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Ein gutes Beigericht (Scherz)

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit10 Min.Portionen1 Person (als kulinarischer Scherz)BuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Ein gutes Gericht, wer es gerne isst. Willst du ein gutes Beigericht zubereiten, so nimm Sydelblut - das macht den Magen ganz heiß. Und nimm Schmalz aus Kieselsteinen - das ist gut für die Mädchen, die hüftlahm sind. Und nimm Brombeeren und Erdbeeren - das ist das allerbeste Ding. Bist du nicht an Sinnen taub, so nimm grünes Weinlaub. Du sollst Binsen nehmen, Liebstöckel und Minze. Das sind gute Gewürze für die großen Fürze. Nimm Stieglitzfersen und Mückenfüße - das macht das Köstlein ganz süß. Das ist gut und mag wohl sein ein gutes, leckeres Speisegerichtlein. Ach, und versalz es nur nicht, denn es ist ein gutes Gericht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
sydeln sweyz Sydelblut - Nichts (Scherzzutat)
kiselinges smaltz Schmalz aus Kieselsteinen - Nichts (Scherzzutat)
bromber Brombeeren Supermarkt, Wochenmarkt, Wald -
bresteling Erdbeeren Supermarkt, Wochenmarkt, Wald -
gruen wingart laup Grünes Weinlaub Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt -
binzen Binsen - Nichts (Scherzzutat)
luebstickel Liebstöckel Supermarkt, Gärtnerei -
minzen Minze Supermarkt, Gärtnerei -
stigelitzes versen Stieglitzfersen - Nichts (Scherzzutat)
mucken fuozze Mückenfüße - Nichts (Scherzzutat)

Welches Gericht ist das? Dies ist kein Kochrezept, sondern ein mittelalterlicher Küchenscherz in Reimform - ein Rätselgedicht, das die Form eines Rezepts für Unsinn und Wortwitz nutzt. Im Buch von guter Speise steht es unmittelbar nach einem sehr ähnlich aufgebauten Scherzrezept, mit dem es sogar wörtlich die Zutat mucken fuozze (Mückenfüße) teilt; beide bilden gemeinsam den Abschluss des ersten Sammlungsteils. Die realen Zutaten der Aufzählung - Brombeeren, Erdbeeren, Weinlaub, Liebstöckel, Minze - würden für sich genommen zu einem Beeren-Kräuter-Mus passen; hier werden sie bewusst mit unmöglichen Fantasiezutaten gemischt, damit der Scherz funktioniert.

Die unmögliche Zutat ‚Sydelblut‘. Der Begriff sydeln sweyz lässt sich nicht sicher deuten. 'sweyz' meint dabei nicht Schweiß, sondern in der mittelhochdeutschen Jägersprache Blut des erlegten Wilds (vgl. nhd. „Schweißhund“). Wer oder was mit 'sydel' gemeint ist, bleibt offen - die verbreitete Lesart ‚Sumpfbinse‘ ist als Pflanzenname nicht belegt, die einschlägige mittelhochdeutsche Lexik führt den Wortstamm eher auf sedel (Sitz, Wohnstatt) zurück. Sicher ist nur die Funktion: wie kiselinges smaltz, stigelitzes versen und mucken fuozze benennt die Zeile etwas Unmögliches, keine reale Zutat.

Praxis. Nachkochen lässt sich hier nichts - es gibt weder Mengenangaben noch eine Zubereitungsreihenfolge, weder Hitze noch Bindung. Die real vorkommenden Zutaten (Brombeeren, Erdbeeren, Weinlaub, Liebstöckel, Minze) liest man am besten als Anspielung auf ein echtes Beeren-Kräuter-Mus, nicht als Einkaufsliste. Wer den Scherz vortragen will, braucht nur den Reim - ein Kochtopf bleibt kalt.

Wo bekomme ich Sydelblut oder Stieglitzfersen?

Diese 'Zutaten' sind Teil des Scherzes und nicht real. Sie sind unmöglich zu beschaffen und sollen den humoristischen Charakter des Rezepts unterstreichen. Es gibt keine Bezugsquellen dafür.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist ein kulinarischer Scherz und nicht zur tatsächlichen Zubereitung gedacht. Es enthält unmögliche und ungenießbare 'Zutaten'. Es kann jedoch als Gesprächsanlass oder zur Unterhaltung am Lagerfeuer dienen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus 'Das Buch von guter Speise', dem ältesten deutschsprachigen Kochbuch, entstanden um 1350 im Umfeld des Würzburger Bischofshaushalts. Es gibt Einblicke in die höfische und bürgerliche Küche der Zeit, aber auch in Humor und Rätselkultur.

Was bedeutet 'sydeln sweyz' oder 'kiselinges smaltz' im Rezept?

