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Sommer-Saucen: Kräuter statt Rosinen + farbiges Kräutermus

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

Gewürz / SauceLagerküche-tauglichViel InterpretationsspielraumMittelHofküche
20 Min.Variabel, für mehrere Saucen und ein MusKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Original - Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Sommer-Saucen: Kräuter statt Rosinen + farbiges Kräutermus - Originalseite aus Kochbuch des Meisters Hans
Fol. 029v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)

Transkription - Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

von salsen zue machen

Item mit den weinperen Ist des sumers poesz zue kochen oder pachen Er sol nemen petersill ysoppen perchtram Abrautten vnd Saluan da machstu pachens von vnd salsen wann du susse milich hast da macht du guot gemusz von ysoppen perchtram abrauten Saluan das thue auch doran Da macht du auch ain guot gemusz von allerlaj farbrn wann du es wilt haben .

CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0

Moderne Übersetzung

Lagerküche-Tipp: Frische Kräuter und Milch lassen sich am Lager verarbeiten. Ein Topf und eine Feuerstelle sind ausreichend.

Über das Sauce-Machen. Folgende Saison-Lehre: Mit Rosinen ist es im Sommer schlecht zu kochen oder zu backen (vermutlich Hinweis auf das Schimmel-Risiko der getrockneten Mittelmeer-Importware bei sommerlicher Luftfeuchtigkeit). Stattdessen soll man im Sommer Petersilie, Ysop, Bertram, Eberraute und Salbei nehmen - daraus macht man Gebäck und frische Kräutersaucen.

Hast du dazu süße Milch, mache daraus ein gutes Mus und gib dieselben Kräuter dazu (Ysop, Bertram, Eberraute, Salbei). So entsteht auch ein gutes Mus in allerlei Farben, wenn du es haben möchtest - durch Variation der Kräuter und Färbemittel.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
weinperen Rosinen, hier nur als Saisonal-Kontrast genannt - Im Sommer durch frische Kräuter ersetzen (siehe Haupttext)
petersill Petersilie - -
ysoppen Ysop Wochenmarkt -
perchtram Bertram Apotheke (Bertramwurzel, Pyrethri radix) Galgant oder eine Prise Cayennepfeffer ergibt eine ähnliche scharf-prickelnde Note.
Abrautten Eberraute Wochenmarkt, Gärtnerei (Kräuterabteilung) Notfalls Estragon (verwandter Beifuß-Geschmack); NICHT durch Weinraute ersetzen.
Saluan Salbei - -
susse milich Frische Milch - -

Anmerkungen

weinperen

Weintrauben.

poesz

Schlecht, ungeeignet oder schwierig - hier: nicht ratsam, weil unreife Sommertrauben zu sauer für Saucen sind.

perchtram

Bertram, lat. Anacyclus (Echter Bertram, Anacyclus pyrethrum, oder Deutscher Bertram, Anacyclus officinarum). Korbblütler mit scharf-prickelnder Wurzel, von Hildegard von Bingen bis ins 16. Jh. eines der wichtigsten Heil- und Würzkräuter. Wurzel und Blätter regen Speichelfluss und Appetit an (daher auch „Speichelkraut"). Heute praktisch aus der Küche verschwunden, über die Apotheke unter dem Namen „Bertramwurzel" oder „Pyrethri radix" zu beziehen.

Abrautten

Eberraute (Artemisia abrotanum), auch Stabwurz oder Pastorenkraut genannt - NICHT zu verwechseln mit der giftigen Weinraute (Ruta graveolens). Der Präfix „ab-/aber-/eber-" leitet sich vom lateinischen Artnamen abrotanum ab; eine bloße „rute/raute" ohne Präfix wäre Ruta. Eberraute ist ein zitronig-bitteres Beifuß-Gewächs, häufiges Würzkraut in der schwäbisch-alemannischen Küche des 15. Jh., besonders zu Fisch, Sülzen und grünen Saucen.

