Le Ménagier de Paris · Paris · 1393
Um guten Käse zu erkennen, merke dir: Guter Käse weist sechs Eigenschaften auf. Er sei nicht wie Argus, nicht wie Helena, noch wie Maria Magdalena, sondern vielmehr wie Lazarus und wie Martin, der dem Bischof Rede stand. Er sei keineswegs weiß wie Helena, keineswegs weinend wie Magdalena, nicht Argus, sondern gänzlich blind. Und er sei so schwer wie ein Wildochse. Er soll sich dem Daumen widersetzen und eine schorfige Rinde besitzen. Ohne Augen, ohne zu weinen, nicht weiß, schorfig, widerständig und wohl schwer.
Nein, dies ist kein Kochrezept, sondern ein Merkgedicht zur Beurteilung von Käse. Es kann jedoch als unterhaltsame Lektüre oder zur Demonstration mittelalterlicher Käsekenntnisse am Lagerfeuer dienen.
Dieses Merkgedicht stammt aus dem 'Ménagier de Paris', einem Haushaltsbuch, das um 1393 in Paris verfasst wurde. Es bietet Einblicke in die mittelalterliche Lebensweise und Küche des wohlhabenden Bürgertums.
Diese Figuren dienen als poetische Merkhilfen: 'Nicht Argus' bedeutet, der Käse soll keine Löcher ('Augen') haben. 'Nicht Helena' bedeutet, er soll nicht zu weiß sein. 'Nicht Maria Magdalena' bedeutet, er soll nicht 'weinen' oder Flüssigkeit abgeben.
Ein guter Käse soll: 1. blind sein (keine Löcher), 2. nicht weinen (keine Flüssigkeit abgeben), 3. nicht zu weiß sein, 4. eine schorfige Rinde haben, 5. widerständig auf Druck reagieren und 6. schwer sein.
Argus Panoptes, der hundertäugige Riese aus der griechischen Mythologie. Hier steht er für Käse ohne Löcher ('Augen').
Helena von Troja, bekannt für ihre Schönheit und helle Haut. Hier steht sie für Käse, der nicht zu weiß ist (was auf zu jungen Käse hindeuten könnte).
Maria Magdalena, oft weinend dargestellt. Hier steht sie für Käse, der nicht 'weint', also keine Flüssigkeit abgibt.
Lazarus, der von den Toten auferweckt wurde. Die genaue Eigenschaft, die Lazarus hier repräsentiert, ist im Gedicht nicht explizit aufgeführt, da die folgenden Zeilen die negativen Beispiele (Argus, Helena, Magdalena) aufgreifen. Er dient wohl eher als Teil der poetischen Struktur.
Heiliger Martin, der dem Papst antwortet. Ähnlich wie Lazarus wird die spezifische Eigenschaft, die Martin hier repräsentiert, nicht direkt in den Käseattributen der folgenden Zeilen wiederholt. Er ist Teil der poetischen Struktur.
Ein Wildochse oder Büffel, hier als Metapher für hohes Gewicht und Dichte des Käses.
Der Daumen, der hier als Prüfwerkzeug für die Konsistenz des Käses dient.
Eine schorfige, krustige Rinde, die auf einen gut gereiften Käse hindeutet.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Lazarus, et Martinus respondens pontifici
Gewählte Lesart: Diese Figuren sind Teil der poetischen Struktur und des Merksatzes, ihre spezifischen positiven Eigenschaften werden jedoch nicht direkt in die abschließende Liste der Käseattribute übersetzt. Die eigentlichen Eigenschaften ergeben sich aus den Negationen der anderen Figuren und den direkt genannten Attributen.
Andere mögliche Lesart:
bugle
Gewählte Lesart: Wildochse oder Büffel, als Metapher für hohes Gewicht und Dichte des Käses.
Andere mögliche Lesart:
tigneuse cotelle
Gewählte Lesart: Eine schorfige, krustige Rinde, die auf einen gut gereiften Käse hindeutet.
Andere mögliche Lesart:
Aus unseren ersten Übersetzungen. Dieses Rezept gehört zu unseren früh erschlossenen Texten und wird vielleicht noch einmal überprüft. Wir gehen die Rezepte gelegentlich erneut durch, wenn wir neue Erkenntnisse gewinnen.
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