Le Ménagier de Paris · Paris · 1393
Um Vogelleim herzustellen, schäle die Stechpalme, wenn sie im Saft steht (dies ist gewöhnlich von Mai bis August). Koche dann die Rinde in Wasser, bis sich die obere Schicht löst, und schäle sie ab. Wenn die äußere Schicht abgeschält ist, wickle den Rest in Holunderblätter oder andere große Blätter ein. Lege ihn an einen kalten Ort (wie einen Keller, in die Erde oder in kalten Misthaufen) für neun Tage oder länger, bis er verrottet ist. Danach zerstoße ihn wie Kohlbrei und forme ihn zu Kuchen, ähnlich wie Waid. Wasche die Kuchen dann nacheinander und zerteile sie wie Wachs. Wasche sie nicht zu stark im ersten Wasser und verwende kein zu hartes Wasser. Danach kannst du alles zusammen zerteilen und in gut fließendem Wasser kneten. Gib es in einen Topf und bewahre es gut bedeckt auf. Wer wasserfesten Leim herstellen möchte, muss etwas Öl erhitzen und den Leim darin auflösen, um dann seine Leimrute damit zu bestreichen. Man stellt auch anderen Leim aus Weizen her.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| le houx | Stechpalmenrinde | Wald (Achtung: Stechpalme ist in vielen Regionen geschützt und darf nicht einfach entnommen werden!) | - |
| eaue | Wasser | Leitung | - |
| feuilles de yebles, de seur, ou autres larges feuilles | Holunderblätter oder andere große Blätter | Wald | - |
| uille | Öl | - | - |
| fourment | Weizen | - | - |
'Glus' ist der mittelalterliche Begriff für Vogelleim (Birdlime). Es handelt sich hierbei nicht um ein Lebensmittel, sondern um eine klebrige Substanz, die aus Pflanzenmaterial gewonnen und zum Fangen von Vögeln verwendet wurde. Leimruten oder -schnüre wurden damit bestrichen und in Bäumen oder Büschen platziert.
Nein, definitiv nicht. Vogelleim ist kein Lebensmittel - das Endprodukt dient dem Vogelfang per Leimrute, was heute in Deutschland und EU-weit verboten ist (EU-Vogelschutzrichtlinie, BJagdG, BNatSchG). Wir dokumentieren das Rezept rein historisch zur spätmittelalterlichen Haushaltsmanual-Tradition (das Ménagier vermischt Küche, Hauswirtschaft und Handwerk auf gleicher Ebene). Eine moderne Nachstellung wäre weder legal noch ethisch vertretbar.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Ménagier de Paris', einem französischen Haushaltsbuch, das um 1393 verfasst wurde. Es bietet Einblicke in die Lebensweise und die praktischen Fertigkeiten des späten Mittelalters, einschließlich der Jagd- und Fangmethoden.
'Houx' ist die Stechpalme (Ilex aquifolium), deren Rinde die Basis für diesen Leim bildet. 'Yebles, de seur' bezieht sich auf Holunder (Sambucus), dessen große Blätter zum Einwickeln der Rinde während des Verrottungsprozesses verwendet werden.
Vogelleim
Stechpalme
Holunder
Kohlbrei
Waid (eine Pflanze, deren Blätter zu blauem Farbstoff verarbeitet und oft in Kuchenform gepresst wurden)
kneten (mit der Handfläche)
Leimrute oder Leimschnur
Weizen
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
glus
Gewählte Lesart: Vogelleim.
Andere mögliche Lesart:
yebles, de seur
Gewählte Lesart: Holunderblätter.
Andere mögliche Lesart:
tourteaulx comme guede
Gewählte Lesart: Kuchen, ähnlich wie Waid (in Form und Konsistenz).
Andere mögliche Lesart:
lingne
Gewählte Lesart: Leimrute oder Leimschnur.
Andere mögliche Lesart:
Aus unseren ersten Übersetzungen. Dieses Rezept gehört zu unseren früh erschlossenen Texten und wird vielleicht noch einmal überprüft. Wir gehen die Rezepte gelegentlich erneut durch, wenn wir neue Erkenntnisse gewinnen.
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