Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350
Wenn Ihr heidnische Köpfe machen wollt: Macht einen schönen Fladen aus geviertelten Hühnern, gut bestreut, mit gewürfelten Äpfeln, und würzt es genug und mengt es mit Eiern. Und schiebt es in einen Ofen, dass es gebacken wird, und legt es auf eine Scheibe, mit zwei starken Spießen, einem fingerdicken mitten hindurchgesteckt. Einen Pastetenkopf darauf gesetzt, gut mit Hühnern gefüllt, einen Kalbskopf, gekocht (ein Wort im Original bleibt ungeklärt), ganz auf einen Rost gelegt, gut mit Eiern bestrichen, dass es schön werde vom Safran. Auf den Fladen gesetzt, und hartes Eigelb in seinen Mund gestoßen, in Blumen geschnittenes weißes Ei gut bestreut in die Köpfe, dazu kleine gebackene Küchlein an Spieße gesteckt ringsum besetzt.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| vierteil huenren | Geviertelte Hühner | - | Metzger / Supermarkt | - |
| wuerfeleht epfele | Gewürfelte Äpfel | - | Supermarkt / Wochenmarkt | - |
| wuertzez genuoc | Gewürze (z.B. Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat) | - | - | - |
| eyern | Eier | - | Supermarkt / Wochenmarkt | - |
| kalbes haubt | Kalbskopf, gekocht | - | Metzger (Vorbestellung empfehlenswert) | - |
| saffrane | Safranfäden | - | Supermarkt / Gewürzhandel | - |
| eyerstotern herte | Hartgekochte Eigelb | - | Supermarkt / Wochenmarkt | - |
| wizzen eiern | Hartgekochte Eiweiße | - | Supermarkt / Wochenmarkt | - |
| cleine gebacken kuochen | Kleine gebackene Kuchen (dekorativ) | - | Bäcker / Supermarkt (Fertigkuchen) | - |
Welches Gericht ist das? Ein spätmittelalterliches Schaugericht (Entremet), kein Alltagsgericht: ein herzhafter Hühner-Apfel-Fladen, mit Ei gebunden und gebacken - am ehesten vergleichbar mit einer heutigen herzhaften Quiche oder Frittata aus Fleisch, Obst und Ei -, trägt einen kunstvoll geformten Pastetenkopf (gefüllt mit Hühnerfleisch) und einen zweiten, echten Kopf - einen gekochten Kalbskopf -, beide goldgelb mit Safran-Ei glasiert. Der Plural im Namen ('heidnische Köpfe') erklärt sich damit vermutlich wörtlich: ein künstlicher und ein echter Kopf zusammen. Garniert wird mit zerstoßenem Eigelb, zu Blumen geschnittenem Eiweiß und ringsum aufgespießten Küchlein. Verwandt mit der Prunkplatte bgs-094, dem direkten Vorgänger im Buch und dem einzigen echten Konstruktions-Zwilling (gleiches Fladen-Spieß-Pastetenkopf-Bauprinzip); mha-289 und via-171 gehören zwar zum selben Schaugericht-Genre, folgen aber einem anderen Grundverfahren.
Der Fladen. Vierteil huenren ... wuerfeleht epfele ... mengez mit eyern - geviertelte Hühner, gewürfelte Äpfel, gut gewürzt, mit Eiern gebunden und im Ofen gebacken. Die Äpfel bringen die süß-herbe Note zum Geflügel. Der Fladen muss fest genug sein, um den Kopf zu tragen - der Text selbst nennt dafür keine Lösung jenseits der Scheiben-Spieß-Konstruktion.
Die Stabilisierung. Legez vf ein schiben, zwene starke spizze ... als einen vinger mitten drin gestecket - der gebackene Fladen wird zuerst auf eine Scheibe (ein rundes Brett oder eine Servierplatte, derselbe Begriff wie im Zwilling bgs-094) gelegt, dann zwei kräftige Spieße hindurchgesteckt, ein dritter (fingerdicker) mittig dazu. Das Prinzip (Scheibe als Standfläche, Spieße als Ständer) ist nachvollziehbar, doch der Text lässt offen, wie der Pastetenkopf am Fladen befestigt wird und ob eine Ruhe- oder Trockenzeit dazwischenliegt - die Standfestigkeit bleibt der unsichere Punkt der Konstruktion.
