Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du eine gute Speise zubereiten möchtest, und sie gut machen willst, dann nimm Wein, Essig und Honig. Gib auch guten Lebkuchen hinzu.
Stoße diese Mischung durch ein Tuch und siede sie. Gieße den Sud danach in ein Gefäß und iss ihn, wenn er kalt geworden ist.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| wein | Wein | - | - | - |
| esseich | Essig | - | - | - |
| honig | Honig | - | - | - |
| gueten leczelten | Guten Lebkuchen | - | Supermarkt (Backwaren) | - |
| tuech | Tuch | - | Supermarkt, Haushaltswaren | Feines Sieb |
Welches Gericht ist das? Eine kalte, süß-saure Sauce aus Wein, Essig, Honig und Lebkuchen - im engsten Zwilling des Korpus (m384-035) ausdrücklich als Galrei (Gelee) bezeichnet, kein Getränk. Das ist ein Lebkuchen-Pfeffer: eine eigene Gattung süß-saurer, mit Lebkuchen gebundener Saucen, die zu Wild, Geflügel, Fisch und Eiern gereicht wurde - m384-035 nennt ausdrücklich "gebratenes Fleisch oder Fisch" als Begleitung. Lebkuchen diente hier nicht als Süßgebäck, sondern als Binde- und Würzmittel - eine Funktion, die in der heutigen Küche kaum noch bekannt ist.
Warum durchs Tuch pressen? Der zerkrümelte Lebkuchen wird zusammen mit Wein, Essig und Honig gestoßen und dann durch ein Tuch gepresst. Das entfernt gröbere Krumenstücke, presst aber zugleich das feine Lebkuchenmehl als Bindemittel in die Flüssigkeit - vergleichbar mit einer zeittypischen Brotbindung, nicht mit einer Mehlschwitze.
Praxis. Lebkuchen fein zerkrümeln und mit Wein, Essig und Honig verrühren. Die Mischung durch ein feines Tuch oder Sieb pressen, damit sie glatt wird. Kurz aufsieden lassen, dann in ein Gefäß abfüllen und vollständig auskühlen lassen, bevor der Sud gegessen oder getrunken wird.
Verwende einen einfachen, unglasierten Lebkuchen ohne Füllung, etwa einen traditionellen Nürnberger oder Aachener Lebkuchen mit den typischen Gewürzen der Zeit. Achte darauf, dass er nicht zu süß ist, da zusätzlich Honig verwendet wird.
Der Text selbst nennt kein Begleitgericht, aber die Zutaten- und Bindetechnik ordnen das Rezept eindeutig in die mittelalterliche Sauce-Gattung "Lebkuchen-Pfeffer" ein - süß-saure, mit Lebkuchen gebundene Saucen, die zu Wild, Geflügel, Fisch und sogar zu Eiern gereicht wurden. Der engste Zwilling im Korpus (m384-035) nennt dasselbe Gericht "Galrei" und bestätigt: solche Gelees/Saucen wurden "oft zu gebratenem Fleisch oder Fisch gereicht". Gegessen wurde also vermutlich als kalte Begleitsauce zu einem Braten, nicht pur als Getränk.
Ja, hervorragend geeignet. Alle Zutaten sind gut haltbar und leicht zu transportieren. Die Zubereitung ist einfach und erfordert nur einen Topf und ein Tuch zum Passieren. Der Sud kann am Feuer gekocht und dann zum Abkühlen beiseitegestellt werden.
Die Anweisung ‚stoz das durch ein tuech‘ bedeutet, die gestoßene Mischung durch ein feines Tuch oder ein Passiertuch zu drücken oder zu seihen. Dies dient dazu, feste Bestandteile des Lebkuchens zu entfernen und einen klaren, glatten Sud zu erhalten. Ein feines Sieb kann als moderne Alternative dienen.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Lebkuchen, hier als Würz- und Bindezutat für den Sud eingesetzt, nicht als Süßgebäck - die klassische Bindung des Lebkuchen-Pfeffers, einer eigenen Sauce-Gattung.
Wörtlich ‚stoße das durch ein Tuch‘ - dies bedeutet, die Mischung durch ein feines Tuch zu passieren oder zu pressen, um sie zu klären und eine glatte Konsistenz zu erhalten.
Der wortidentische Zwilling m384-035 bezeichnet dieses Rezept ausdrücklich als ‚Galrei‘ (Gelee, von lateinisch gelata) - das ordnet den Sud kulturhistorisch in die mittelalterliche Gelee-/Galantine-Tradition ein statt in eine reine Getränke-Kategorie.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| wein | wine Q282 |
| esseich | vinegar Q41354 |
| honig | honey Q10987 |
| gueten leczelten | gingerbread for sauce Q1468150 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
leczelten
Gewählte Lesart: ‚Lebkuchen‘ - basierend auf dem Korpus-Glossar und der historischen Verwendung von gewürztem Gebäck in solchen Zubereitungen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 02.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.