordert eine Spicknadel.
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