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Ritual zur Entlarvung eines Giftmischers

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit15 Min.Portionen1 Person (als Ziel des Rituals)BuchMondseer Kochbuch (~1480)

Item, willst du erfahren, wenn dir jemand etwas in ein Essen getan hat: So nimm geweihten Honig, der am Ostertag geweiht worden ist, und suche vier Pfauenfedern, die kleine Spiegel haben, und ein Quecksilber, das am Ostertag geweiht worden ist.

Nimm du es allesamt, jedes einzeln habend, und streiche es an drei Enden auf das, was man dir zu essen gegeben hat. Und sprich zu jedem Stücklein ein Vaterunser, Sankt Helena.

Dann sitze du in einer Stube und versammle das ganze Hausvolk. Ist es so beschaffen, dass es vom Gemüt kommt oder den Leib betrifft, so sprich zu jedem: 'Ich frage dich im Namen der heiligen Helena, als der, der sich selbst schuldig gab.' So wirst du gewahr, wer das getan hat. Dann wird es von Stund an oben und unten von ihm gehen, so wird man ihn gewahr, welcher das getan hat.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ge=weychcz honig das an dem oster tag ge=weicht ist worden Honig (geweiht am Ostertag) - -
vier pfabem federen die chlain spiegel haben 4 Pfauenfedern (mit kleinen Spiegeln) - -
ein chochsilber das geweicht ist warnn an dem ostertag Quecksilber (geweiht am Ostertag) - -

Kein Kochrezept - ein magisches Ritual. Dieser Eintrag beschreibt keine Speise, sondern einen abergläubischen Zauber zur Enttarnung eines vermeintlichen Giftmischers: geweihter Honig, Pfauenfedern und geweihtes Quecksilber werden einzeln auf das verdächtige Essen gestrichen, dazu Gebete gesprochen und die Hausgemeinschaft verhört. Die Verwendung von echtem Quecksilber macht das Ritual selbst giftig - unabhängig davon, ob tatsächlich vergiftet wurde.

Für die Praxis (Reenactment): Dieses Ritual gehört nicht nachgestellt, weder mit echtem noch mit Ersatz-Quecksilber - es hat keinen kulinarischen oder harmlosen Schau-Nutzen wie die anderen Quecksilber-Einträge des Buchs (vgl. mon-154, mon-159, mon-160). Der Wert liegt allein in der Dokumentation: es zeigt, wie eng Aberglaube, Volksmedizin und Alltagsängste vor Vergiftung im spätmittelalterlichen Haushalt verwoben waren. Am besten als Anekdote erzählen, nicht vorführen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dies ist kein Kochrezept, sondern ein magisches Ritual zur Entlarvung eines Giftmischers. Es ist nicht für die Lagerküche geeignet und enthält hochgiftiges Quecksilber.

Was ist der Zweck dieses Rezepts?

Dieses 'Rezept' ist ein magisches Ritual, das dazu dienen soll, eine Person zu identifizieren, die jemandem durch Essen Schaden zugefügt hat, möglicherweise durch Vergiftung. Der Schuldige soll durch Erbrechen und Durchfall überführt werden.

Was bedeutet 'chochsilber' im Rezept?

'Chochsilber' ist Quecksilber, ein hochgiftiges Schwermetall. Seine Verwendung in diesem Ritual ist lebensgefährlich und dient ausschließlich der historischen Dokumentation, nicht der Nachahmung.

Was bedeutet die Phrase 'oben vnd vntten vonn Im genn'?

Diese Phrase beschreibt die körperlichen Reaktionen des vermeintlichen Schuldigen: Erbrechen ('oben') und Durchfall ('unten'). Dies galt als Zeichen der Überführung oder der Wirkung des Rituals.

