Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du ein weißes Mus zubereiten, so nimm Mandeln dazu. Du musst auch das weiße Fleisch von Hahnhühnern haben. Hacke das Fleisch fein.
Zucker und Salz sollst du nicht vergessen, denn sonst wird das Gericht ganz fade. Du musst auch ein halbes Pfund Schweineschmalz haben.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| mandl | Mandeln | Supermarkt (Backregal) | Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen |
| das weyß von denn ham hueneren | Weißes Hühnerfleisch | Metzger, Supermarkt | - |
| czucker | Zucker | - | - |
| salz | Salz | - | - |
| ein 1/2 libra sweines fleysch smalcz | 250 g Schweineschmalz | Metzger, gut sortierter Supermarkt | Butterschmalz oder Pflanzenöl für eine vegetarische Variante |
Welches Gericht ist das? Mon-101 gehört zur Blancmanger-Familie - dem weißen Mandel-Huhn-Mus, das über Jahrhunderte und quer durch die europäischen Küchentraditionen als Prestigegericht galt (französisch blanc manger, italienisch biancomangiare, katalanisch menjar blanc). Diese Fassung ist eine schlanke, eher rustikale Variante ohne die sonst oft übliche Mandelmilch-Bindung - eine Kurzform, die die Zubereitung offenbar als bekannt voraussetzt. Im Korpus findet sich mit m5919-089 eine fast wortgleiche Parallelfassung aus einer anderen Handschrift, die exakt dasselbe Verfahren beschreibt.
Praxis. Die Mandeln werden gemahlen als Bindemittel bereitgestellt. Das weiße Fleisch der Hahnhühner wird fein mit dem Messer gehackt - der Text verlangt „chlain hacken", keine Mörserarbeit ist zwingend nötig, ein scharfes Messer und etwas Geduld reichen. Zucker und Salz werden untergemischt, sonst bleibt das Gericht fade. Das Schweineschmalz wird als Fett- und Bindekomponente eingearbeitet, wie bei den „weißen Müsen“ der Zeit üblich. Der Originaltext nennt keinen eigenen Garschritt - das Fleisch sollte vor oder während des Vermengens mit dem heißen Schmalz durcherhitzt werden, bis es gar ist, bevor die Masse angerichtet wird. Die Fettmenge ist auffällig hoch für die vage Fleischangabe (250 g Schmalz auf unbestimmt „weißes Fleisch“) - technisch verwandt mit dem Confit-Prinzip (Garen und Haltbarmachen von Fleisch in reichlich eigenem oder zugesetztem Fett), das in ähnlicher Form auch aus dem gascognisch-südwestfranzösischen Raum des Spätmittelalters belegt ist. Der entscheidende Unterschied: Hier wird das Fleisch fein gehackt und mit dem Schmalz zu einem Mus verarbeitet, nicht als ganzes Stück unter einer Fettschicht eingelagert und aufbewahrt - ein Verwandter des Confit-Prinzips also, kein Confit im engeren konservierungstechnischen Sinn.
Ein „Mus“ (mittelhochdeutsch ‚muos‘) bezeichnete im Mittelalter eine Speise von breiiger oder pastöser Konsistenz. Dies konnte aus Getreide, Gemüse, Obst oder, wie hier, aus fein gehacktem Fleisch bestehen. Die Zubereitung erforderte hier vor allem sorgfältiges Hacken des Fleisches mit dem Messer, um eine möglichst feine Konsistenz zu erzielen.
Dieses Rezept ist nur eingeschränkt für die Lagerküche geeignet. Das feine Hacken des Hühnerfleisches braucht Zeit und ein gutes Messer. Vor allem aber benötigen frisches Hühnerfleisch und Schweineschmalz eine durchgehende Kühlkette, was im Lager eine Herausforderung darstellen kann.
Dieses Rezept stammt aus dem „Mondseer Kochbuch“, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.
Im mittelalterlichen Kochstil war die Kombination von süßen und salzigen Geschmacksnoten in herzhaften Gerichten sehr verbreitet. Zucker war zudem ein teures Gewürz und diente als Statussymbol. Die explizite Erwähnung, beides nicht zu vergessen, unterstreicht die Bedeutung dieser Geschmacksbalance für das Gericht.
Bezeichnet Hahnhühner, also Kapaune oder Masthühner, die für ihr besonders zartes und reichhaltiges Fleisch geschätzt wurden.
Bedeutet hier ‚nichtsnutzig‘ oder ‚fade‘. Das Gericht würde ohne die genannten Zutaten seinen Geschmack verlieren.
Ein mittelalterliches Pfund, das je nach Region zwischen 300 und 500 Gramm variierte. Im bairisch-österreichischen Raum des 15. Jahrhunderts kann man von etwa 500 g ausgehen.
Mittelhochdeutsch ‚muos‘ bezeichnet hier eine breiige, pastöse Speise - nicht ‚Gemüse‘ im heutigen Sinn. Die Bedeutung hat sich seit dem Mittelalter deutlich verengt.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.