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Heidnische Köpfe (Schaugericht)

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit240 Min.Portionen1 großes Schaugericht für eine FesttafelBuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Wenn Ihr heidnische Köpfe machen wollt: Macht einen schönen Fladen aus geviertelten Hühnern, gut bestreut, mit gewürfelten Äpfeln, und würzt es genug und mengt es mit Eiern. Und schiebt es in einen Ofen, dass es gebacken wird, und legt es auf eine Scheibe, mit zwei starken Spießen, einem fingerdicken mitten hindurchgesteckt. Einen Pastetenkopf darauf gesetzt, gut mit Hühnern gefüllt, einen Kalbskopf, gekocht (ein Wort im Original bleibt ungeklärt), ganz auf einen Rost gelegt, gut mit Eiern bestrichen, dass es schön werde vom Safran. Auf den Fladen gesetzt, und hartes Eigelb in seinen Mund gestoßen, in Blumen geschnittenes weißes Ei gut bestreut in die Köpfe, dazu kleine gebackene Küchlein an Spieße gesteckt ringsum besetzt.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
vierteil huenren Geviertelte Hühner - Metzger / Supermarkt -
wuerfeleht epfele Gewürfelte Äpfel - Supermarkt / Wochenmarkt -
wuertzez genuoc Gewürze (z.B. Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat) - - -
eyern Eier - Supermarkt / Wochenmarkt -
kalbes haubt Kalbskopf, gekocht - Metzger (Vorbestellung empfehlenswert) -
saffrane Safranfäden - Supermarkt / Gewürzhandel -
eyerstotern herte Hartgekochte Eigelb - Supermarkt / Wochenmarkt -
wizzen eiern Hartgekochte Eiweiße - Supermarkt / Wochenmarkt -
cleine gebacken kuochen Kleine gebackene Kuchen (dekorativ) - Bäcker / Supermarkt (Fertigkuchen) -

Welches Gericht ist das? Ein spätmittelalterliches Schaugericht (Entremet), kein Alltagsgericht: ein herzhafter Hühner-Apfel-Fladen, mit Ei gebunden und gebacken - am ehesten vergleichbar mit einer heutigen herzhaften Quiche oder Frittata aus Fleisch, Obst und Ei -, trägt einen kunstvoll geformten Pastetenkopf (gefüllt mit Hühnerfleisch) und einen zweiten, echten Kopf - einen gekochten Kalbskopf -, beide goldgelb mit Safran-Ei glasiert. Der Plural im Namen ('heidnische Köpfe') erklärt sich damit vermutlich wörtlich: ein künstlicher und ein echter Kopf zusammen. Garniert wird mit zerstoßenem Eigelb, zu Blumen geschnittenem Eiweiß und ringsum aufgespießten Küchlein. Verwandt mit der Prunkplatte bgs-094, dem direkten Vorgänger im Buch und dem einzigen echten Konstruktions-Zwilling (gleiches Fladen-Spieß-Pastetenkopf-Bauprinzip); mha-289 und via-171 gehören zwar zum selben Schaugericht-Genre, folgen aber einem anderen Grundverfahren.

Der Fladen. Vierteil huenren ... wuerfeleht epfele ... mengez mit eyern - geviertelte Hühner, gewürfelte Äpfel, gut gewürzt, mit Eiern gebunden und im Ofen gebacken. Die Äpfel bringen die süß-herbe Note zum Geflügel. Der Fladen muss fest genug sein, um den Kopf zu tragen - der Text selbst nennt dafür keine Lösung jenseits der Scheiben-Spieß-Konstruktion.

