Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433
Nimm geriebenes, geröstetes Brot und bereite eine schwarze Pfeffersauce aus Wein und Verjus, Ingwer, Nelken, Zimt und Pfeffer zu. Gib Pinienkerne und Rosinen hinzu. Gieß die Sauce über das Fleisch und bestreue es. So wird es für die Edelleute sein.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| panem grattatum rostitum | Geröstetes Brot, gerieben oder im Mörser zerstoßen | - | - | - |
| vino | Rotwein | - | - | - |
| agresto | Verjus | - | Feinkostladen, Online-Shop | Rotwein allein (hat meist genug Säure) |
| zinzibere | Ingwerpulver | - | - | - |
| garioffolis | Nelken | - | - | - |
| cynamomo | Zimtpulver | - | - | - |
| pipere | Schwarzer Pfeffer (hauptsächlich), ergänzt durch Kubeben- und Langen Pfeffer | - | - | - |
| pineas | Pinienkerne | - | - | - |
| uuam passam | Rosinen | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine schwarze Pfeffersauce (piperatum nigrum) - die brotgebundene, würzig-dunkle Wein-Sauce, die im ganzen spätmittelalterlichen Europa als Standard-Begleiter zu Braten und gebratenem Geflügel diente. Sie ist die direkte Verwandte der italienischen peverata und der deutschen Wildbret-Pfeffersauce; Bockenheim setzt sie als Grundrezept voraus und ruft sie bei mehreren Fleischgerichten ab (Rehbraten boc-018, Geflügel boc-025).
Brotbindung statt Mehlschwitze. Gebunden wird zeittypisch mit panem grattatum rostitum - geriebenem, geröstetem Brot. Der Text nennt für diesen Schritt kein Hitzeverb, nur fac ('bereite'/'mach'); im Mörser zu feinem Pulver gemahlen und in Wein und Verjus eingerührt bindet das Brot die Sauce, eine Mehlschwitze (Roux) ist hier anachronistisch. Das Rösten gibt zugleich die dunkle Farbe und den namengebenden „schwarzen" Charakter.
Süß-saure Achse. Vino et agresto - Wein und Verjus (Saft unreifer Trauben) - liefern die Säure, die das fette gebratene Fleisch kontert; die Süße der Rosinen und das Aroma der Pinienkerne runden ab. Ein kräftiger Rotwein hat oft genug Eigensäure, dann kann der Verjus entfallen (Verjus ergibt eine hellere, frischere Sauce, Rotwein allein eine dunklere, vollere).
Die Pfeffer-Riege. Der Text nennt nur pipere, doch die gehobene Küche der Zeit mischte regelmäßig: schwarzer Pfeffer als Basis, dazu Kubeben (leicht harzig) und Langer Pfeffer (intensiver, süßlicher). Mit Ingwer, Nelken und Zimt ergibt sich das warme, an Glühwein erinnernde Profil.
Praxis. Brot rösten und fein reiben oder mörsern. Wein (und nach Geschmack etwas Verjus) mit Pfeffer, Ingwer, Nelken und Zimt verrühren, das geröstete Brot zum Binden einrühren. Der Text nennt für diesen Schritt kein Koch-Verb - praktikabel bindet fein gemörsertes Brot am zuverlässigsten, wenn die Mischung kurz erwärmt wird, das ist jedoch eine moderne Zubereitungsentscheidung und kein Textbefund; kalt aus sehr fein gemahlenem Brot angerührt funktioniert ebenso. Pinienkerne und Rosinen zugeben. Über den fertigen Braten gießen und damit bestreuen (funde super carnes et sperge) - so wird sie, wie der Text festhält, „für die Edelleute" sein. Passt zu Rehbraten (boc-018), Geflügel (boc-025) und weiteren gebratenen Fleischgerichten, für die Bockenheim sie als Grundrezept abruft (auch boc-066, boc-026) - im Test harmonierte sie überraschend gut mit einer milden Hirsebrei-Beilage, deren nussige Süße die scharf-würzige Note auffängt.
Praxistest : Zwiebeln in Schmalz angebraten, mit Rotwein abgelöscht, der Rotwein hatte genug Säure, kein Verjus nötig. Gewürze: 1 Nelke, etwas Zimt, Kubebenpfeffer, Langpfeffer, Schwarzer Pfeffer (hauptsächlich), Ingwer, Galgant, Salz. Geröstetes Brot im Mörser zu Pulver gemahlen zum Eindicken. Ergebnis: intensive, dunkle Sauce, duftet stark nach Glühwein, Nelken, Zimt und Ingwer dominieren.
Bockenheim nennt sie explizit für Rehbraten (Rezept 18), Geflügel (Rezept 25), Fisch (Rezept 66) und wahlweise für gebratenen Pfau (Rezept 26). Die gleiche Saucen-Tradition findet sich in 'Wel ende edelike spijse' (Rezept 12) für Wildvögel wie Reiher und Kranich.
Nein, ein kräftiger Rotwein hat oft genug Eigensäure. Verjus ergibt eine hellere, frischere Note; Rotwein allein eine dunklere, vollere Sauce.
Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.
Schwarze Pfeffersauce, eines der häufigsten Saucen-Grundrezepte in der mittelalterlichen Küche Europas
geriebenes, geröstetes Brot als Bindemittel - typisch für mittelalterliche Saucen, lange vor der Mehlschwitze
Verjus, Saft unreifer Trauben, als Säuerungsmittel
‚für die Großen/Edelleute‘ - Bockenheim ordnet die Sauce der vornehmen Tafel zu; die Formel steht hier als Schlussklausel nach der Zubereitung, nicht als Kopfzeile
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| vino | wine Q282 |
| agresto | verjuice Q1060458 |
| zinzibere | ginger Q15046077 |
| garioffolis | clove Q15622897 |
| cynamomo | cinnamon Q28165 |
| pipere | pepper Q3143131 |
| uuam passam | raisin Q13186 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
pipere
Gewählte Lesart: Hauptsächlich schwarzer Pfeffer. Das Rezept nennt nur 'pipere', aber mittelalterliche Küche verwendete regelmäßig Pfeffersorten gemischt.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 11.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.