Le Ménagier de Paris · Paris · 1393
Willst du guten Zunder machen, um Feuer mit dem Feuerstein zu entzünden, so nimm die überjährigen Walnussschalen oder die Rinde, die sich auf dem Walnussbaum bildet. Lege sie dann ganz oder in etwa zwei Finger breite Stücke geschnitten in einen Topf voller sehr starker Lauge. Lasse sie dort mindestens zwei Tage und eine Nacht lang ununterbrochen kochen. Solltest du keine Lauge haben, so nimm gute Asche und gib Wasser hinzu, um eine Aschelauge herzustellen. Dann lasse deine Walnussschalen oder Rinde darin für die oben genannte Zeit kochen und fülle stets Flüssigkeit nach, solange sie kocht. Kochst du sie in Lauge, fülle Lauge nach. Kochst du sie in Aschelauge, fülle Wasser nach. Und in jedem Fall, worin auch immer du sie kochst, wenn du Urin zum Nachfüllen verwenden könntest, würde das Ergebnis noch besser. Wenn sie so gekocht ist, reinige sie, und wasche sie dann in schönem, sauberem Wasser, um sie abzuspülen. Lege sie danach zum Trocknen in die Sonne oder in den Kamin, fern vom Feuer, damit sie nicht verbrennt; denn sie muss mäßig und in Ruhe trocknen. Und wenn sie trocken ist und man sie verwenden möchte, so schlage sie mit einem Holzhammer oder einem Stock, bis sie wie feine Fasern wird. Wenn man dann Feuer entzünden will, nimm eine Menge von der Größe einer Erbse und lege sie auf deinen Feuerstein, und du hast sogleich Feuer. Man braucht dann nur noch geschwefelte Dochte, um die Kerze anzuzünden. Bewahre den Zunder sauber und trocken auf.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| escume de noyer qui sont surannees | Alte Walnussschalen oder Rinde | Wald / Walnussbaum | - |
| lessive bien forte | Starke Lauge (aus Holzasche) | - | Kaliumhydroxid-Lösung (Vorsicht!) |
| cendres | Holzasche | - | - |
| eaue | Wasser | Leitung | - |
| pissat | Urin | - | - |
| maillet ou d'un baston | Holzhammer oder Stock | - | - |
| mesches ensouffrees | Geschwefelte Dochte | Online-Handel | Moderne Zündhölzer |
'Escume de noyer' bezieht sich wahrscheinlich auf die poröse innere Rinde oder eine spezifische Wucherung/Galle des Walnussbaums, die sich gut karbonisieren lässt. Du findest sie an älteren Walnussbäumen. Achte darauf, den Baum nicht zu beschädigen, wenn du Rinde entnimmst.
Ja, dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet, da es die Herstellung eines wichtigen Lagerbedarfs beschreibt. Die lange Kochzeit erfordert jedoch eine konstante Feuerstelle und Betreuung über mindestens zwei Tage und eine Nacht. Das Trocknen und Zerkleinern kann dann flexibel am Lager erfolgen. Der fertige Zunder ist leicht zu transportieren und zu lagern.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Ménagier de Paris', einem Haushaltsbuch, das um 1393 in Paris verfasst wurde. Es ist eine umfassende Anleitung für eine junge Ehefrau und deckt neben Kochrezepten auch Haushaltsführung, Gartenbau und andere praktische Fertigkeiten ab, die für einen wohlhabenden Haushalt des späten Mittelalters relevant waren.
Urin, oder 'pissat', war im Mittelalter ein häufig verwendeter chemischer Hilfsstoff. Er enthält Ammoniak und andere Salze, die in diesem Kontext dazu beitragen könnten, die Zellulosefasern der Walnussschalen aufzubrechen und die Karbonisierung zu verbessern, wodurch der Zunder leichter entflammbar wird. Aus hygienischen Gründen und wegen der Verfügbarkeit moderner Alternativen wird seine Verwendung heute jedoch nicht empfohlen.
Obwohl das Rezept hier nicht explizit einen Mörser nennt, sondern 'mit einem Holzhammer oder Stock schlagen', ist die Methode des Zerkleinerns zu feinen Fasern ähnlich. Für die Zunderherstellung ist ein großer Mörser oder eine robuste Schlagfläche mit einem schweren Holzhammer ideal, um die gekochten und getrockneten Materialien zu zerfasern. Alternativ kann man auch eine Küchenmaschine mit Schlagfunktion verwenden, um ein feines, faseriges Material zu erhalten.
Wörtlich 'Walnussschaum', hier im Kontext der Zunderherstellung wahrscheinlich die poröse innere Rinde oder eine spezifische Wucherung/Galle des Walnussbaums, die sich gut karbonisieren lässt.
Lauge, eine alkalische Lösung, traditionell aus Holzasche gewonnen.
Eine andere Bezeichnung für Lauge, insbesondere die durch Auslaugen von Asche gewonnene Flüssigkeit.
Urin, historisch oft als chemischer Hilfsstoff verwendet, hier zur Verbesserung des Zunderprozesses.
Ein feines, faseriges Material, ähnlich Werg oder einem Schwamm, das leicht entzündlich ist.
Mit Schwefel getränkte Dochte, die leicht entzündlich sind und als frühe Form von Zündhölzern dienten.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
escume de noyer
Gewählte Lesart: Walnussschalen oder Rinde
espurge
Gewählte Lesart: feine Fasern
Andere mögliche Lesarten:
Aus unseren ersten Übersetzungen. Dieses Rezept gehört zu unseren früh erschlossenen Texten und wird vielleicht noch einmal überprüft. Wir gehen die Rezepte gelegentlich erneut durch, wenn wir neue Erkenntnisse gewinnen.
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