Die Stabilisierung. Legez vf ein schiben, zwene starke spizze ... als einen vinger mitten drin gestecket - der gebackene Fladen wird zuerst auf eine Scheibe (ein rundes Brett oder eine Servierplatte, derselbe Begriff wie im Zwilling bgs-094) gelegt, dann zwei kräftige Spieße hindurchgesteckt, ein dritter (fingerdicker) mittig dazu. Das Prinzip (Scheibe als Standfläche, Spieße als Ständer) ist nachvollziehbar, doch der Text lässt offen, wie der Pastetenkopf am Fladen befestigt wird und ob eine Ruhe- oder Trockenzeit dazwischenliegt - die Standfestigkeit bleibt der unsichere Punkt der Konstruktion.

Der goldene Kopf. Ein bastel kopf ... mit huenren wol gefuellet, kalbes haubt ... geleit gantz vf einen rost - eine Pastetenkopf-Hülle aus Teig, mit gekochtem Huhn gefüllt, und ein gekochter Kalbskopf werden gemeinsam ganz auf einen Rost gelegt und dick mit safrangelb gefärbtem Ei bestrichen, damit beide leuchtend goldgelb backen. Ob der Kalbskopf hier als zweiter, echter Kopf neben der Pastete liegt oder ob die Formulierung stattdessen die Form des Pastetenkopfs selbst beschreibt, lässt der Text offen (siehe dokumentierte Lesart). Die Farbe kommt vom saffran - das periodentreue Gelb, kein moderner Behelf. An dieser Stelle steht im Text zudem das unklare Wort „drue“; eine zweite Überlieferung liest hier „drin“ (darin/dabei gesotten), was neben einer älteren Zahlwort-Vermutung als offene Lesart dokumentiert ist.

Die Garnitur. Eyerstotern herte ... in sin munt, bluomen gesniten von wizzen eiern wol gestrauwet in die haubt - hartgekochtes Eigelb wird zerstoßen und in den Mund [eines der Köpfe] gestopft, hartes Eiweiß zu Blumen geschnitten und in die Köpfe gestreut. Die Köpfe werden damit als plastische Formen mit Mund lesbar, nicht nur als Bezeichnung für das Gericht insgesamt. Dazu kleine gebackene Küchlein auf Spießen, die das Ganze ringsum umrahmen (vemme den besetzet).

Praxis. Backe den Hühner-Apfel-Fladen fest: geviertelte, rohe Hühnerteile (ca. 500 g), 2-3 gewürfelte Äpfel, 2-3 Eier, Pfeffer/Ingwer/Zimt zusammen in eine Form geben und im Ofen backen, bis die Eimasse fest ist und trägt - im Original werden Huhn und Fladen gemeinsam gebacken, das Huhn wird also nicht vorab gekocht. Lege den fertigen Fladen auf eine Servierplatte oder ein rundes Brett und stecke zwei kräftige Spieße samt einem dritten, fingerdicken hindurch. Forme separat den Pastetenkopf aus festem Teig und fülle ihn mit gekochtem, gewürztem Hühnerfleisch. Koche parallel einen Kalbskopf weich - das zähe Kopffleisch braucht die Vorgarung, bevor es weiter verarbeitet wird - und lege ihn zusammen mit dem gefüllten Pastetenkopf ganz auf einen Rost; beide großzügig mit safrangelbem Ei bestreichen und goldgelb backen. Auf den Fladen setzen, mit zerstoßenem Eigelb (auch in den Mund gestopft) und Eiweiß-Blumen (auf die Köpfe gestreut) garnieren, mit aufgespießten Küchlein umrahmen. Es ist ein Fest für die Augen - die Standfestigkeit des Aufbaus bleibt dabei der kritische, vom Text nicht gelöste Punkt.

Welche Gewürze sind mit 'wuertzez genuoc' gemeint?

Im Mittelalter waren typische Gewürze für solche Gerichte Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken, Muskat und Zimt. Eine Mischung dieser Gewürze nach eigenem Geschmack ist hier passend.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche oder das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist aufgrund seiner Komplexität, der Notwendigkeit eines Backofens und der aufwendigen Dekoration nicht für die direkte Zubereitung in der Lagerküche geeignet. Es handelt sich um ein repräsentatives Schaugericht für eine festliche Tafel. Einzelne Komponenten wie die gekochten Hühner, der gekochte Kalbskopf oder die kleinen Kuchen könnten jedoch vorbereitet und zum Lager mitgebracht werden.

