Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du einen Mandelmilch-Zucker zubereiten, so nimm viele Mandeln, so viel du haben möchtest. Stoße sie und seihe sie durch ein feines Tuch. Die so gewonnene Mandelmilch teile in zwei Portionen.
Eine Portion wärme in einem Topf und rühre sie dabei um. Die andere Portion Mandelmilch halte kälter und gieße sie dann, mit Zucker vermischt, über die warme Mandelmilch.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| mandel vill wie vil er haben will | Mandeln | Supermarkt (Backregal) | Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen |
| (implied) Wasser | Wasser | Leitung | - |
| czucker | Zucker | - | - |
Welches Gericht ist das? Mon-106 ist die schlichteste, ungebundene Form der mittelalterlichen Mandelmilch-Süßspeisen - die "kleine Schwester" von Rezepten wie dem Mandelkäs (mit Hausenblase gestockt) oder der Rosinen-Sülze (aufwendig geliert und geformt). Hier gibt es kein Bindemittel, kein Gerinnen, keine Form: Der Effekt entsteht durch unterschiedliche Behandlung zweier Portionen derselben Mandelmilch: eine wird unter Rühren eingekocht und leicht eingedickt, die andere bleibt roh und wird frisch gezuckert. Am ehesten vergleichbar mit einem einfachen Mandelmilch-Trunk aus gekochter und roher Portion - eine sehr frühe, formlose Vorstufe der späteren Blancmanger-Familie.
Mandelmilch war im Spätmittelalter das zentrale "Milch"-Substitut der gehobenen Küche: An Fast- und Abstinenztagen erlaubt, weil kein Tierprodukt, und zugleich ein Luxusgut wegen der teuren, importierten Mandeln. Dieses Rezept zeigt, wie aus derselben Grundmasse durch unterschiedliche Behandlung zweier Portionen - eine eingekocht und eingedickt, die andere roh und frisch gesüßt - ein einfaches, zweischichtiges Getränk ohne teures Bindemittel entsteht.
Praxis. Mandeln stoßen (oder fein mahlen) und mit Wasser durch ein feines Tuch seihen, bis eine glatte Mandelmilch entsteht. Die Milch in zwei Portionen teilen. Die eine Portion in einem Topf unter ständigem Rühren erwärmen und leicht einkochen, bis sie etwas eingedickt ist - das Rühren verhindert dabei ein Anbrennen am Topfboden. Die andere Portion roh und kälter lassen und erst jetzt mit Zucker vermischen, damit der Zucker frisch bleibt und nicht mitkocht. Zum Schluss die kalte, gezuckerte Portion über die warme, eingedickte gießen. Es entsteht kein festes Gericht, sondern ein einfacher, zweischichtiger Mandelmilch-Trunk - die Temperaturangabe im Text beschreibt dabei in erster Linie den Arbeitsablauf (erst einkochen, dann frisch süßen), nicht einen beabsichtigten Warm-Kalt-Kontrast beim Trinken.
Eine süße Mandelmilch-Zubereitung in zwei Schritten: Ein Teil der durchgeseihten Mandelmilch wird unter ständigem Rühren eingekocht und dadurch etwas eingedickt, der andere Teil bleibt roh und wird mit Zucker vermischt. Zum Schluss gießt du die kalte, gezuckerte Mandelmilch über die warme, eingedickte - ein einfaches, ungebundenes Dessert ohne teures Bindemittel. Die Temperaturangabe im Text ist dabei eher eine Verfahrensanweisung (erst kochen, dann frisch süßen) als ein beabsichtigter Warm-Kalt-Kontrast beim Servieren.
Goldstandard: Benötigt nur Mandeln, Zucker, Wasser und einen Topf am Feuer. Die Mandeln können fertig gemahlen mitgebracht werden. 'Kälter halten' kann durch einfaches Nicht-Erwärmen oder Kühlen im Bach erreicht werden.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, verfasst im bairisch-österreichischen Dialekt. Es gibt Einblicke in die gehobene Küche des Spätmittelalters.
'Seichen' bedeutet hier, die Mandelmilch durch ein feines Tuch zu passieren oder zu filtern, um alle festen Bestandteile der Mandeln zu entfernen und eine glatte Flüssigkeit zu erhalten.
Bezeichnet hier eine süße Speise oder Zubereitung aus Mandelmilch, nicht nur den Rohstoff Zucker.
Das Durchseihen durch ein Tuch dient dazu, die Mandelmilch von den festen Mandelresten zu trennen und eine feine, glatte Flüssigkeit zu erhalten.
Bedeutet, einen Teil der Mandelmilch ungewärmt/kühler zu lassen. „Wermen vnd rueren“ (erwärmen UND rühren) beschreibt einen aktiven Einkoch-/Eindickschritt - gerührt wird, um beim Reduzieren ein Anbrennen zu verhindern. Die kalt gebliebene, gezuckerte Portion bleibt dagegen ungekocht und frisch-süß. Die Temperaturangabe ist damit eine Verfahrensanweisung, kein beabsichtigter Warm-Kalt-Kontrast beim Trinken.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
chalter pehalten
Gewählte Lesart: Technischer Verfahrensschritt: Eine Portion wird unter Rühren eingekocht/eingedickt („wermen vnd rueren“ - Rühren spricht für aktives Reduzieren, nicht bloßes Warmhalten), die andere bleibt roh, kalt und wird erst dann gezuckert. Die Temperaturdifferenz ist Nebeneffekt der unterschiedlichen Behandlung, nicht der eigentliche Zweck.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.