München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505
Willst du etwas aus Eiern zubereiten, so beginnt es mit Dottern. Du musst die Dotter von einhundert Eiern haben und ein Achtel Wein dazugeben; das ist die richtige Menge.
Hast du keine frische Butter, so nimm stattdessen ein gutes Schmalz, wenn du ein gutes Mus haben willst. Und wenn es nun gesotten ist, so sollst du es durchstreichen, dass es glatt wird wie ein Glas.
Du sollst Zucker dazugeben, so wird das Mus gut gemacht. Und versalze es nicht.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| totern / ayerr | Eigelb von 100 Eiern | - | - |
| ein achtel weins | ein Achtel Wein (kleines Schöpfmaß, ca. 0,1-0,15 l) | - | - |
| frisch putten | Butter (optional) | - | Pflanzenöl oder vegane Margarine für eine pflanzliche Variante |
| gut smaltz | Schmalz (optional) | - | Butter oder Pflanzenöl |
| zuckers | Zucker | - | - |
| versalcz | Salz | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine warme, glatt passierte Eigelb-Wein-Creme mit Zucker - im Kern die Logik einer Zabaione bzw. eines Weinschaums, hier nur fester gebunden, weil die Masse allein über die Dotter und nicht über zusätzliches Mehl oder Brot bindet. Wer heute eine warme Weincreme oder ein Sabayon kennt, kennt den nächsten lebenden Verwandten.
Maß und Mengen. Das Rezept nennt hundert ayerr, davon nur die Dotter, dazu ein achtel weins. Ein Achtel ist ein kleines Schöpfmaß, kein Liter-Maß - die Größenordnung liegt eher bei einem knappen Achtelliter (etwa 0,1-0,15 l) als bei den oft kolportierten 0,7-0,8 Litern. Auf hundert Dotter ist das auffällig wenig Wein; genau diese magere Wein-zu-Dotter-Relation hat schon der frühere Bearbeiter mit einem Fragezeichen markiert. Die kleine Weinmenge ist hier Aroma und Verflüssiger, nicht die Hauptmasse - viel mehr Wein würde die Bindung erschweren und widerspräche dem Anspruch ein Mus (also dick).
Das Fett. Frische Butter ist erste Wahl; frisch putten nit enhast - hast du keine frische Butter, nimm gutes Schmalz an ihrer Statt. Das Fett ist nicht nur Geschmack, sondern Gerinnungsbremse: Es puffert die reine Dottermasse, damit sie beim Erhitzen nicht sofort zu Rührei flockt.
Das Glätten. Das Wort vavreti ist verderbt überliefert; küchenpraktisch und im Korpus-Vergleich meint es durchstreichen bzw. passieren - die gestockte Masse durch ein Seihtuch treiben oder fein glatt rühren, dass es slecht werde als ein glaß, also glatt wie Glas. Die Schwesterfassung mar-098 verlangt für dasselbe Eigelb-Zucker-Fett-Mus ausdrücklich das Passieren durch die stamegna, das Seihtuch - genau dieses Durchschlagen rettet die Konsistenz, falls sie leicht flockt.
Praxis. Die Dotter von hundert Eiern (für den Hausgebrauch entsprechend herunterrechnen, etwa 8 Dotter auf 1 Esslöffel Wein) mit dem wenigen Wein glattrühren. Das Fett zugeben und alles über sehr sanfter Hitze - am besten im Wasserbad bzw. Topf im heißen Wasserkessel - unter ständigem Rühren langsam zu einer Creme binden lassen; niemals stark aufkochen, sonst gerinnt es. Die gebundene Masse durch ein feines Sieb oder Tuch streichen, bis sie glatt wie Glas ist, dann mit Zucker abschmecken. Nicht versalzen. Die sanfte Wasserbad-Führung ist genau das Verfahren, das auch die Schwesterfassung m384-060 für gestockte Ei-Massen nutzt.
Ein ‚Achtel' war ein kleines historisches Schöpfmaß, nicht ein Liter-Maß. Die Größenordnung liegt grob bei einem knappen Achtelliter (etwa 0,1-0,15 l) und schwankte regional wie zeitlich stark - eine genaue Literangabe lässt sich daraus nicht ableiten. Auf hundert Dotter ist das ohnehin auffällig wenig Wein; er dient hier als Aroma und Verflüssiger, nicht als Hauptmasse.
Eingeschränkt: Hundert Eier zu trennen ist logistisch aufwendig, und eine reine Dotter-Creme ist gerinnungsempfindlich - über offenem Feuer reißt oder flockt sie schnell. Sie braucht sanfte, indirekte Hitze (Topf im heißen Wasserkessel) und Dauer-Rühren. Hinzu kommt, dass reines Eigelb schnell verderblich ist. In kleinerer Menge und mit Wasserbad-Führung ist es im Lager machbar.
Dieses Rezept stammt aus dem ‚Regensburger Kochbuch' (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es ist ein Beispiel für die gehobene Festküche des mittelbairischen Raums der Spätgotik.
Das Wort ‚vavreti' ist verderbt überliefert. Im Kontext von ‚dass es glatt werde als ein Glas' lesen wir es als ‚durchstreichen' bzw. ‚passieren' - die gestockte Masse durch ein Seihtuch treiben oder fein glatt rühren. Gestützt wird das durch die Schwesterfassung mar-098, die dasselbe Eigelb-Zucker-Fett-Mus durch die ‚stamegna' (Seihtuch) passiert.
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, um 1500) für ‚Dotter', also Eigelb.
Ein ‚Achtel' war ein kleines historisches Schöpf-/Flüssigkeitsmaß, kein Liter-Maß. Die Größenordnung liegt grob bei einem knappen Achtelliter (etwa 0,1-0,15 l) und ist regional wie zeitlich stark schwankend - keine feststehende Menge. Auf hundert Dotter ist das auffällig wenig Wein.
Frühneuhochdeutsch ‚Butten' für Butter. Der Schreiber setzt durchgehend ‚b' statt ‚w/v', was typisch für den mittelbairischen Dialekt ist (vgl. ‚voon').
Schmalz, tierisches Fett. Eine gängige Alternative zu Butter, besonders in der Fastenzeit oder bei Nichtverfügbarkeit von frischer Butter.
Ein ‚Mus' bezeichnete im Mittelalter eine breiige, oft pürierte Speise, die sowohl herzhaft als auch süß sein konnte.
Frühneuhochdeutsch für ‚glatt', ‚eben' oder ‚schlicht'. Hier im Sinne einer sehr feinen, homogenen Konsistenz.
Verderbt überliefert; im Küchensinn ‚(durch)treiben', also die Masse durch ein Tuch oder Sieb passieren und glattstreichen. Der Schreiber setzt b/v/f wechselhaft (vgl. ‚putten', ‚voon'), was die Lesart erschwert.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
vavreti
Gewählte Lesart: ‚Durchstreichen / passieren' - die gestockte Masse durch ein Tuch oder Sieb treiben und glattstreichen, bis sie glatt wie Glas ist. Mittelbairisch für (ver)treiben (b/v/f-Wechsel wie ‚putten', ‚voon').
Andere mögliche Lesart:
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