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Hausen geruchsneutral zubereiten

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit45 Min.Portionen1 Fisch (Vorbehandlung, kein eigenständiges Gericht)BuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du Hausen zubereiten willst, damit er nicht unangenehm riecht, dann nimm Asche und siebe sie fein durch ein Sieb.

Mache daraus anschließend in Wasser eine Art dicke Lauge und lege den Hausen hinein und lasse ihn sieden. Nimm ihn dann heraus und wasche ihn sehr sauber.

Bereite ihn danach zu, wie du ihn haben möchtest; so wird er gut und riecht niemals mehr unangenehm.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
aschen Asche - -
ain sib ein Sieb - -
ein wasser Wasser Leitung -
hawssen Hausen (Stör) gut sortierter Fischhändler, Online-Handel (Zuchtstör) Welsfilet oder anderer fester, großer Fisch

Welches Gericht ist das? Kein eigenständiges Gericht, sondern eine reine Vorbehandlungstechnik für stark riechenden Fisch - hier Hausen (Stör). Als großer, bodennah lebender Süßwasserfisch entwickelt der Hausen, besonders in älteren, fettreichen Exemplaren, häufig einen ausgeprägten Schlamm- und Trangeruch im Fettgewebe - ein bei Bodenfischen bekanntes Problem, das die Vorbehandlung nötig machte. Ihr lebender Verwandter ist die heute übliche Praxis, Rochen, Hai oder Stör vor der Zubereitung in Milch, Zitronen- oder Essigwasser einzulegen, um den Ammoniak-/Trimethylamin-Geruch zu binden. Das Mondseer Rezept geht chemisch den umgekehrten Weg: statt einer Säure setzt es eine alkalische Aschelauge ein.

Wie stark diese Lauge den Geruch tatsächlich chemisch neutralisiert, ist fraglich, da Fischgeruchsstoffe selbst basisch sind - eine zusätzliche Lauge müsste sie eher verstärken als binden. Plausibler ist eine mechanisch-reinigende Wirkung: Die Lauge löst Fett-, Schleim- und Blutreste von Haut und Fleisch, die beim anschließenden gründlichen Waschen mit entfernt werden. Der Geruchseffekt käme dann vom Entfernen dieser Rückstände, nicht von einer echten chemischen Bindung der Geruchsmoleküle.

Praxis. Feine Holzasche (am Lagerfeuer reichlich vorhanden) durch ein Sieb geben, um Grobpartikel zu entfernen, dann in Wasser einrühren, bis eine dicke, milchig-trübe Lauge entsteht. Den Fisch darin kurz sieden lassen, danach herausnehmen und sehr sorgfältig unter fließendem Wasser abwaschen, damit keine Laugenreste zurückbleiben, die sonst bitter-seifig schmecken würden. Erst danach nach Belieben weiter zubereiten - das Rezept lässt die eigentliche Garmethode offen.

Was ist Hausen und woher bekomme ich ihn?

Hausen ist eine große Störart, die im Mittelalter in europäischen Flüssen wie der Donau heimisch war. Wildstöre sind heute streng geschützt. Für dieses Rezept kannst du Zuchtstör beim gut sortierten Fischhändler oder online beziehen. Eine Alternative wäre ein großer, fester Fisch wie Wels.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein - das ist keine eigenständige Speise, sondern eine reine Vorbehandlungstechnik für stark riechenden Fisch. Zudem ist ein ganzer frischer Hausen (ein Riesenfisch) am Markttag praktisch nicht zu beschaffen; das Rezept ist eher küchenhistorisch interessant als lager-praktisch.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen Sammlung von Rezepten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Sprachraum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und zeigt eine praktische Vorbehandlungstechnik der damaligen Küche.

Wozu dient die Aschelauge in diesem Rezept?

Die Aschelauge reinigt den Fisch von Fett-, Schleim- und Blutresten, die für den starken Eigengeruch des Hausens mitverantwortlich sind. Der Geruchseffekt entsteht also eher durch diese gründliche Reinigung als durch eine chemische Neutralisierung, wie das Rezept es beschreibt - nach dem Waschen soll der Fisch dann ‚niemals mehr unangenehm riechen‘.

ITem wildw hawssen machen das Sy nit Smecken So nym aschen vnd sa den schon durch ain sib vnd mach In dar nach in ein wasser als ein garen gall vnd leg die hawssen dar ein vnd lass sieden vnd nym sy dan her auß vnd wasch sy gar schon vnd mach sy dann wie dw sy haben wilt so werden sy guet vnd Smechent nymer
hawssen

Der Hausen (Huso huso) ist eine Störart, die im Mittelalter in großen Flüssen wie der Donau heimisch war und als Speisefisch sehr geschätzt wurde. Heute sind Störe in Europa streng geschützt; für den Verzehr kommt nur Zuchtstör in Frage.

aschen

Holzasche, insbesondere von Hartholz, wurde im Mittelalter häufig zur Herstellung von Lauge verwendet. Diese alkalische Lösung diente als Reinigungsmittel, zum Bleichen oder wie hier zur Vorbehandlung stark riechender Lebensmittel.

garen gall

Wörtlich ‚dicke Galle‘. Im Korpus ist die Formulierung ein Hapax (nur hier belegt); im Kontext von Asche und Wasser ist eindeutig eine alkalische Lauge gemeint, die durch das Einweichen von Asche in Wasser entsteht - eine Tiergalle scheidet als Lesart aus, da sie nicht aus Asche und Wasser hergestellt würde.

smecken / Smechent

Im Frühneuhochdeutschen konnte ‚smecken‘ sowohl ‚schmecken‘ als auch ‚riechen‘ bedeuten, oft mit der Konnotation eines unangenehmen Geruchs oder Geschmacks.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 023v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwildw

Gewählte Lesart: 'willst du' - eine gängige Anredeformel in frühneuhochdeutschen Kochrezepten.

Lesartsmecken / Smechent

Gewählte Lesart: 'riechen / riecht unangenehm' - im Kontext der Geruchsneutralisierung des Fisches ist die Beseitigung eines unangenehmen Geruchs das primäre Ziel des Rezepts.

Andere mögliche Lesart:

  • 'schmecken / schmeckt unangenehm' - Das Wort konnte sowohl riechen als auch schmecken bedeuten. Da das Rezept explizit die Neutralisierung eines unerwünschten Merkmals zum Ziel hat, ist die Lesart ‚riechen‘ hier die primäre, da Fischgeruch oft das Hauptproblem ist, das man vor dem Kochen beseitigen möchte. Der Geschmack wird indirekt durch die Geruchsneutralisierung verbessert.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 023v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Reine Vorbehandlungstechnik, kein eigenständiges Gericht - und für die Marktpraxis unrealistisch: einen ganzen frischen Hausen (einen Riesenfisch) am Markttag zu bekommen und noch vor Ort zu entstinken, ist kein Lagerküche-Szenario.
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