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Der Wurst-Trick mit Quecksilber

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit5 Min.Portionen1 VorführungBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du Würste aus einer Kesselwurst erscheinen lassen willst, dann nimm lebendiges Quecksilber und wirf es in den Kessel, wenn dieser am besten siedet. Dann laufen die Würste heraus.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
wurst auss ainem chossel wurst Kesselwurst (als Requisite) Metzger, Supermarkt -
lebendigß chochsilber Quecksilber - -

Kein Kochrezept - ein historischer Tischtrick. Dieser Eintrag beschreibt keine Speise, sondern eine Verblüffungs-Nummer für die Festtafel: siedendes Quecksilber sollte scheinbar von selbst Würste aus einem Kessel "herauslaufen" lassen. Die zugrundeliegende Physik-These steht in den Anmerkungen unten.

Für die Praxis (Reenactment): Echtes Quecksilber gehört niemals in die Nähe von Lebensmitteln oder eine Feuerstelle mit Publikum - das Original ist mit heutigem Wissen schlicht ein Giftanschlag, kein Kunststück. Wer die Verblüffung historisch korrekt nacherzählen möchte, tut das am besten erzählerisch (als Anekdote über mittelalterliche Tafel-Kuriositäten) statt als nachgestellte Vorführung. Dieses Rezept dient in Fyndling ausschließlich der dokumentarischen Einordnung, nicht als Anleitung.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist absolut ungeeignet für die Lagerküche oder den Verzehr. Es handelt sich um einen historischen Trick, bei dem hochgiftiges Quecksilber verwendet wird. Quecksilber darf niemals in Kontakt mit Lebensmitteln kommen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, verfasst im bairisch-österreichischen Dialektraum (Umkreis Kloster Mondsee, Oberösterreich).

Was bedeutet ‚chossel' und ‚sewdt' im Rezept?

‚Chossel' ist eine bairisch-österreichische Form für ‚Kessel', also ein Kochgefäß. ‚Sewdt' ist die frühneuhochdeutsche Form von ‚siedet', was ‚kocht' oder ‚wallt auf' bedeutet.

Wozu diente dieser ‚Wurst-Trick' im Mittelalter?

Solche Rezepte waren Teil der Unterhaltung an höfischen oder bürgerlichen Tafeln. Sie dienten als Tischtrick oder Schau-Element, um Gäste zu verblüffen, nicht zur tatsächlichen Zubereitung von Speisen. Die Verwendung von Quecksilber war dabei ein ‚magisches' Element, das den Trick untermauern sollte.

Gibt es eine physikalische Erklärung, warum die Würste 'herauslaufen' sollen?

Eine chemische Reaktion mit dem Wasser findet nicht statt, und Quecksilber verdampft bei Kochtemperatur nicht (sein Siedepunkt liegt bei 357°C). Plausibel ist aber ein physikalischer Effekt: Quecksilber ist rund 13,6-mal dichter als Wasser und sinkt sofort auf den Kesselboden, wo die Feuerhitze am größten ist; zugleich leitet es Wärme etwa 800-mal besser als Wasser. Das könnte dort einen plötzlichen, heftigen Siedeausbruch auslösen, der die (durch Gaseinschluss in der Hülle leicht schwimmenden) Würste im Kessel kräftig aufwirbelt - ein real mögliches, aber wohl stark übertriebenes Stoßsieden, keine verlässlich wiederholbare Vorführung.

ITem wil dw wurst auss ainem chossel wurst machen lassen / so nym lebendigß chochsilber vnd wirff das in den chossel so er aller pest sewdt so lauffen sy her auß
chossel wurst

Hier als ‚Kesselwurst' interpretiert, eine Art Wurst, die als Requisite für den Trick dient. Es könnte sich um eine große Wurst handeln, aus der kleinere Würste scheinbar hervorkommen.

lebendigß chochsilber

‚Lebendiges Quecksilber' ist der historische Begriff für flüssiges Quecksilber. Es ist hochgiftig und darf unter keinen Umständen in Kontakt mit Lebensmitteln oder zum Verzehr kommen. Dieses Rezept ist ein historisches Kuriosum und nicht zum Nachkochen geeignet.

