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Mandelmilch-Töpfchen in der Fastenzeit

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit75 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm für die Fastenzeit Mandelmilch-Töpfchen. Bereite einen guten Mandel-Ziger zu und so viele Töpfchen, wie du haben möchtest.

Fülle die Töpfchen bis zu einem halben Finger unter den Rand. Lass diesen Raum leer, und wenn die Töpfchen eine Weile im Ofen gestanden sind, so dass sie beinahe gebacken sind, dann bereite eine dicke Mandelmilch zu.

Färbe diese Mandelmilch mit Safran und gieße sie oben in die Töpfchen über den Ziger. Schieb die Töpfchen wieder in den Ofen und lass sie ganz durchbacken. Serviere sie heiß mit Zucker.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
mandel ziger Mandel-Ziger - Selbstgemachter Mandel-Ricotta oder fester Mandelquark
topfflein Backförmchen - -
mandel milich Mandelmilch Supermarkt -
saffran Safran gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
czucker Zucker - -

Welches Gericht ist das? Ein festliches Fasten-Dessert: kleine Backförmchen mit Mandel-Ziger, vorgebacken, dann mit safrangelber dicker Mandelmilch übergossen und durchgebacken, heiß mit Zucker serviert. Es ist der milchfreie Fasten-Vorfahr des überbackenen Ricotta-Törtchens - ein Mandel-Cheesecake im Miniaturformat, komplett milchfrei. Der Mandel-Ziger ersetzt Quark, die Mandelmilch die Milch.

Der Ziger als standfeste Basis. Der Mandel-Ziger ist eine bereits geronnene, abgetropfte und leicht gepresste Masse (Mandelmilch durch Säure gefällt). Beim Backen schmilzt er nicht wie Milchkäse - ihm fehlen Milchfett und Casein -, sondern er trocknet und festigt sich und hält so die Form im Förmchen. Genau deshalb wird er erst fast durchgebacken, bevor die flüssige Deckschicht daraufkommt: eine noch weiche Zigermasse würde von der dünnen Milch aufgeweicht und unterwandert.

Die dicke Mandelmilch als Guss. Der Text schreibt eine dicke Mandelmilch vor, nennt aber - fastentypisch, also ohne Ei - kein Bindemittel. Dick wird sie nur über starke Reduktion, sehr hohen Mandelanteil oder einen Zusatz von Reis beziehungsweise Reismehl (Korpus-Konvention). Wer sie nur leicht eingedickt ansetzt, riskiert ein Topping, das im Ofen nicht stockt und beim Servieren verläuft. Der Safran ist reine Färbung (goldgelb, festlich), er bindet nichts.

Praxis. Mandel-Ziger herstellen (oder festen Mandel-Ricotta/Mandelquark nehmen), Förmchen bis einen halben Finger, also etwa 1 bis 1,5 cm, unter den Rand füllen und den Rand frei lassen. Im Ofen backen, bis der Ziger fest steht und fast durchgebacken ist. Währenddessen die dicke Mandelmilch ansetzen und mit einem hohen Mandelanteil oder etwas Reismehl auf Guss-Konsistenz bringen, mit Safran goldgelb färben. Über den Ziger gießen (der frei gelassene Rand fängt sie auf, nichts läuft über) und wieder in den Ofen, bis der Guss zu einer custardartigen Haut gestockt und alles ganz durchgebacken ist. Heiß mit Zucker bestreut servieren. Der Guss ist dabei nicht nur Deko, sondern auch der Feuchtigkeits-Deckel für den sonst zum Austrocknen neigenden Ziger.

Was ist Mandel-Ziger und wie mache ich ihn?

Mandel-Ziger ist ein milchfreier ‚Käse‘ aus Mandeln, der in der Fastenzeit als Ersatz für Quark oder Ricotta diente. Du kannst ihn herstellen, indem du Mandelmilch mit einer Säure (z.B. Zitronensaft oder Essig) gerinnen lässt, die Masse abtropfen lässt und leicht presst. Alternativ kannst du auch fertigen Mandel-Ricotta oder festen Mandelquark verwenden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt (Backofen): Dieses Rezept erfordert einen Backofen, um die kleinen Töpfchen gleichmäßig zu backen. Mit einem Dutch Oven ist es zwar machbar, erfordert aber viel Erfahrung und ständige Kontrolle der Hitze, um ein Anbrennen zu verhindern und ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen Sammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Fastenküche der Zeit wider.