Was bedeutet 'bastel kopf' im Rezept?

'Bastel kopf' bezieht sich auf einen Pastetenkopf, also eine geformte Hülle aus Teig, die mit Fleisch gefüllt und gebacken wird. Es ist keine Sülze oder ein Korb, sondern eine essbare, oft kunstvoll gestaltete Pastete.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“. Ältestes deutsches Kochbuch, entstanden um 1350 im Haushalt des Würzburger Bischofs. 96 Hauptrezepte plus 5 in der Gloning-Edition als Sub-Rezepte gezählte Folge-/Variantenrezepte (5a, 27a, 32a, 74a, 77a).

Wilt du heidenische haubt. Die heidenischen haubt. gemaht einen schoenen fladen von fleische, von vierteil huenren wol gestrauwet, wuerfeleht epfele drin gesniten. vnd wuertzez genuoc vnd mengez mit eyern. vnd schuez ez in eynen ofen vnd daz ez werde gebacken, vnd legez vf ein schiben. zwene starke spizze drin als einen vinger mitten drin gestecket. ein bastel kopf druf gesetzet mit huenren wol gefuellet, kalbes haubt, drue gesoten, geleit gantz vf einen rost, wol beslagen mit eiern. daz es schone werde von saffrane. gesetzet vf einen fladen vnd eyerstotern herte drin gestozzen in sin munt, bluomen gesniten von wizzen eiern wol gestrauwet in die haubt, cleine gebacken kuochen an spizze gestozzen vemme den fladen wol besetzet.
heidenische haubt

'Heidnische Köpfe' - ein etabliertes Gattungs-/Motivlabel der mittelalterlichen Kochliteratur, auch belegt als 'heidenische kuochen' (Grimms Wörterbuch) und im Korpus-Twin m5919-086 ('Heidnische Kuchen', ein anderes Gericht). In diesem Rezept erklärt sich der Plural am ehesten wörtlich durch den zweiten, echten Kopf im Aufbau - siehe 'kalbes haubt' unten.

wuerfeleht epfele

Gewürfelte Äpfel - bringen die süß-herbe Note zum Geflügel (Apfel-zu-Huhn-Logik).

vf ein schiben

'Auf eine Scheibe' - der gebackene Fladen wird zunächst auf ein rundes Brett oder eine Servierscheibe gelegt, bevor die Spieße durchgesteckt werden. Derselbe Terminus findet sich im Zwilling bgs-094, dort ebenfalls als Platte übersetzt.

bastel kopf

Pastetenkopf - eine geformte, mit Fleisch gefüllte Teighülle, hier das Herzstück des Aufbaus (keine Sülze, kein Korb).

kalbes haubt

Ein Kalbskopf, im Transkript direkt zwischen der Hühnerfüllung und dem Rost-Satz genannt - fehlte zuvor in Übersetzung und Zutatenliste. Zwei Lesarten zur genauen Rolle im Aufbau sind dokumentiert.

drue gesoten

Unklares Wort an dieser Stelle - im gesamten Korpus nur hier belegt (Hapax). Zwei mögliche Lesarten sind dokumentiert, keine davon gesichert.

beslagen mit eiern ... von saffrane

Dick mit safrangelb gefärbtem Ei bestrichen, damit der Kopf leuchtend goldgelb backt - Safran als periodentreue Speisefarbe.

eyerstotern

Eigelb (hartgekocht), zerstoßen und laut Text in den Mund [eines der Köpfe] gestopft, nicht bloß aufgestreut - macht die Köpfe als plastische Formen mit Mund lesbar.

in bluomen gesniten von wizzen eiern

Aus hartem Eiweiß zu Blumen geschnittene Garnitur, laut Text in die Köpfe gestreut - höfische Tellerdekoration direkt auf den Köpfen selbst.

vemme

'Ringsum' - bestätigt durch den Korpus-Zwilling koe-019 ('vmen vnd vmenn gantz'); im Fließtext bereits korrekt als 'ringsum' übersetzt.

