Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du ein ganzes Ei in eine Flasche mit engem Hals bringen, so lege das Ei für drei Tage und drei Nächte in Essig.
Wenn es weich wird, gieße es dann in die Flasche und lasse den Essig ab. So wird das Ei wieder ganz und fest.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| ein gancz ay | 1 Ei | - | - |
| einen essich | Essig | - | - |
| einen angster | 1 Flasche mit engem Hals | - | Enghalsige Flasche |
Kein Kochrezept - ein chemisches Kunststück. Essigsäure löst den Kalk der Eierschale auf; nach ein paar Tagen bleibt nur noch die weiche, gummiartige Eihaut übrig, durch die man das Ei unbeschadet zusammendrücken und durch einen engen Flaschenhals schieben kann - ein Trick, der bis heute in Chemie-Vorführungen gezeigt wird.
So gelingt es (ungefährlich, gut vorführbar). Ein rohes Ei drei Tage und Nächte vollständig in Essig legen, bis sich die Schale komplett aufgelöst hat und nur die durchsichtige Membran übrig bleibt - das Ei fühlt sich dann gummiartig-elastisch an. Vorsichtig samt Essig in die enge Flasche gießen, dann den Essig wieder abgießen. Mit "wieder ganz und fest" ist gemeint, dass die feuchte Eihaut beim Trocknen wieder straff wird und wie ein intaktes Ei aussieht - die Kalkschale selbst kommt nicht zurück.
Für die Vorführung. Gut sichtbar am Lagerfeuer erklären: das Ei wird VOR den Augen des Publikums weich und schlüpft durch den engen Hals - der eigentliche „Aha-Effekt" entsteht, wenn man das fertige Ei später aus der Flasche zeigt und erklärt, wie es hineingekommen ist, ohne die Flasche zu zerbrechen.
Die Eierschale besteht hauptsächlich aus Calciumcarbonat. Essig (Essigsäure) reagiert mit dem Calciumcarbonat und löst es auf, wobei Kohlendioxidgas entsteht. Dadurch wird die Schale weich und flexibel, während die innere Membran des Eis intakt bleibt. Wenn das Ei dann aus dem Essig genommen wird, verfestigt es sich wieder, da die Flüssigkeit im Ei durch Osmose Wasser verliert und die Proteine sich stabilisieren.
Nein, dies ist kein Kochrezept, sondern ein naturwissenschaftlicher Trick oder ein „Kunststück“. Es ist nicht zum Verzehr gedacht, könnte aber als unterhaltsames Experiment oder zur Demonstration historischer Naturkunde auf einem Mittelaltermarkt dienen.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.
Ein Angster ist eine kleine Flasche oder ein Gefäß mit einem sehr engen Hals. Solche Gefäße wurden im Mittelalter häufig für kostbare Flüssigkeiten wie Essig, Öl oder Gewürzweine verwendet.
Ein Angster ist eine kleine Flasche oder ein Gefäß mit engem Hals, oft für Essig oder Öl verwendet. Der Begriff ist verwandt mit dem lateinischen ‚angustus‘ (eng).
Hier bedeutet ‚ganz‘ nicht nur ‚unversehrt‘, sondern auch ‚fest‘ oder ‚wieder in fester Form‘, nachdem die Schale durch den Essig weich und flexibel geworden ist.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
gancz
Gewählte Lesart: Die Lesart ‚ganz‘ im Sinne von ‚fest‘ oder ‚wieder in fester Form‘ wurde gewählt, da das Ei nach dem Ablassen des Essigs seine ursprüngliche Festigkeit zurückgewinnt, nachdem die Schale weich geworden ist.
Andere mögliche Lesart:
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