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Ein Schaugericht: Der Tiergarten

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

SonstigesViel InterpretationsspielraumAufwändigHofküche
360 Min.1 großes Schaugericht für ein FestmahlKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Original - Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Ein Schaugericht: Der Tiergarten - Originalseite aus Kochbuch des Meisters Hans
Fol. 106v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)

Transkription - Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Item also soltu den tiergarten machen also .

Item wiltu haben ainen tier garten So nym mel vnd ayr daraus machstu machen mit was du wild von fleisch oder von vischen machst du machen was du wild zechenerlay wildu nach yeglichs art zechener= laj In ainem garten . Der gart sol vmb fanngen sein mit einer maur die gelar macht der tegel nicht gehaben So soltu In mit planngken vmbefahen das das wilde nit dauon kumme Machtu aber der planncken nicht gehaben . So mach ainen zawn von gerten die gerten sullen von ayren sein gemacht vnd von mel Nym das weiss von den ayren vnd ain semlein mel das soltu es aus machen die gaerten vnd solt petersill oder ander grun haben das soltu reiben klain vnd solt saluan haben also soltu die totter nemen von den ayren vnd ain winczig mel darunder da mach ainen taig daraus vnd machstu machen die grun gaerten Nym ain semlein taig prenn In abe . nicht thue ayr daran mach die stecken dauon vnd thue Saffran daran So werden die stecken gell die stecken prenn ab In ainem schmalcz vnd mach von ayren ain taig vnd von kaeß mach ain praiten Als du machst zue den ostern die fladen Also soltu ain huot In den garten machen Die garten sollen einer spann lanngk sein die steck darumbe vnd sol ain turen darInne sten da sol ein weg durch gen oben vmb den turen sol ein ganngk gen Da sullen frawen vnd Iunckfrawen knecht vnd ritter vf sten wenn sy das wilde woellennd ane sehen vnd vah'n Aussen vmb den garten sol ein graben gen Da sullen lebenndig visch Innen sten vnd zwischen dem zawn vnd dem graben sullen pawm sten die sullen oppfel pieren muscat vnd nuss tragen . So sicht man auf den pawmen vberall aichoren vnd vogel die sullen auf den pawmen sten vor dem garten da sol ein torwatel sten der sol guldein sein Die sullen vnd wollen frolich sein das sol geschehen vor dem tisch da sicht man den tiergarten her gen DarInne sind man vnd frauen vnd Iunckfrawen auch ain tail wann er sein nicht gelauben wil der mags wol sehen wann es kumpt fur den tisch So mag man es wol gesehen . vnd das wist DarInne sind auch schuczen vnd waeppner vnd annder kurczweilig ding Das man darInne koch vindet So sicht man die purg vnndergann So wirt das thor auf gethan So sich man die Bischoff her fur gann vnd den koch darunder stan der das feur dar ein hat gethan Nider laet er gann auf die pannck vnd zeucht ein kopff zue hannd Aus dem laet man Im geben vnd ze hannt wider auf den tisch darInne sind zwaierlaj vogel das sullen wissen vnd wann sy nit annderlaj haben gasz So fliegen die anndern von stat . So sich Ich den affen gen In dem tiergarten . vnd das ist ein etc. wollend sy mer essen So gib gepachen visch vnd gesoten vnd gepraten etc. Also hastu guot ding von allerlay kochen von Maister hannsen des von wirtenberg koch etc.

CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0

Moderne Übersetzung

Lagerküche-Tipp: Zuhause vorbereiten.

So sollst du den Tiergarten machen:

Willst du einen Tiergarten haben, so nimm Mehl und Eier. Daraus kannst du mit Fleisch oder Fisch machen, was du willst, zehn verschiedene Arten, jede nach ihrer Art, zehn verschiedene in einem Garten. Der Garten soll mit einer Mauer umfangen sein, die der Töpfer nicht machen kann. So sollst du ihn mit Planken umfassen, damit das Wild nicht davonkommt. Kannst du aber die Planken nicht haben, so mache einen Zaun aus Ruten. Die Ruten sollen aus Eiern und Mehl gemacht sein.

Nimm das Eiweiß von den Eiern und ein Semmelmehl, daraus sollst du die Ruten machen. Und du sollst Petersilie oder anderes Grün haben, das sollst du klein reiben. Und du sollst Salbei haben. So sollst du die Dotter von den Eiern nehmen und ein wenig Mehl darunter, daraus mache einen Teig und daraus kannst du die grünen Ruten machen.

Nimm einen Semmelteig, backe ihn ab. Tue keine Eier daran. Mache die Stäbe daraus und tue Safran daran, so werden die Stäbe gelb. Die Stäbe backe ab in Schmalz. Und mache aus Eiern einen Teig und aus Käse mache einen Fladen, wie du sie zu Ostern machst. So sollst du eine Hütte in den Garten machen.

