Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433
Ein anderes Gericht für Böhmen und Ungarn. Nimm Leber vom Schwein, Kalb oder Lamm und zerstoße sie im Mörser. Gib ein wenig Honig und andere süße Gewürze hinein und lass es mit Safran ein wenig aufkochen, so wird es vorzüglich.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Epar porci siue vituli aut agni | Leber (Schwein, Kalb oder Lamm) | - | Metzger | - |
| modicum mellis | Honig | - | - | - |
| aliarum spetierum dulcium | Süße Gewürze | - | - | - |
| croco | Safran | - | Supermarkt / Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Ein süßes Lebermus - roh im Mörser fein zerstoßene Leber, die zusammen mit Honig, süßen Gewürzen und Safran kurz gemeinsam aufgekocht wird. Es gehört in die kleine Reihe von Bockenheims Ministra, die jeweils einer Nation oder Stand zugedacht sind (hier pro Bohemis et hungaris, für Böhmen und Ungarn) - vergleichbare Innereien-Gerichte sind das Römer-Gericht (boc-009) und das Deutschen-Gericht (boc-010). Der nächste lebende Verwandte ist die Leberpastete bzw. Leberwurst-Masse, hier aber bewusst auf der süßen Seite gehalten.
Ministrum. Das durchgehende Wort des Registrum Coquine für „ein Gericht" (eine zubereitete Speise). Jedes Rezept beginnt mit Aliud ministrum pro … - „Ein weiteres Gericht für …". Es ist hier also kein „Dienst" oder „Gang", sondern schlicht die Speise selbst.
Aliarum specierum dulcium (süße Gewürze). Der Text nennt keine konkreten Sorten, nur den Sammelbegriff der süßen Gewürze - im 15. Jahrhundert die wärmende Riege Zimt, Nelken, Muskat, Macis, Ingwer. Der Safran am Schluss tritt zum Honig und färbt das Mus goldgelb; bei Leber, die von Natur dunkelrot ist, wirkt er hier auch als Aroma- und Statusgewürz, nicht nur als Farbe.
Süße Achse statt saurer. Wo verwandte Lebergerichte mit Wein und Essig gesäuert werden (so die brotgebundene Lebermus-Sauce m384-024, die gebratenes Geflügel aufnimmt), geht Bockenheim hier den umgekehrten Weg: nur Honig und süße Gewürze, keine Säure. Das Ergebnis ist ein süßliches Innereien-Mus - die süß-würzige Geschmacksrichtung, die das Rezept ausdrücklich Böhmen und Ungarn zuschreibt.
Ein einziger Garschritt. Anders als die Nachbarrezepte boc-009 und boc-010, die ein eigenes Kochverb für die Innereien vor dem Zerkleinern nennen, kennt boc-011 keinen solchen Vorgar-Schritt: Die rohe Leber wird zuerst im Mörser zerstoßen, erst danach wird die fertige Masse mit Honig, süßen Gewürzen und Safran gemeinsam kurz aufgekocht - das ist der einzige Hitzeschritt im gesamten Rezept.
Praxis. Leber (Schwein, Kalb oder Lamm) roh im Mörser oder mit dem Pürierstab fein zerstoßen. Einen Esslöffel Honig und eine Prise gemischter süßer Gewürze (Zimt, etwas Nelke, Muskat, Ingwer) unterrühren, eine kleine Prise Safran zugeben und die Masse gemeinsam erhitzen, bis die Leber sichtbar durchgegart ist - da dies der einzige Garschritt im ganzen Rezept ist, lieber etwas länger als zu kurz erhitzen. Warm als kräftiges, süßliches Mus servieren, etwa auf Brot.
Frische Leber erhältst du am besten beim Metzger deines Vertrauens. Manchmal ist sie auch in gut sortierten Supermärkten erhältlich.
Ja, das Mus ist schnell am Feuer gemacht und braucht wenig Gerät. Wichtig ist nur, dass die Leber frisch am Markttag besorgt und zügig verarbeitet wird, da sie schnell verdirbt.
Im Mittelalter umfassten 'süße Gewürze' eine breite Palette wärmender Aromen, die oft in Kombination verwendet wurden. Dazu gehörten Zimt, Nelken, Muskatnuss, Macis (Muskatblüte), Ingwer und Kardamom. Wähle eine Mischung, die dir schmeckt.
Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.
‚Gericht‘ - das durchgehende Wort des Registrum Coquine für eine zubereitete Speise, nicht ‚Dienst‘ oder ‚Gang‘
im Mörser fein zerstoßen
süße Gewürze, der Sammelbegriff für die wärmende Riege (Zimt, Nelken, Muskat, Ingwer) - keine konkreten Sorten genannt
Safran, hier zugleich Färbung (goldgelb) und Status-/Aromagewürz
spätmittellateinische Nebenform von klassisch hepar/iecur (Leber) - orthographische Variante ohne inhaltliche Abweichung
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| Epar porci siue vituli aut agni | liver Q1470283 |
| modicum mellis | honey Q10987 |
| aliarum spetierum dulcium | spice Q42527 |
| croco | saffron Q25434 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
modicum … bullire (ein wenig aufkochen)
Gewählte Lesart: Der lateinische Text nennt für das gemeinsame Aufkochen von Leber, Honig, Gewürzen und Safran weder Zeit- noch Intensitätsangabe, nur 'ein wenig'. Da die zerstoßene rohe Leber hier den einzigen Garschritt des Rezepts durchläuft, empfehlen wir aus Gründen der Lebensmittelsicherheit, die Masse so lange zu erhitzen, bis die Leber sichtbar durchgegart ist - auch wenn das länger dauert als der Wortlaut nahelegt. Die Reihenfolge selbst bleibt dabei wie im Text: erst roh zerstoßen, dann einmalig gemeinsam mit Honig/Gewürzen/Safran erhitzen, ohne einen separaten Vorgar-Schritt einzuführen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 11.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.