Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350
Ein gutes Gericht, wer es gerne isst. Willst du ein gutes Beigericht zubereiten, so nimm Sydelblut - das macht den Magen ganz heiß. Und nimm Schmalz aus Kieselsteinen - das ist gut für die Mädchen, die hüftlahm sind. Und nimm Brombeeren und Erdbeeren - das ist das allerbeste Ding. Bist du nicht an Sinnen taub, so nimm grünes Weinlaub. Du sollst Binsen nehmen, Liebstöckel und Minze. Das sind gute Gewürze für die großen Fürze. Nimm Stieglitzfersen und Mückenfüße - das macht das Köstlein ganz süß. Das ist gut und mag wohl sein ein gutes, leckeres Speisegerichtlein. Ach, und versalz es nur nicht, denn es ist ein gutes Gericht.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| sydeln sweyz | Sydelblut | - | Nichts (Scherzzutat) |
| kiselinges smaltz | Schmalz aus Kieselsteinen | - | Nichts (Scherzzutat) |
| bromber | Brombeeren | Supermarkt, Wochenmarkt, Wald | - |
| bresteling | Erdbeeren | Supermarkt, Wochenmarkt, Wald | - |
| gruen wingart laup | Grünes Weinlaub | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt | - |
| binzen | Binsen | - | Nichts (Scherzzutat) |
| luebstickel | Liebstöckel | Supermarkt, Gärtnerei | - |
| minzen | Minze | Supermarkt, Gärtnerei | - |
| stigelitzes versen | Stieglitzfersen | - | Nichts (Scherzzutat) |
| mucken fuozze | Mückenfüße | - | Nichts (Scherzzutat) |
Welches Gericht ist das? Dies ist kein Kochrezept, sondern ein mittelalterlicher Küchenscherz in Reimform - ein Rätselgedicht, das die Form eines Rezepts für Unsinn und Wortwitz nutzt. Im Buch von guter Speise steht es unmittelbar nach einem sehr ähnlich aufgebauten Scherzrezept, mit dem es sogar wörtlich die Zutat mucken fuozze (Mückenfüße) teilt; beide bilden gemeinsam den Abschluss des ersten Sammlungsteils. Die realen Zutaten der Aufzählung - Brombeeren, Erdbeeren, Weinlaub, Liebstöckel, Minze - würden für sich genommen zu einem Beeren-Kräuter-Mus passen; hier werden sie bewusst mit unmöglichen Fantasiezutaten gemischt, damit der Scherz funktioniert.
Die unmögliche Zutat ‚Sydelblut‘. Der Begriff sydeln sweyz lässt sich nicht sicher deuten. 'sweyz' meint dabei nicht Schweiß, sondern in der mittelhochdeutschen Jägersprache Blut des erlegten Wilds (vgl. nhd. „Schweißhund“). Wer oder was mit 'sydel' gemeint ist, bleibt offen - die verbreitete Lesart ‚Sumpfbinse‘ ist als Pflanzenname nicht belegt, die einschlägige mittelhochdeutsche Lexik führt den Wortstamm eher auf sedel (Sitz, Wohnstatt) zurück. Sicher ist nur die Funktion: wie kiselinges smaltz, stigelitzes versen und mucken fuozze benennt die Zeile etwas Unmögliches, keine reale Zutat.
Praxis. Nachkochen lässt sich hier nichts - es gibt weder Mengenangaben noch eine Zubereitungsreihenfolge, weder Hitze noch Bindung. Die real vorkommenden Zutaten (Brombeeren, Erdbeeren, Weinlaub, Liebstöckel, Minze) liest man am besten als Anspielung auf ein echtes Beeren-Kräuter-Mus, nicht als Einkaufsliste. Wer den Scherz vortragen will, braucht nur den Reim - ein Kochtopf bleibt kalt.
Diese 'Zutaten' sind Teil des Scherzes und nicht real. Sie sind unmöglich zu beschaffen und sollen den humoristischen Charakter des Rezepts unterstreichen. Es gibt keine Bezugsquellen dafür.
