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Fruchtmus mit Ei oder Brot

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.4/10BrotBrot / BackwerkHöfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Nimm Äpfel, schäle sie und gib sie in einen Topf. Gieße sogleich Schmalz dazu und lasse alles zusammen sieden. Dann nimm sie und verrühre sie zu einem Mus und schlage Eier darunter. Würze das Mus auf der Schüssel nach Belieben.

Für einen Fastentag: Reibe Brot unter das Mus anstelle der Eier.

Dieses Mus kannst du auch aus Quitten oder Birnen zubereiten.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
oppfel Äpfel - - -
vaist Schmalz - - Pflanzenöl oder Butter
ayer Eier - - -
prot Brot - - -
kutten Quitten - Wochenmarkt (saisonal) -
pieren Birnen - - -
stain obs Steinobst (z.B. Pflaumen, Kirschen) - - -
gewurcz Gewürze (z.B. Zimt, Ingwer, Zucker) - - -

Welches Gericht ist das? Im Kern ein Vorläufer des heutigen Apfelmuses: weichgekochte Äpfel werden zerdrückt und mit Ei oder - an Fasttagen - mit geriebenem Brot gebunden. Die Ei-Bindung erinnert an eine cremige Fruchtcreme, die Brot-Variante an ein sättigendes, dickes Fastenmus.

Was bedeutet »zwier sy«? Das wortnahe Schwesterrezept m5919-031 hat an genau dieser Stelle »twir es« und übersetzt das selbst mit »rühre es um« oder »zerdrücke es«. Ein Wort für Sieb oder Tuch kommt im Text nicht vor - gemeint ist schlichtes Zerdrücken beziehungsweise Verrühren der weichgekochten Apfelstücke im selben Topf, kein zusätzlicher Arbeitsschritt mit eigenem Werkzeug.

Praxis. Äpfel schälen und in den Topf geben, sofort einen guten Schuss Schmalz dazu (als Anhaltspunkt für 500 g Frucht etwa 2 Esslöffel) und bei milder Hitze weichsieden lassen, das dauert je nach Apfelsorte 15-25 Minuten. Danach mit dem Löffel zerdrücken beziehungsweise verrühren, bis ein Mus entsteht. Für die Eier-Variante: 1-2 Eier pro 500 g Frucht aufschlagen und unterrühren, solange das Mus warm ist, aber nicht mehr kocht - so bindet das Ei, statt zu stocken. Für die Fastenvariante fein gestoßenes trockenes Brot (Graubrot oder Schwarzbrot) nach und nach unterrühren, bis die gewünschte Dicke erreicht ist. Gewürzt wird erst auf der Schüssel: eine Prise Zimt, Ingwer, Nelken oder Muskat passt gut. Das Mus lässt sich auch aus Quitten oder Birnen zubereiten.

Was bedeutet ‚Mus‘ in diesem Rezept?

In diesem Rezept bezeichnet ‚Mus‘ eine breiige Zubereitung aus gekochten, zerdrückten Äpfeln, die anschließend mit Eiern oder geriebenem Brot gebunden wird. Es ist vergleichbar mit einem modernen Fruchtpüree oder einem dicken Apfelmus.

Welche Gewürze soll ich für das Fruchtmus verwenden?

Das Rezept lässt die Wahl der Gewürze offen. Typisch für die mittelalterliche Küche wären milde, süße Gewürze wie Zimt, Ingwer oder eine Prise Muskat. Auch Zucker oder Honig zum Süßen sind passend. Würze das Mus nach deinem Geschmack direkt auf der Schüssel.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, sehr gut geeignet. Es lässt sich im Topf über offenem Feuer in etwa 30-40 Minuten zubereiten: schälen, weichkochen, zerdrücken, Ei oder Brot einrühren, würzen. Die Zutaten sind robust und benötigen keine aufwendige Kühlung oder Spezialgeräte.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain gemuesz von pieren oder von stain obs . Item Nym oppfel vnd schell die vnd leg die In ain hafen vnd ze hannd geuss vaist daran vnd lass das also sieden . So nym sy vnd zwier sy vnd schlah ayer daran vnd gewurcz sy vf der schussel . Aber an ainem vast tag So reib prot darunder an der ayer stat Das muoss magstu machen von kutten oder von pieren .
gemuesz / muoss

Der Begriff ‚Mus‘ bezeichnet in den Kochbüchern des Meisters Hans eine breite Palette von Speisen, von Breien bis hin zu Pfannengerichten. Hier ist eine breiige Fruchtzubereitung gemeint.

vaist

‚Vaist‘ bedeutet Fett oder Schmalz. Da das Hauptrezept Eier enthält, ist hier tierisches Schmalz gemeint. Für eine vegetarische oder vegane Variante kann Pflanzenöl oder Butter verwendet werden.

zwier sy

Schreibvariante von ‚twiern/treiben‘ im Sinne von rühren beziehungsweise zerdrücken - nicht zu verwechseln mit dem gleich aussehenden Zahlwort ‚zwier‘ (=zweimal). Das wortnahe Schwesterrezept m5919-031 hat an derselben Stelle ‚twir es‘ und übersetzt es selbst mit ‚rühre es um‘ oder ‚zerdrücke es‘. Ein Sieb oder Tuch wird im Text nicht genannt.

vast tag

Ein ‚Fastentag‘ bezieht sich auf die christlichen Fastenzeiten, in denen der Verzehr von Fleisch, Eiern und Milchprodukten untersagt war. Die Variante mit Brot statt Eiern ist eine Anpassung an diese Speisegebote.

kutten

Quitten sind Kernobstfrüchte, die roh sehr hart und herb sind, aber gekocht ein intensives, aromatisches Mus ergeben. Sie sind saisonal auf Wochenmärkten erhältlich.

stain obs

‚Steinobst‘ ist ein Oberbegriff für Früchte mit einem harten Kern, wie Pflaumen, Kirschen oder Aprikosen. Der Titel des Rezepts (‚Ain gemuesz von pieren oder von stain obs‘) nennt Steinobst als dritte, dem Text zufolge gleichrangige Ausgangsfrucht neben Birnen und Äpfeln.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 051v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

oppfelapple Q89
vaistfat, unspecified Q2789594 · Q1423543 · Q427457
ayerchicken egg Q15260613
protbread Q7802
kuttenquince Q2751465
pierenpear Q13099586
stain obsstone fruit Q14712
gewurczspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvaist

Gewählte Lesart: ‚Vaist‘ wird hier als tierisches Fett (Schmalz) interpretiert, da das Hauptrezept Eier enthält und somit nicht der Fastenzeit unterliegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Pflanzenöl oder Butter - Diese Fette wären für eine nicht-tierische Variante oder wenn das Rezept außerhalb der Fastenzeit mit anderen Fetten zubereitet werden soll, ebenfalls denkbar.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 051v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 30-40 Minuten zubereitet. Schälen, Weichkochen und Zerdrücken sind einfache Handgriffe ohne Spezialgerät; die Fastenvariante mit Brot statt Ei erweitert die Einsetzbarkeit zusätzlich.
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.