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 165v
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

wuertzez genuocspice Q42527
eyernchicken egg Q15260613
kalbes haubtcalf head Q1542282
saffranesaffron Q25434
eyerstotern herteyolk Q16336079
wizzen eiernegg white Q796758

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkalbes haubt

Gewählte Lesart: Ein zweiter, echter Kopf neben dem Pastetenkopf: Das Transkript nennt nach der Hühnerfüllung ausdrücklich einen Kalbskopf, gekocht und gemeinsam mit dem gefüllten Pastetenkopf ganz auf den Rost gelegt und mit Safran-Ei bestrichen. Das erklärt auch den Plural im Rezeptnamen ('heidnische Köpfe') - ein künstlicher (Pastete) und ein echter (Kalb) Kopf zusammen.

Andere mögliche Lesart:

  • 'Kalbes haubt' als Formbeschreibung des Pastetenkopfs selbst - eine kalbskopfförmig geformte, leere Teighülle, ohne separaten echten Kopf. - Motiviert durch den Zwilling bgs-094, wo der Pastetenkopf explizit leer und rein dekorativ ist. Am Transkript selbst nicht zu entscheiden; die CoReMA-Sachglosse kategorisiert die Stelle als Zutat, was eher für die Hauptlesart spricht, ist aber CoReMA-Eigeninterpretation und keine externe Bestätigung.

Lesartdrue gesoten

Gewählte Lesart: Unklares Wort, im Korpus nur hier belegt (Hapax). Die beiden freien Editionen weichen an dieser Stelle voneinander ab; keine Lesart ist gesichert, deshalb bleibt die Uebersetzung an diesem Wort offen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Die Augustana-Edition (Harsch, nach Hoffmann von Fallersleben) liest an dieser Stelle „drin“ statt „drue“ - also „darin/dabei gesotten“, bezogen auf den mitgekochten Kalbskopf. - Am 2026-08-10 direkt in der Augustana-Fassung nachgelesen und dort woertlich bestaetigt: „kalbes haubt drin gesoten geleit gantz uf einen rost“. Es handelt sich damit um eine belegte Divergenz zweier Editionen, nicht um eine Vermutung. Grammatisch die einfachste Lesung; sie erklaert aber nicht, warum die Giessener Fassung hier eine andere Buchstabenfolge hat.
  • Ein Wörterbuchabgleich liefert als nächstliegenden Kandidaten „drî/driu“ (die Zahl drei), was auf eine Zähl- oder Mengenangabe zum Kochvorgang hindeuten könnte. - Der Wortabgleich fuehrt zum Zahlwort „drî“ (MHDBDB als Kardinalzahl; das ReF-Korpus belegt die Schreibung „druͤ“ fuenfmal). Dafuer spricht mehr als der Lautanklang: „driu“ ist die Neutrum-Form von „drî“, und „haubt“ ist Neutrum - Titel („Die heidenischen haubt“) und Schlusszeile („in die haubt“) stehen beide im Plural, das Gericht traegt also am Ende mehrere Koepfe. „driu gesoten“ waere dann „drei gesottene“. Dagegen spricht, dass die Zahl sonst nirgends im Rezept auftaucht und die Portionsangaben (fuenf Kuechlein, zwei Spiesse) sonst ausgeschrieben stehen. Offen.

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 165v, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Aufwendiges Schauessen mit Ofenbedarf, geformtem Pastetenkopf und vielteiliger Garnitur - keine Lagerkost. Gekochte Hühner, der Kalbskopf und kleine Küchlein ließen sich vorbereiten, der Aufbau bleibt eine Vorführung.
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Stand dieser Fassung: 10.08.2026 - 4-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.