Physikalische These zum Mechanismus

Eine chemische Reaktion findet nicht statt - Quecksilber reagiert nicht mit siedendem Wasser, und sein eigener Siedepunkt liegt bei 357°C, weit über jeder Kochtemperatur; es verdampft hier also nicht. Plausibel ist stattdessen ein rein physikalischer Effekt aus zwei Eigenschaften des Quecksilbers: Es ist rund 13,6-mal dichter als Wasser und sinkt daher praktisch augenblicklich auf den Kesselboden, dorthin, wo die Hitze der Feuerstelle am größten ist; zugleich leitet es Wärme etwa 800-mal besser als Wasser. Am Boden angekommen, überträgt es die Hitze schlagartig und lokal in das umgebende Wasser - ein plötzlicher, heftiger Siedeausbruch genau unter den (durch eingeschlossene Gase in der Wursthülle leicht schwimmenden) Würsten, der sie durchaus kräftig hochschleudern könnte. Damit wäre der ‚Trick' eine reale, aber vermutlich stark überzeichnete Beobachtung - ein plötzliches, heftiges Aufwallen beim Eintauchen eines dichten Fremdkörpers in siedende Flüssigkeit (vergleichbar dem ‚Stoßsieden' bei überhitzten Flüssigkeiten) -, keine verlässliche, wiederholbare Vorführung wie im Text behauptet. Dasselbe Prinzip - Quecksilber als dichte, stets in Bewegung bleibende Flüssigkeit, die einem toten Gegenstand ‚Leben' verleiht - nutzen im selben Buch auch mon-159 (Quecksilber im Hals eines gebratenen Huhns lässt es beim Aufsetzen scheinbar krähen) und mon-160 (erbsengroße Mengen in kleinen Sülze-Fischen lassen sie beim Bewegen der Schüssel zappeln) - dort geht es aber um fortgesetzte Eigenbewegung nach der Störung, nicht um einen einmaligen Siede-Ausbruch wie hier.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 049r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartchossel / chossel wurst

Gewählte Lesart: 'Kessel' (Kochgefäß) und ‚Kesselwurst' (eine Art Wurst, die als Requisite dient). Die Phrase ‚wurst auss ainem chossel wurst' wird als ‚Würste aus einer Kesselwurst' interpretiert, wobei die Kesselwurst der Ursprung der erscheinenden Würste ist.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Kessel' (Kochgefäß) und ‚Wurst' (allgemein), wobei die zweite Nennung von ‚wurst' redundant oder ein Schreibfehler wäre. - Diese Lesart ist weniger plausibel, da die Wiederholung von ‚wurst' im Kontext eines Tricks auf eine spezifische ‚Kesselwurst' als Requisite hindeutet, aus der die Würste erscheinen sollen.

LesartGesamtrezept

Gewählte Lesart: Das Rezept beschreibt einen Tischtrick oder ein Schau-Element, bei dem Würste scheinbar aus einem Gefäß erscheinen, nicht die Zubereitung einer Speise zum Verzehr.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Rezept beschreibt eine tatsächliche Kochmethode, bei der Quecksilber zur Zubereitung von Wurst verwendet wird. - Diese Lesart ist aufgrund der extremen Toxizität von Quecksilber und der absurden Anweisung, es in Lebensmittel zu geben, ausgeschlossen. Historisch gab es jedoch auch medizinische oder alchemistische Rezepte, die Quecksilber enthielten, aber nicht zum Verzehr gedacht waren.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 049r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern ein gefährlicher Tischtrick. Quecksilber ist hochgiftig und darf niemals in Kontakt mit Lebensmitteln kommen. Daher ist dieses Rezept für die Lagerküche oder den Verzehr absolut ungeeignet.
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