Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du eine Sülze zubereiten, unter die lebendige Fische gegeben werden sollen, so nimm Met und siede darin die Fische, welche Art du sülzen möchtest.
Die kleinen Fischlein, die du unten auf die Schüssel setzen willst, die siede in klarem Wein ab. Nimm dann Quecksilber und gib in jedes Fischlein eine Menge wie eine Erbse. Wenn du die Fischlein, die du sonst sülzen möchtest, auf die kleinen legst, dann würze die Sülze mit Ingwer und Muskatblüte.
Gieße die Sülze kalt auf, wenn sie fest wird. So kann man sie wohl den Herren vorsetzen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| sulcz | Sülze | - | - |
| mett | Met (Honigwein) | - | - |
| dy visch | Fisch | - | - |
| dy chlain vischel | Kleine Fische | - | - |
| lautterem wein | Klarer Wein | - | - |
| chochsilber | Quecksilber (hochgiftig!) | - | - |
| ain arbayssen | Erbse (als Größenreferenz) | - | - |
| ymber | Ingwer | - | - |
| muscat plue | Muskatblüte | - | - |
Welches Gericht ist das? Keine lebenden Tiere, sondern eine reine Quecksilber-Illusion auf totem Fisch: Der Titel „Schaufische" und die Formulierung „lebendige Fische" beschreiben das gewünschte SCHEINBILD, nicht den tatsächlichen Zustand - beide Fischgruppen werden vorher gekocht. Zwei Ebenen: eine ganz reguläre Fisch-Sülze (Hauptfische in Met gesotten) obenauf - UND darunter eine Schicht kleiner, ebenfalls gekochter Fischlein, die durch eingebrachtes Quecksilber beim Bewegen der Schüssel scheinbar zappeln. Mechanismus-These in den Anmerkungen unten.
Der Sülze-Teil (unbedenklich, echt nachkochbar): Die Hauptfische in Met sieden, mit Ingwer und Muskatblüte würzen und die Sülze kalt aufgießen, bis sie fest wird - eine klassische Fisch-in-Gelee-Technik, unabhängig vom Trick darunter.
Der Trick-Teil (NIEMALS nachmachen): Das Original siedet die kleinen Fischlein separat in klarem Wein - sie sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot - und gibt jedem eine erbsengroße Menge Quecksilber in den Körper, bevor sie unter die Hauptfische gelegt werden. Als flüssiges Metall bleibt das Quecksilber in Bewegung und erzeugt beim Anheben oder Bewegen der Schüssel ein unheimlich lebendig wirkendes Zappeln in den toten Fischlein - genau das ist die "lebendige"-Illusion des Titels. Quecksilber in einem servierten Gericht ist trotzdem hochgiftig, unabhängig davon, dass kein echtes lebendes Tier involviert ist. Für eine harmlose Reenactment-Vorführung: nur die eigentliche Sülze zubereiten, den Quecksilber-Fisch-Trick komplett weglassen und nur erzählerisch erwähnen.
Nein. Dieses Rezept ist aufgrund der Verwendung von hochgiftigem Quecksilber nicht für den Verzehr oder die Zubereitung im Lager geeignet. Es handelt sich um ein historisches Schaugericht, das der Dokumentation dient.
Nein. Trotz der Formulierung "lebendige Fische" im Text werden beide Fischgruppen vorher gekocht (gesotten) - es kommt kein echtes lebendes Tier zum Einsatz. "Lebendig" beschreibt die gewünschte Wirkung: Quecksilber, das den kleinen (toten) Fischlein eingegeben wird, bleibt als flüssiges Metall in Bewegung und lässt sie beim Anheben der Schüssel täuschend echt zappeln. Schaugerichte (Entremets) wie dieses dienten im Mittelalter der Unterhaltung und dem Prestige bei Festmählern, nicht primär dem Verzehr.
'Chochsilber' ist Quecksilber, ein hochgiftiges Schwermetall. Es wurde hier verwendet, um die kleinen Fische in der Sülze durch seine Dichte und Beweglichkeit scheinbar ‚schwimmen' zu lassen und so einen visuellen Effekt zu erzielen. Die Verwendung von Quecksilber macht dieses Rezept hochgiftig und ungenießbar.
Der Text liest sich tatsächlich beunruhigend eindeutig: Man versteckt Quecksilber in Lebensmitteln und schließt mit der Anweisung, es 'wohl den Herren' vorzusetzen. Etwas mildernd (nicht entschuldigend): Es handelt sich um metallisches, flüssiges Quecksilber, fest verschlossen im Inneren eines toten Fischleins - keine Dämpfe, kein direkter Hautkontakt beim Servieren, und elementares Quecksilber wird beim Verschlucken vom Körper nur sehr schlecht aufgenommen (anders als Quecksilberdämpfe oder -salze). Die eigentliche Gefahr läge also weniger im einmaligen Verschlucken des intakten Fischleins als im Verschütten, Zerbeißen oder in einer beschädigten Fisch-Sülze, aus der Quecksilber austritt. Ob das den ursprünglichen Gästen klar war oder ob sie dem präparierten Fischlein einfach nicht zu nahe kommen sollten, verrät der Text nicht. Nachkochen und Verzehr sind in jedem Fall absolut ausgeschlossen - dieses Rezept dient ausschließlich der historischen Dokumentation.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die höfische und klösterliche Küche dieser Zeit wider.
Sülze oder Aspik. Im Mittelalter oft für Schaugerichte verwendet, um Zutaten zu konservieren oder zu präsentieren.
NICHT wörtlich lebende Fische: „lebendig" beschreibt hier das gewünschte Scheinbild, nicht den biologischen Zustand - der Text selbst siedet (kocht) beide Fischgruppen, bevor sie verarbeitet werden. Gemeint sind die unten in die Sülze gegebenen kleinen Fischlein, die mit Quecksilber präpariert werden: das flüssige Metall bleibt in Bewegung und erzeugt beim Anheben der Schüssel ein täuschend lebendig wirkendes Zappeln in den bereits toten Tieren. Dieselbe Illusions-Logik wie beim krähenden Bratenhuhn mon-159 - dort ist ebenfalls kein lebendes Tier, sondern ein präpariertes totes im Spiel.
Hier als Kochflüssigkeit für Fisch verwendet. Met (Honigwein) war ein beliebtes Getränk, aber seine Verwendung zum Kochen von Fisch ist ungewöhnlich und deutet auf eine luxuriöse Zubereitung hin.
Quecksilber. Ein hochgiftiges Schwermetall, das hier verwendet wurde, um die kleinen Fische in der Sülze durch seine Dichte und Beweglichkeit scheinbar ‚schwimmen' zu lassen. Dieses Rezept ist aufgrund der Verwendung von Quecksilber nicht zum Verzehr geeignet.
Erbsen. Hier als Größenreferenz für die Menge des Quecksilbers.
Ingwer und Muskatblüte waren beliebte Gewürze in der mittelalterlichen Küche, die oft in Kombination verwendet wurden, um Speisen zu würzen und zu verfeinern.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
mett
Gewählte Lesart: Met (Honigwein). Als Kochflüssigkeit für die Fische, was auf eine luxuriöse Zubereitung hindeutet.
Andere mögliche Lesart:
sulczen
Gewählte Lesart: Sülzen (als Verb). Das Einlegen oder Zubereiten in einer Gallerte.
Andere mögliche Lesart:
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