Saluan

Salbei (Salvia officinalis), klassisches Küchenkraut der Spätmittelalter-Küche.

ysoppen

Ysop (Hyssopus officinalis), würzig-bitteres Klosterkraut, traditionell zu Suppen, Saucen, fetten Fleischspeisen.

gemusz

Bei Meister Hans Sammelbegriff für milchig-eierige Speisen - Brei, Auflauf oder gebackene Eierspeise. Hier mit frischer Milch und Kräutern: eine sämige, grün-aromatische Kräutermilch im Stil einer mittelalterlichen Frankfurter Grünen Sauce auf Milchbasis.

allerlaj farbrn

Allerlei Farben - das Mus wird je nach Kraut anders eingefärbt: Petersilie/Ysop für Grün, Safran für Gelb, Veilchen für Blau, Roter Heinrich oder Kirschsaft für Rot. Eine Festtafel-Spielerei der gehobenen schwäbischen Küche.

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

gemusz

Gewählte Lesart: Milchmus / Kräuterpudding.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Art Kräutersauce oder -füllung. - Angesichts des einleitenden Themas 'Saucen' und der Erwähnung von 'Gebäck' könnte das 'gemusz' auch eine dickere Sauce oder eine Füllung für Gebäck sein, die auf Milch und Kräutern basiert.

mit den weinperen Ist des sumers poesz (Saison-Lehre)

Gewählte Lesart: Dieses "Rezept" ist eine redaktionelle Saucen-Saison-Lehre, kein einzelnes Kochrezept. Struktur: "Mit den [üblichen] weinperen [= Rosinen-Saucen] ist es im Sommer schlecht zu kochen oder zu backen, [stattdessen] soll man Kräuter nehmen." Die Logik macht historisch Sinn: Rosinen als getrocknete Mittelmeer-Importware sind im sommerlich-feuchten Klima schimmelanfällig. Im Sommer hat man dagegen frische Kräuter aus dem eigenen Garten reichlich verfügbar. Plus: Mus mit süßer Milch + Kräutern als drittes Sommer-Idiom, plus farbige Variante. Das ist eine kulinarische Saison-Lehre der spätmittelalterlichen Hofküche, kein widersprüchliches Rezept.

Andere mögliche Lesart:

  • Lesart als einzelnes Rezept mit Sommer-Warnung am Anfang. - Wäre die naheliegende Erst-Lesart aber semantisch unschlüssig (warum würde Hans ein Rezept mit Rosinen anfangen, vor denen er gleich warnt?). Die Saison-Lehre-Lesart löst diesen Widerspruch und passt zur Position im Sauce-Kapitel-Anfang.

Häufige Fragen

Warum wirkt das Rezept so unschlüssig - warum erst Rosinen erwähnen und dann davor warnen?

Weil es kein einzelnes Rezept ist, sondern eine Saison-Lehre im Sauce-Kapitel. Meister Hans sagt: "Mit Rosinen ist es im Sommer schlecht zu kochen oder zu backen - stattdessen nimm Kräuter." Die Logik: Rosinen als getrocknete Mittelmeer-Importware sind im sommerlich-feuchten Klima schimmelanfällig, frische Kräuter aus dem Garten dagegen ganzjährig verfügbar. Das Rezept gibt damit eine saisonale Substitut-Empfehlung, kein konkretes Mengen-Rezept. Plus: zwei Erweiterungen (süße Milch + Kräuter als Mus, farbige Variante).

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Kräuter können frisch mitgebracht oder vor Ort gesammelt werden, und frische Milch lässt sich für den sofortigen Verbrauch gut transportieren. Die Zubereitung erfordert nur grundlegende Kochutensilien wie einen Topf und eine Feuerstelle.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem „Kochbuch des Meisters Hans“, das um 1460 in Basel verfasst wurde. Es ist eine wichtige Quelle für die spätmittelalterliche Küche im südwestdeutschen Raum und gibt Einblicke in die bürgerliche und höfische Kochpraxis der Zeit.

Was ist mit „gemusz“ gemeint?

Im „Kochbuch des Meisters Hans“ ist „gemusz“ ein vielseitiger Begriff, der nicht nur Brei, sondern auch andere milchig-eierige Speisen wie Puddings, Aufläufe oder dicke Cremes umfassen kann. In diesem Rezept, mit frischer Milch und Kräutern, handelt es sich wahrscheinlich um eine Art herzhaftes Kräutermus oder einen Kräuterpudding, der als Beilage oder Füllung dienen konnte und sich durch Zugabe von Farbstoffen (wie Safran oder weiteren Kräutern) optisch anpassen ließ.

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