Der goldene Kopf. Ein bastel kopf ... mit huenren wol gefuellet, kalbes haubt ... geleit gantz vf einen rost - eine Pastetenkopf-Hülle aus Teig, mit gekochtem Huhn gefüllt, und ein gekochter Kalbskopf werden gemeinsam ganz auf einen Rost gelegt und dick mit safrangelb gefärbtem Ei bestrichen, damit beide leuchtend goldgelb backen. Ob der Kalbskopf hier als zweiter, echter Kopf neben der Pastete liegt oder ob die Formulierung stattdessen die Form des Pastetenkopfs selbst beschreibt, lässt der Text offen (siehe dokumentierte Lesart). Die Farbe kommt vom saffran - das periodentreue Gelb, kein moderner Behelf. An dieser Stelle steht im Text zudem das unklare Wort „drue“; eine zweite Überlieferung liest hier „drin“ (darin/dabei gesotten), was neben einer älteren Zahlwort-Vermutung als offene Lesart dokumentiert ist.
Die Garnitur. Eyerstotern herte ... in sin munt, bluomen gesniten von wizzen eiern wol gestrauwet in die haubt - hartgekochtes Eigelb wird zerstoßen und in den Mund [eines der Köpfe] gestopft, hartes Eiweiß zu Blumen geschnitten und in die Köpfe gestreut. Die Köpfe werden damit als plastische Formen mit Mund lesbar, nicht nur als Bezeichnung für das Gericht insgesamt. Dazu kleine gebackene Küchlein auf Spießen, die das Ganze ringsum umrahmen (vemme den besetzet).
Praxis. Backe den Hühner-Apfel-Fladen fest: geviertelte, rohe Hühnerteile (ca. 500 g), 2-3 gewürfelte Äpfel, 2-3 Eier, Pfeffer/Ingwer/Zimt zusammen in eine Form geben und im Ofen backen, bis die Eimasse fest ist und trägt - im Original werden Huhn und Fladen gemeinsam gebacken, das Huhn wird also nicht vorab gekocht. Lege den fertigen Fladen auf eine Servierplatte oder ein rundes Brett und stecke zwei kräftige Spieße samt einem dritten, fingerdicken hindurch. Forme separat den Pastetenkopf aus festem Teig und fülle ihn mit gekochtem, gewürztem Hühnerfleisch. Koche parallel einen Kalbskopf weich - das zähe Kopffleisch braucht die Vorgarung, bevor es weiter verarbeitet wird - und lege ihn zusammen mit dem gefüllten Pastetenkopf ganz auf einen Rost; beide großzügig mit safrangelbem Ei bestreichen und goldgelb backen. Auf den Fladen setzen, mit zerstoßenem Eigelb (auch in den Mund gestopft) und Eiweiß-Blumen (auf die Köpfe gestreut) garnieren, mit aufgespießten Küchlein umrahmen. Es ist ein Fest für die Augen - die Standfestigkeit des Aufbaus bleibt dabei der kritische, vom Text nicht gelöste Punkt.
Im Mittelalter waren typische Gewürze für solche Gerichte Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken, Muskat und Zimt. Eine Mischung dieser Gewürze nach eigenem Geschmack ist hier passend.
Nein, dieses Rezept ist aufgrund seiner Komplexität, der Notwendigkeit eines Backofens und der aufwendigen Dekoration nicht für die direkte Zubereitung in der Lagerküche geeignet. Es handelt sich um ein repräsentatives Schaugericht für eine festliche Tafel. Einzelne Komponenten wie die gekochten Hühner, der gekochte Kalbskopf oder die kleinen Kuchen könnten jedoch vorbereitet und zum Lager mitgebracht werden.
