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Kalbsrollbraten mit fließender Gewürzsauce

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

LagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit180 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Man nehme einen Ochsenspeck, aus einem Kalb gemacht und gebraten, und das Bratstück gut zusammengeschlagen, die Schwarte nach außen gekehrt und in ein Tuch gewickelt. Gut abgewürzt, und lass es erkalten und schneide es dünn in Scheiben, gekocht, fingerbreit gemacht, mit einer fließenden Sülze. Und versalze es nicht und gib es hin.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
eime kalbe 1-1.5 kg Kalbfleisch (z.B. Brust oder Schulter mit Haut) Metzger (auf Vorbestellung) Kalbsbrust ohne Haut, dann mit Speck umwickeln
wol abe gewuertz nach Geschmack kräftig abgewürzt - -
einer fliezzende sultze 500 ml kräftige Brühe (Kalb oder Geflügel) Supermarkt / Metzger -
einer fliezzende sultze 100 ml Weißweinessig Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Ein Kalbsrollbraten, der ohsen spec (Ochsenspeck) nachbildet: dünn geklopftes, kurz angebratenes Kalbfleisch wird gerollt, fest in ein Tuch gewickelt, gegart, erkalten gelassen und dünn aufgeschnitten - kalt serviert mit einer würzigen, dünnflüssigen Essig-Brühe. Verwandt ist die deutsche Tradition kalter Rollbraten- und Roulade-Aufschnitte: Fleisch wird flachgeklopft, gerollt, in Tuch oder Netz gegart, gepresst und kalt in Scheiben serviert.

Ochsenspeck vom Kalb. Einen ohsen spec gemaht von eime kalbe - das fertige Stück soll in Form und Schnittbild an Ochsenspeck (ein geschichtetes/gerolltes Fleischstück) erinnern, ist aber aus Kalb gemacht. Gebroten bezeichnet einen echten Garschritt vor dem Rollen; ob damit ein kurzes Anbraten oder ein längeres Durchbraten gemeint ist, bleibt offen, denn das Fleisch wird im Anschluss ohnehin im Tuch weitergegart. Wol geslagen daz gebrete an ein ander: das Fleisch wird gut flachgeklopft und zusammengelegt, die swarten vz gekeret - die Schwarte (Haut) nach außen gedreht, gewunden in ein tuoch - fest ins Tuch gewickelt, das beim Garen die Rolle in Form hält.

Die fließende Sülze - kein Aspik. Einer fliezzende sultze ist hier ausdrücklich fliezzende (fließend), also gerade KEINE feste, kalte Gallerte. Sultze meint in diesem Buch eine würzige, oft essighaltige Sauce/Beize - eine dünnflüssige Gewürz-Essig-Brühe, die über die kalten Scheiben gegossen wird. Die Säure belebt das kalte Fleisch.

Versalz-Warnung. Versaltz niht - eine ausdrückliche Warnung vor dem Übersalzen; eine Begründung nennt der Text dafür nicht.

Praxis. Klopfe ca. 1-1,5 kg Kalbfleisch (Brust oder Schulter, mit Schwarte wenn erhältlich) dünn und brate es kurz von beiden Seiten scharf an. Würze kräftig - der Text nennt keine einzelnen Gewürze, eine kräftige mittelalterliche Gewürzmischung (z.B. Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelke) reicht aus -, rolle es fest zusammen und binde es straff in ein Tuch. Pochiere es in kräftiger Brühe, bis eine Garprobe zeigt, dass es durch ist, und lass es danach vollständig auskühlen, am besten kühl gestellt. Schneide es dünn auf. Für die fließende Sauce eignet sich eine kräftige Brühe mit einem Schuss Essig und derselben Gewürzmischung, kurz aufgekocht und abgekühlt, über die kalten Scheiben gegeben. Sparsam salzen.

Wo bekomme ich Kalbfleisch mit Haut?