Nein, dieses Rezept ist ein kulinarischer Scherz und nicht zur tatsächlichen Zubereitung gedacht. Es enthält unmögliche und ungenießbare 'Zutaten'. Es kann jedoch als Gesprächsanlass oder zur Unterhaltung am Lagerfeuer dienen.
Dieses Rezept stammt aus 'Das Buch von guter Speise', dem ältesten deutschsprachigen Kochbuch, entstanden um 1350 im Umfeld des Würzburger Bischofshaushalts. Es gibt Einblicke in die höfische und bürgerliche Küche der Zeit, aber auch in Humor und Rätselkultur.
'Sydeln sweyz' heißt wörtlich 'Blut des/der Sydel' ('sweyz' meint in der mittelhochdeutschen Jägersprache Blut, nicht Schweiß) - wer oder was mit 'sydel' gemeint ist, bleibt eine ungeklärte Scherzzutat. 'Kiselinges smaltz' bedeutet wörtlich 'Schmalz aus Kieselsteinen'. Beides sind humoristische, unmögliche Zutaten, die den Leser amüsieren oder verwirren sollen und für Witz und Ironie in mittelalterlichen Kochbüchern stehen.
Wörtlich ‚Blut des/der Sydel‘ - nicht ‚Schweiß‘: 'sweiz' meint in der mittelhochdeutschen Jägersprache das Blut des erlegten Wilds (vgl. Grimm: „der bluotec sweiz“, Parzival 387,24; daher auch nhd. „Schweißhund“). Die verbreitete Deutung ‚Schweiß der Sumpfbinse‘ ist zudem als Pflanzenname nicht belegt: Die einschlägige mittelhochdeutsche Lexik (MHDBDB) führt den Wortstamm ‚sydel/sedel‘ vorrangig auf ‚Sitz, Wohnstatt‘ zurück. Die Identität von ‚sydel‘ bleibt ein ungeklärtes Hapax - in jedem Fall eine Scherzzutat (Blut von etwas Unklarem/Unmöglichem), die für ‚nichts‘ oder Unmögliches steht.
Wörtlich 'Kieslingsschmalz', eine weitere Scherzzutat, die auf die Unmöglichkeit der Beschaffung hinweist.
Hüftlahm, hüftgelähmt - eine Behinderung, keine bloße Steifheit.
Erdbeeren (alemannisch Bräschtling/Brestling) - hier neben Brombeeren (bromber) genannt, die eine 'normale' Zeile in diesem Scherzrezept. Nicht Preiselbeeren.
Weinlaub, Blätter des Weinstocks.
Binsen, eine Sumpfpflanze, die nicht essbar ist; hier eine Scherzzutat.
Wörtlich 'Fersen des Stieglitz' (mhd. 'verse' = Ferse, nicht zu verwechseln mit nhd. 'Vers'). Stieglitz (Distelfink) ist als 'carduelis' belegt - Fersen als Speisezutat sind natürlich unmöglich.
Wörtlich 'Mückenfüße', eine unmögliche Scherzzutat.
Fürze, Blähungen.
Kleines Speisegericht.
Sieht wie temporales 'wann/wenn' aus, steht hier aber kausal für 'denn/weil' ('wanne ez ist ein guot geriht' = 'denn es ist ein gutes Gericht').
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: 'sweyz' = Blut (mhd. Jägersprache, vgl. Grimm „der bluotec sweiz“, Parzival 387,24; nhd. „Schweißhund“), nicht Schweiß im Sinne von Perspiration. 'sydel' bleibt unklar - MHDBDB führt den Wortstamm eher auf 'sedel' (Sitz, Wohnstatt) zurück als auf einen Pflanzennamen wie 'Sumpfbinse'. Als Ganzes eine Scherzzutat ('Blut von etwas Unklarem/Unmöglichem'), die für 'nichts' oder etwas nicht Beschaffbares steht.
Andere mögliche Lesart:
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