Die Ruten sollen eine Spanne lang sein, die Stäbe darum herum. Und es soll eine Tür darin stehen, da soll ein Weg hindurchgehen. Oben um die Tür soll ein Gang gehen. Da sollen Frauen und Jungfrauen, Knechte und Ritter darauf stehen, wenn sie das Wild ansehen und fangen wollen. Außen um den Garten soll ein Graben gehen, da sollen lebendige Fische darin stehen. Und zwischen dem Zaun und dem Graben sollen Bäume stehen, die sollen Äpfel, Birnen, Muskatnüsse und Walnüsse tragen. So sieht man auf den Bäumen überall Eichhörnchen und Vögel, die sollen auf den Bäumen stehen.

Vor dem Garten soll ein Torwächter stehen, der soll golden sein. Die sollen und wollen fröhlich sein, das soll geschehen vor dem Tisch. Da sieht man den Tiergarten herankommen. Darin sind Männer und Frauen und Jungfrauen, auch ein Teil, wenn er es nicht glauben will, der mag es wohl sehen, wenn es vor den Tisch kommt, so mag man es wohl sehen. Und das wisse: Darin sind auch Schützen und Wappenträger und andere kurzweilige Dinge, dass man darin einen Koch findet. So sieht man die Burg untergehen. So wird das Tor aufgetan. So sieht man die Bischöfe herfürgehen und den Koch darunter stehen, der das Feuer hineingetan hat. Nieder lässt er gehen auf die Bank und zieht einen Kopf zur Hand. Aus dem lässt man ihm geben und zur Hand wieder auf den Tisch. Darin sind zweierlei Vögel, das sollen sie wissen, und wenn sie nicht anderes haben, so fliegen die anderen davon. So sehe ich den Affen gehen in dem Tiergarten. Und das ist ein etc. Wollen sie mehr essen, so gib gebackenen Fisch und gesottenen und gebratenen etc. So hast du gute Dinge von allerlei Kochen von Meister Hans, des von Württemberg Koch etc.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
mel Mehl - -
ayr Eier - -
fleisch Fleisch Metzger -
vischen Fisch Fischhändler -
semlein mel Semmelmehl - Paniermehl
petersill Petersilie - -
ander grun andere grüne Kräuter Wochenmarkt -
saluan Salbei - -
Saffran Safran Supermarkt, Gewürzhandel -
schmalcz Schmalz Metzger, Supermarkt -
kaeß Käse - -
lebenndig visch lebendige Fische Fischzucht (für Schauzwecke, nicht zum Verzehr im Garten) -
oppfel Äpfel - -
pieren Birnen - -
muscat Muskatnüsse - -
nuss Walnüsse - -
aichoren Eichhörnchen - Figuren aus Teig oder Marzipan
vogel Vögel - Figuren aus Teig oder Marzipan
torwatel Torwächter - Figur aus Teig oder Marzipan
aff Affe - Figur aus Teig oder Marzipan

Anmerkungen

tiergarten

Ein Schaugericht, das einen Garten mit Tieren (oft aus Teig oder anderen Speisen geformt) darstellt.

semlein mel

Feines Mehl, oft aus Semmeln oder Weißbrot hergestellt, ähnlich Paniermehl.

saluan

Salbei, ein häufig verwendetes Würzkraut.

spann lanngk

Eine Spanne lang, ein altes Längenmaß, etwa 20-25 cm (Abstand zwischen Daumen- und Kleinfingerspitze bei ausgestreckter Hand).

muscat

Muskatnüsse, hier wohl als Dekoration oder als Zutat für die Teigbäume.

aichoren

Eichhörnchen, hier als Teil der Dekoration des Schaugerichts.

torwatel

Torwächter, eine Figur zur Dekoration des Schaugerichts.

kurczweilig ding

Kurzweilige Dinge, unterhaltsame Elemente oder Figuren.

purg vnndergann

Die Burg untergehen, eine theatralische Inszenierung, bei der die Burg (aus Teig) zusammenbricht oder geöffnet wird.

kopff zue hannd

Ein Kopf zur Hand, vermutlich eine Figur oder ein Gefäß in Form eines Kopfes, aus dem Speisen gereicht werden.

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

mit was du wild von fleisch oder von vischen machst du machen was du wild zechenerlay wildu nach yeglichs art zechenerlay In ainem garten

Gewählte Lesart: Die Formulierung wurde als 'daraus kannst du mit Fleisch oder Fisch machen, was du willst, zehn verschiedene Arten, jede nach ihrer Art, zehn verschiedene in einem Garten' übersetzt. Dies betont die Vielfalt der möglichen Füllungen und die künstlerische Freiheit des Kochs.