Was bedeutet ‚ein halben vinger‘ als Mengenangabe?

‚Ein halben vinger‘ (ein halber Finger) ist eine historische, anschauliche Mengenangabe, die etwa 1 bis 1,5 Zentimeter entspricht. Hier bedeutet es, dass die Töpfchen nicht ganz bis zum Rand gefüllt werden sollen, um Platz für die spätere Mandelmilch-Schicht zu lassen.

ITem milich topflein in der vasten mach ein guetten mandel ziger vnd der topfflein Alsso vil vnd dw ir haben wilt vnd fuell die tophlein vol pis ainen halben vinger laß lar sten wann sy ein weil in dem offlein gestanden sind das sy nachendt gepachen sindt so mach ein dicke mandel milich vnd verb dy ab mit saffran vnd gewß oben in die toppfel In den cziger vnd schewß wider in den offen vnd laß gancz pachen vnd gibs hayß czw essen mit czucker etc.
mandel ziger

Ein ‚Ziger‘ bezeichnet einen Molken- beziehungsweise Frischkäse; hier die milchfreie Mandel-Variante: Mandelmilch, durch Säure zum Gerinnen gebracht und abgetropft - der klassische Fastenersatz für Quark oder Ricotta, um die Fastengebote einzuhalten.

offlein

Ein kleiner Backofen. Für dieses Rezept ist eine kontrollierte Backtemperatur wichtig, um die empfindlichen Töpfchen gleichmäßig zu garen.

vasten

Die christliche Fastenzeit, in der der Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten (außer Fisch) verboten war. Mandelmilch und Mandel-Ziger waren beliebte Ersatzprodukte.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 059r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmilich / mandel milich

Gewählte Lesart: Aufgrund des Kontextes ‚in der vasten‘ (in der Fastenzeit) und der späteren ausdrücklichen Nennung von ‚mandel milich‘ wird ‚milich‘ hier durchgängig als Mandelmilch interpretiert - der gängige Milchersatz während der Fastenzeit.

Andere mögliche Lesart:

  • Kuhmilch - Obwohl ‚milich‘ auch Kuhmilch bedeuten kann, wäre diese in der Fastenzeit verboten gewesen. Die Mandelmilch-Lesart ist daher im Kontext des Rezepts plausibler.

Lesarttopflein / topfflein / tophlein / toppfel

Gewählte Lesart: Die verschiedenen Schreibweisen werden als ‚Töpfchen‘ beziehungsweise ‚Backförmchen‘ übersetzt. Der Ablauf - einzeln füllen bis einen halben Finger unter den Rand, im ‚offlein‘ backen, dann mit Guss übergießen und fertigbacken - legt kleine, individuelle Backformen nahe, nicht einen einzelnen großen Kochtopf.

Lesartlaß lar sten

Gewählte Lesart: Diese Phrase wird als ‚lass [den oberen Teil] leer stehen‘ übersetzt (‚lar‘ = leer). Sie bezieht sich auf den zuvor genannten ‚halben vinger‘ Platz, der frei bleiben soll, um später die Safran-Mandelmilch aufzunehmen.

Andere mögliche Lesart:

  • lass gar stehen - Eine Verlesung von ‚lar‘ (leer) zu ‚gar‘ (fertig) wäre denkbar, würde aber dem nachfolgenden ‚nachendt gepachen sindt‘ (beinahe gebacken sind) widersprechen. Die Lesart ‚leer stehen lassen‘ ist im Kontext des Füllens und späteren Übergießens stimmiger.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 059r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Backofen): Ein präziser Backofen ist für das gleichmäßige Backen der kleinen Töpfchen ideal. Mit einem Dutch Oven ist es machbar, erfordert aber mehr Aufmerksamkeit und Erfahrung, um ein Anbrennen zu vermeiden.
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