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Gebratene kleine Vögel

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen2-4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du kleine Vögel zubereiten willst, dann nimm kleine Vögel und gib sie in einen Topf. Gieße Schmalz hinzu und lass die Vögel darin gar braten.

Nimm danach Welschwein und Petersilie, und vermenge dies mit Essig oder mit Wein. Gieße das zusammen mit Gewürzen darüber.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
chlain vogel Kleine Vögel Wildhändler, Geflügelhändler (Wachteln, Tauben aus Zucht) Wachteln oder junge Hühnerteile
smalcz Schmalz - Butter oder Pflanzenöl
walisch wein Welscher Wein gut sortierter Supermarkt -
pettersil Petersilie - -
esseich Essig (zum Säure-Ausgleich, oder alternativ Wein) - Wein
bein Wein (zum Säure-Ausgleich, alternativ zum Essig) - Essig
gburcz Gewürze - Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken

Welches Gericht ist das? Kleine Vögel, im Topf in Schmalz gar gebraten und mit einer einfachen Wein-Kräuter-Würze abgeschmeckt - kein aufwendiges Sauce-Gericht, sondern eine schlanke Zubereitung für kleines Wildgeflügel.

Zwei Flüssigkeiten, zwei Aufgaben. Der Welschwein (importierter Südwein) dient zusammen mit der Petersilie als Basis-Würze; separat davon wird mit Essig oder Wein - vermutlich zur Süße-Säure-Balance gegen den schwereren Welschwein - nachgeschärft, bevor die Gewürze dazukommen.

Praxis. Kleine Vögel (ersatzweise Wachteln oder junge Tauben aus Zucht) im Topf in Schmalz gar braten. Welschwein (oder ein kräftiger Weißwein) mit gehackter Petersilie verrühren, mit einem Schuss Essig oder Wein abschmecken, mit Gewürzen (Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken) würzen und über die gebratenen Vögel geben.

Wo bekomme ich kleine Vögel für dieses Rezept?

Die im Rezept genannten ‚kleinen Vögel‘ umfassten im Mittelalter auch heute streng geschützte Singvögel. Für ein ethisch vertretbares Nachkochen sind Wachteln oder junge Tauben aus Zucht die beste Wahl. Diese sind bei spezialisierten Geflügelhändlern oder auf Wochenmärkten erhältlich.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung im Topf über offenem Feuer ist einfach und dauert etwa 30 Minuten. Achte darauf, frische Vögel gekühlt zu transportieren und zeitnah zu verarbeiten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen Sammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

ITem wil dw chlain vogel beraitten So nym chlain vogel vnd thue sy in ein haffen vnd gewß smalcz dar an vnd laß gar dar Innen pratten nym dar nach walisch wein pettersil vnd reibs mit esseich oder mit bein vnd gewß dar mit gburcz dar an etc.
chlain vogel

Im Mittelalter wurden viele kleine Wildvögel wie Lerchen, Drosseln oder Ammern verzehrt. Heute sind diese Arten streng geschützt. Für ein ethisch vertretbares Nachkochen eignen sich Wachteln oder junge Tauben aus Zucht.

haffen

Ein Topf oder eine Pfanne, wie sie auch heute noch in der Küche verwendet wird.

smalcz

Tierisches Fett, meist Schweineschmalz. In der Fastenzeit wurde es durch Pflanzenöl oder 'Fastenbutter' ersetzt.

walisch wein

Welscher Wein, also importierter Wein aus romanischem (meist italienischem) Anbaugebiet. Walisch/welsch bezeichnete im Spätmittelalter allgemein das Romanisch-Fremde, nicht eine Farbe oder Süße - gemeint ist ein südländischer Importwein, nicht die moderne Rebsorte 'Welschriesling'. Farbe und Süßegrad sind historisch nicht gesichert; siehe die Anmerkung zu 'bein' zur möglichen Süße-Säure-Balance mit dem später genannten Essig/Wein.

pettersil

Petersilie, ein weit verbreitetes Küchenkraut.

esseich

Essig, ein grundlegendes Würzmittel in der mittelalterlichen Küche.

bein

Nicht ‚Knochen' (die naheliegende, aber hier falsche moderne Lesart), sondern eine Nebenform/Verschreibung für ‚Wein' - so glossiert CoReMA selbst auf der Objektseite zu diesem Rezept (englisch ‚wine', Wikidata Q282). Vermutlich kein sinnloses Wein-in-Wein: Welschwein aus südlichen/romanischen Gebieten galt als schwerer und süßer als lokale Weine - Essig oder ein herberer Wein gleicht diese Süße vermutlich aus, eine im Mittelalter geläufige Balance-Technik.

gburcz

Gewürze. Im Mittelalter war dies oft eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Safran, je nach Verfügbarkeit und Wohlstand des Haushalts.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 040v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartpettersil

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'Petersilie'.

Lesartesseich

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'Essig'.

Lesartgburcz

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'Gewürze'.

Lesartbein

Gewählte Lesart: ‚Wein' - Nebenform/Verschreibung, nicht ‚Knochen'. So glossiert CoReMA selbst auf der Objektseite zu diesem Rezept (englisch ‚wine', Wikidata Q282); die diplomatische CoReMA-Transkription weist an dieser Stelle zudem keine Lücke auf.

Lesartreibs mit esseich oder mit bein

Gewählte Lesart: ‚Vermenge [Welschwein und Petersilie] mit Essig oder mit Wein' - vermutlich eine bewusste Süße-Säure-Balance: Welschwein aus südlichen/romanischen Gebieten galt als schwerer und süßer als lokale Weine, Essig oder ein herberer Wein gleicht das vermutlich aus. Kein fehlendes/unbekanntes festes Ingredienz, keine Textlücke.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Reib(e) sie [die Petersilie] mit Essig oder Wein zu einer Paste'. - Grammatisch ebenfalls denkbar, da 'reibs' ('reib es') direkt auf 'pettersil' folgt. Aber 'es' (Neutrum) passt nicht exakt zu 'die Petersilie' (Femininum) - die Süße-Säure-Balance-Lesart ist die einfachere und kulinarisch nächstliegende.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 040v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 30 Minuten fertig. Frische kleine Vögel (Wachteln, Tauben) müssen gekühlt werden, sind aber am Markttag gut erhältlich. Die Zubereitung ist unkompliziert.
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