Andere mögliche Lesart:

  • Man könnte es auch als 'zehn verschiedene Arten von Fleisch oder Fisch, jede nach ihrer Art, zehn verschiedene in einem Garten' lesen, was die Betonung stärker auf die Anzahl der Arten legen würde. - Die Satzstellung im Frühneuhochdeutschen ist oft flexibler, und die Wiederholung von 'zechenerlay' könnte beide Interpretationen zulassen.

die gelar macht der tegel nicht gehaben

Gewählte Lesart: Dies wurde als 'die der Töpfer nicht machen kann' übersetzt, was darauf hindeutet, dass die Mauer aus einem Material gefertigt sein soll, das über die Fähigkeiten eines Töpfers hinausgeht, also vermutlich aus Teig oder einer anderen essbaren Substanz, die nicht gebrannt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart wäre 'die der Töpfer nicht haben kann', was bedeuten könnte, dass die Mauer so besonders ist, dass ein Töpfer sie nicht besitzen kann, aber die erste Lesart passt besser zum Kontext des essbaren Schaugerichts. - Die Formulierung 'nicht gehaben' kann sowohl 'nicht haben' als auch 'nicht machen/herstellen können' bedeuten. Im Kontext eines Kochrezepts ist 'nicht machen können' plausibler.

ain semlein mel

Gewählte Lesart: Als 'Semmelmehl' übersetzt, was feines Mehl, oft aus getrockneten Semmeln oder Weißbrot, bedeutet. Dies ist die gängigste Interpretation in mittelalterlichen Kochbüchern.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch 'ein wenig Mehl' bedeuten, da 'semlein' manchmal als Diminutiv für 'ein kleines Semmel' oder 'ein wenig' verwendet wurde. - Die genaue Menge ist nicht spezifiziert, aber 'Semmelmehl' als Zutat ist in diesem Kontext wahrscheinlicher.

muscat

Gewählte Lesart: Als 'Muskatnüsse' übersetzt, da dies eine gängige Zutat und Dekoration in der mittelalterlichen Küche war.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch 'Muskatblüte' (Macis) gemeint sein, die ebenfalls als Gewürz verwendet wurde. - Beide sind möglich, aber 'Muskatnuss' ist die direktere Übersetzung von 'Muscat' und passt gut zu den anderen Früchten an den Bäumen.

nuss

Gewählte Lesart: Als 'Walnüsse' übersetzt, da dies die häufigste Nussart in mittelalterlichen Rezepten ist, wenn nicht anders spezifiziert.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnten auch andere Nüsse wie Haselnüsse oder Mandeln gemeint sein. - Ohne weitere Spezifikation ist 'Walnuss' die wahrscheinlichste Interpretation für 'Nuss' in diesem Kontext.

ain kopff zue hannd

Gewählte Lesart: Dies wurde als 'einen Kopf zur Hand' übersetzt, was auf eine Figur oder ein Gefäß in Form eines Kopfes hindeutet, aus dem Speisen gereicht werden. Dies passt zur theatralischen Natur des Schaugerichts.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch eine metaphorische Wendung sein, die 'einen wichtigen Gegenstand' oder 'eine besondere Gabe' bedeutet. - Angesichts der detaillierten Beschreibung der Inszenierung ist eine konkrete, physische Darstellung eines Kopfes wahrscheinlicher.

Häufige Fragen

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht für die Lagerküche geeignet. Es handelt sich um ein sehr aufwendiges Schaugericht, das präzise Handwerkskunst und viel Zeit erfordert. Die Herstellung der vielen Teigfiguren und die Inszenierung sind am Lager kaum umsetzbar. Es müsste komplett zuhause vorbereitet und transportiert werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem „Kochbuch des Meisters Hans“, das um 1460 in frühneuhochdeutscher Sprache verfasst wurde. Meister Hans war der Koch des Grafen von Württemberg. Es ist eine Quelle, die Einblicke in die höfische Festtagsküche des Spätmittelalters gibt.

Was ist ein „Tiergarten“ in diesem Kontext?

Ein „Tiergarten“ ist hier kein Gehege für echte Tiere, sondern ein aufwendiges Schaugericht, das bei Festmählern präsentiert wurde. Es ist eine essbare Miniaturlandschaft mit Mauern, Zäunen, Bäumen und Figuren aus Teig, die mit verschiedenen Fleisch- und Fischgerichten gefüllt ist. Es diente der Unterhaltung und dem Prunk.

Welche Art von „Wild“ ist im Tiergarten gemeint?

Das „Wild“ im Tiergarten bezieht sich auf die verschiedenen Fleisch- und Fischgerichte, die im Inneren des essbaren Gartens platziert werden. Es können sowohl Wildfleisch als auch andere Fleischsorten oder Fische sein, die in kleinen Portionen oder als Figuren angerichtet werden, um die Illusion eines belebten Gartens zu erzeugen.

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