'Sydeln sweyz' heißt wörtlich 'Blut des/der Sydel' ('sweyz' meint in der mittelhochdeutschen Jägersprache Blut, nicht Schweiß) - wer oder was mit 'sydel' gemeint ist, bleibt eine ungeklärte Scherzzutat. 'Kiselinges smaltz' bedeutet wörtlich 'Schmalz aus Kieselsteinen'. Beides sind humoristische, unmögliche Zutaten, die den Leser amüsieren oder verwirren sollen und für Witz und Ironie in mittelalterlichen Kochbüchern stehen.

Ein guot gerihte, der ez gern izzet. Wilt du machen ein guot bigeriht, so nim sydeln sweyz, daz macht den magen gar heiz, vnd nim kiselinges smaltz, daz ist den meiden guot, die do sin hueffehaltz. vnd nim bromber vnd bresteling, daz ist daz aller beste ding. bist du niht an sinnen taup, so nim gruen wingart laup. du solt nemen binzen, luebstickel vnd minzen. daz sint guote wuertze fuer die grozzen furtze. nim stigelitzes versen vnd mucken fuozze, daz macht das koestlin allez suezze, daz ist guot vnd mag wol sin ein guot lecker spigerihtelin. Ach, vnd versaltz nuer niht, wanne ez ist ein guot geriht.
sydeln sweyz

Wörtlich ‚Blut des/der Sydel‘ - nicht ‚Schweiß‘: 'sweiz' meint in der mittelhochdeutschen Jägersprache das Blut des erlegten Wilds (vgl. Grimm: „der bluotec sweiz“, Parzival 387,24; daher auch nhd. „Schweißhund“). Die verbreitete Deutung ‚Schweiß der Sumpfbinse‘ ist zudem als Pflanzenname nicht belegt: Die einschlägige mittelhochdeutsche Lexik (MHDBDB) führt den Wortstamm ‚sydel/sedel‘ vorrangig auf ‚Sitz, Wohnstatt‘ zurück. Die Identität von ‚sydel‘ bleibt ein ungeklärtes Hapax - in jedem Fall eine Scherzzutat (Blut von etwas Unklarem/Unmöglichem), die für ‚nichts‘ oder Unmögliches steht.

kiselinges smaltz

Wörtlich 'Kieslingsschmalz', eine weitere Scherzzutat, die auf die Unmöglichkeit der Beschaffung hinweist.

hueffehaltz

Hüftlahm, hüftgelähmt - eine Behinderung, keine bloße Steifheit.

bresteling

Erdbeeren (alemannisch Bräschtling/Brestling) - hier neben Brombeeren (bromber) genannt, die eine 'normale' Zeile in diesem Scherzrezept. Nicht Preiselbeeren.

wingart laup

Weinlaub, Blätter des Weinstocks.

binzen

Binsen, eine Sumpfpflanze, die nicht essbar ist; hier eine Scherzzutat.

stigelitzes versen

Wörtlich 'Fersen des Stieglitz' (mhd. 'verse' = Ferse, nicht zu verwechseln mit nhd. 'Vers'). Stieglitz (Distelfink) ist als 'carduelis' belegt - Fersen als Speisezutat sind natürlich unmöglich.

mucken fuozze

Wörtlich 'Mückenfüße', eine unmögliche Scherzzutat.

furtze

Fürze, Blähungen.

spigerihtelin

Kleines Speisegericht.

wanne

Sieht wie temporales 'wann/wenn' aus, steht hier aber kausal für 'denn/weil' ('wanne ez ist ein guot geriht' = 'denn es ist ein gutes Gericht').

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 162r
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsydeln sweyz

Gewählte Lesart: 'sweyz' = Blut (mhd. Jägersprache, vgl. Grimm „der bluotec sweiz“, Parzival 387,24; nhd. „Schweißhund“), nicht Schweiß im Sinne von Perspiration. 'sydel' bleibt unklar - MHDBDB führt den Wortstamm eher auf 'sedel' (Sitz, Wohnstatt) zurück als auf einen Pflanzennamen wie 'Sumpfbinse'. Als Ganzes eine Scherzzutat ('Blut von etwas Unklarem/Unmöglichem'), die für 'nichts' oder etwas nicht Beschaffbares steht.

Andere mögliche Lesart:

  • 'sydel' als Ableitung von mhd. 'sedel' (Sitz, Wohnstatt, Bank) statt als Pflanzenname 'Binse' - der Ausdruck bezöge sich dann eher auf einen Ort/Gegenstand als auf ein Gewächs. - Die MHDBDB-Lemmatisierung für 'sydel/sydeln' führt vorrangig zu 'sedel' (Bedeutungsfeld Wohnen/Sitz), nicht zu einem botanischen Beleg für 'Sumpfbinse'. Diese Spur wurde bislang nicht verfolgt und macht die gängige Übersetzung 'Schweiß/Blut der Sumpfbinse' zu einer plausiblen, aber nicht zwingenden Deutung. Da beide Lesarten im Kontext gleichermaßen als Unsinn-Zutat funktionieren, bleibt der Begriff ein echtes Hapax ohne sichere Auflösung.

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 162r, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Gericht, sondern ein mittelalterlicher Küchen-Scherz/Rätsel - nicht zum Nachkochen.
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