'Bastel kopf' bezieht sich auf einen Pastetenkopf, also eine geformte Hülle aus Teig, die mit Fleisch gefüllt und gebacken wird. Es ist keine Sülze oder ein Korb, sondern eine essbare, oft kunstvoll gestaltete Pastete.
Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“. Ältestes deutsches Kochbuch, entstanden um 1350 im Haushalt des Würzburger Bischofs. 96 Hauptrezepte plus 5 in der Gloning-Edition als Sub-Rezepte gezählte Folge-/Variantenrezepte (5a, 27a, 32a, 74a, 77a).
'Heidnische Köpfe' - ein etabliertes Gattungs-/Motivlabel der mittelalterlichen Kochliteratur, auch belegt als 'heidenische kuochen' (Grimms Wörterbuch) und im Korpus-Twin m5919-086 ('Heidnische Kuchen', ein anderes Gericht). In diesem Rezept erklärt sich der Plural am ehesten wörtlich durch den zweiten, echten Kopf im Aufbau - siehe 'kalbes haubt' unten.
Gewürfelte Äpfel - bringen die süß-herbe Note zum Geflügel (Apfel-zu-Huhn-Logik).
'Auf eine Scheibe' - der gebackene Fladen wird zunächst auf ein rundes Brett oder eine Servierscheibe gelegt, bevor die Spieße durchgesteckt werden. Derselbe Terminus findet sich im Zwilling bgs-094, dort ebenfalls als Platte übersetzt.
Pastetenkopf - eine geformte, mit Fleisch gefüllte Teighülle, hier das Herzstück des Aufbaus (keine Sülze, kein Korb).
Ein Kalbskopf, im Transkript direkt zwischen der Hühnerfüllung und dem Rost-Satz genannt - fehlte zuvor in Übersetzung und Zutatenliste. Zwei Lesarten zur genauen Rolle im Aufbau sind dokumentiert.
Unklares Wort an dieser Stelle - im gesamten Korpus nur hier belegt (Hapax). Zwei mögliche Lesarten sind dokumentiert, keine davon gesichert.
Dick mit safrangelb gefärbtem Ei bestrichen, damit der Kopf leuchtend goldgelb backt - Safran als periodentreue Speisefarbe.
Eigelb (hartgekocht), zerstoßen und laut Text in den Mund [eines der Köpfe] gestopft, nicht bloß aufgestreut - macht die Köpfe als plastische Formen mit Mund lesbar.
Aus hartem Eiweiß zu Blumen geschnittene Garnitur, laut Text in die Köpfe gestreut - höfische Tellerdekoration direkt auf den Köpfen selbst.
'Ringsum' - bestätigt durch den Korpus-Zwilling koe-019 ('vmen vnd vmenn gantz'); im Fließtext bereits korrekt als 'ringsum' übersetzt.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wuertzez genuoc | spice Q42527 |
| eyern | chicken egg Q15260613 |
| kalbes haubt | calf head Q1542282 |
| saffrane | saffron Q25434 |
| eyerstotern herte | yolk Q16336079 |
| wizzen eiern | egg white Q796758 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kalbes haubt
Gewählte Lesart: Ein zweiter, echter Kopf neben dem Pastetenkopf: Das Transkript nennt nach der Hühnerfüllung ausdrücklich einen Kalbskopf, gekocht und gemeinsam mit dem gefüllten Pastetenkopf ganz auf den Rost gelegt und mit Safran-Ei bestrichen. Das erklärt auch den Plural im Rezeptnamen ('heidnische Köpfe') - ein künstlicher (Pastete) und ein echter (Kalb) Kopf zusammen.
Andere mögliche Lesart:
drue gesoten
Gewählte Lesart: Unklares Wort, im Korpus nur hier belegt (Hapax). Die beiden freien Editionen weichen an dieser Stelle voneinander ab; keine Lesart ist gesichert, deshalb bleibt die Uebersetzung an diesem Wort offen.
Andere mögliche Lesarten:
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Stand dieser Fassung: 10.08.2026 - 4-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.