Kalbfleisch mit Haut ist nicht immer im Standardsortiment eines Supermarktes erhältlich. Am besten fragen Sie bei Ihrem Metzger nach und bestellen es vor. Alternativ können Sie Kalbsbrust ohne Haut verwenden und diese vor dem Rollen mit dünnen Scheiben Schweinespeck umwickeln, um eine ähnliche Textur und Fettigkeit zu erzielen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Direkt am Lager ist dieses Rezept nur bedingt geeignet, da es mehrere Schritte wie das Kochen eines Rollbratens, das Abkühlen und die Zubereitung einer separaten Sauce erfordert. Es lässt sich jedoch hervorragend vorbereiten: Der Rollbraten kann zu Hause gekocht, abgekühlt und in Scheiben geschnitten werden. Die Sauce kann ebenfalls vorbereitet und in einem verschließbaren Gefäß transportiert werden. Am Lager müssen die Scheiben dann nur noch angerichtet und mit der Sauce übergossen werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus 'Das Buch von guter Speise', einem der ältesten bekannten Kochbücher in deutscher Sprache. Es wurde um 1350 im süddeutschen Raum verfasst und gibt Einblicke in die höfische und bürgerliche Küche des Spätmittelalters.

Was bedeutet 'fliezzende sultze' im Rezept?

'Fliezzende sultze' bedeutet 'fließende Sülze'. Im mittelalterlichen Kontext ist dies keine feste Gallerte, sondern eine dünnflüssige, oft mit Essig und kräftigen Gewürzen zubereitete Sauce oder Brühe, die zum Servieren von Fleischgerichten verwendet wurde.

Ein guot geriht. Einen ohsen spec gemaht von eime kalbe gebroten vnd wol geslagen daz gebrete an ein ander vnd die swarten vz gekeret vnd gewunden in ein tuoch. wol abe gewuertz, vnd loz erkalden vnd duenne schineht gesoten. vingers breit gemaht einer fliezzende sultze. vnd versaltz niht vnd gibz hin.
ohsen spec

Ochsenspeck - hier ein Kalbsrollbraten, der in Form und Schnittbild ein gerolltes/geschichtetes Ochsenfleisch-Stück nachbildet.

gebroten

Flektierte Form von mhd. brâten (braten/rösten) - ein echter Garschritt vor dem Zusammenschlagen und Rollen. Ob damit ein kurzes Anbraten oder ein vollständiges Durchbraten gemeint ist, bleibt offen, da das Fleisch danach ohnehin im Tuch weitergegart (gesoten) wird.

wol abe gewuertz

Gut abgewürzt - der Text nennt keine einzelnen Gewürze. Eine kräftige mittelalterliche Gewürzmischung (z.B. Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelke) reicht aus; jede genauere Aufschlüsselung mit Mengenangaben wäre freie Erfindung.

swarten vz gekeret

Die Schwarte (Haut) nach außen gedreht - sie hält die Rolle zusammen und gibt das charakteristische Schnittbild.

gewunden in ein tuoch

Fest in ein Tuch gewickelt - hält die Rolle beim Garen in Form (Roulade-/Pressterrinen-Technik).

fliezzende sultze

'Fließende Sülze' - ausdrücklich KEIN festes Aspik, sondern eine dünnflüssige, gewürzte Essig-Brühe als Sauce über das kalte Fleisch. 'Sultze' meint im Buch von guter Speise eine würzige Beize/Sauce.

versaltz niht

Eine ausdrückliche Warnung vor dem Übersalzen - der Text nennt dafür keine Begründung.

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 165v
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartfliezzende sultze

Gewählte Lesart: Eine dünnflüssige, gewürzte Essig-Brühe als Sauce - das Wort 'fliezzende' (fließend) schließt eine feste, kalte Gallerte ausdrücklich aus.

Lesartohsen spec gemaht von eime kalbe

Gewählte Lesart: Ein Kalbsrollbraten, der in Zubereitung und Schnittbild Ochsenspeck nachbildet - das Fleisch ist Kalb, nicht Ochse.

Lesartgebroten

Gewählte Lesart: Ein echter Garschritt (braten/anbraten) vor dem Rollen; ob kurzes Anbraten oder längeres Durchbraten gemeint ist, bleibt offen, da das Fleisch im Anschluss im Tuch weitergegart wird.

Lesartduenne schineht

Gewählte Lesart: Dünn in schienen-/streifenförmigen Scheiben (vermutlich von mhd. schîne, Schiene/Leiste, + Adjektivsuffix -eht) - eine plausible Deutung, aber 'schineht' ist im gesamten Korpus nur an dieser Stelle belegt (Hapax legomenon).

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 165v, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am Topf über dem Feuer gut garbar, aber das Fleisch muss erkalten und dünn aufgeschnitten kalt serviert werden - braucht also Kaltstellen/Kühlung. Rollbraten und Sauce lassen sich zu Hause vorbereiten und gekühlt mitbringen, vor Ort nur noch anrichten.
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