ITem wil dw Innen werden wan man dir auß ainem essen ist So nym ge= weychcz honig das an dem oster tag ge= weicht ist worden vnd s? vier pfabem federen die chlain spiegel haben vnd ein chochsilber das geweicht ist warnn an dem ostertag nym dw das ls alsamer yegliß ain ainIn haben vedt vnd streichs an drew endt auff das das man dir geessen hatt vnd sprich czw iglichen stucklen ain patter noster sand ele= na so sicz dw in ainer stuben vnd voderst das gancz hauß volck czam ist es genatnper das es von dem mut gett oder das dem leib so sprich so czw iglichem ich frag dich in sandt elena nam als der sich selber schuldig gab so wirstu gewar weligs das gethan hat so wird es von stund an oben vnd vntten vonn Im genn so wirt man In welicher das getan hatt
Innen werden

Erfahren, gewahr werden.

ausß ainem essen ist

Wenn dir jemand etwas in ein Essen getan hat.

ge=weychcz honig

Geweihter Honig.

pfabem federen

Pfauenfedern.

chlain spiegel

Die augenähnlichen Flecken auf Pfauenfedern.

chochsilber

Quecksilber (hochgiftig!).

czw iglichen stucklen ain patter noster sand ele=na

Ein Vaterunser zu jedem Stück, im Namen der Heiligen Helena.

czam

Zusammen.

mut

Gemüt, Geist.

leib

Körper.

als der sich selber schuldig gab

Als der, der sich selbst schuldig gab (eine Eidesformel, oft auf Christus bezogen).

oben vnd vntten vonn Im genn

Erbrechen und Durchfall.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 050r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartweychcz honig

Gewählte Lesart: ‚Geweihter Honig' - die Formulierung ‚geweicht ist worden' im selben Satz stützt die Lesart als konsekrierter Honig.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Weicher Honig' - eine Lesart, die sich auf die Konsistenz des Honigs beziehen würde. - Obwohl ‚weich' lautlich möglich ist, macht der Kontext der Weihe am Ostertag die Lesart ‚geweiht' deutlich plausibler.

Lesarts?

Gewählte Lesart: ‚Suche' - als Imperativ, um die Pfauenfedern zu beschaffen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Sieh' - als Imperativ, um die Pfauenfedern zu betrachten. - Die Handlung des Beschaffens passt besser in den Kontext einer Anweisung zur Vorbereitung eines Rituals.

Lesartpfabem federen

Gewählte Lesart: ‚Pfauenfedern' - die Erwähnung von ‚chlain spiegel' (kleinen Spiegeln) passt zu den augenähnlichen Flecken auf Pfauenfedern.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Pflaumenfedern' - Federn von einem Pflaumenvogel. - Pflaumenfedern haben keine charakteristischen ‚Spiegel', was diese Lesart weniger plausibel macht.

Lesartls alsamer yegliß ain ainIn haben vedt

Gewählte Lesart: ‚es allesamt, jedes einzeln habend' - eine Interpretation, die die Phrase als Anweisung zum Sammeln und Bereithalten der einzelnen Zutaten versteht.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚es, gleichsam jedes ein in sich habendes Fett' - eine wörtlichere, aber in diesem Kontext schwer verständliche Lesart, die ‚vedt' als ‚Fett' interpretiert. - Die Phrase ist stark korrumpiert oder idiomatisch. Die primäre Lesart versucht, eine handlungsbezogene Anweisung zu rekonstruieren, die zum folgenden ‚streichs' passt, während die alternative Lesart deskriptiver und weniger funktional ist.

Lesartgenatnper

Gewählte Lesart: ‚so beschaffen' - im Sinne von ‚ist es so geartet/konstituiert'.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚genannt per' - im Sinne von ‚benannt durch'. - Der Kontext der Frage, ob etwas ‚vom Gemüt geht oder das dem Leib', deutet auf eine Eigenschaft oder Beschaffenheit hin, was ‚so beschaffen' plausibler macht als eine Benennung.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 050r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Dies ist kein Kochrezept, sondern ein magisches Ritual zur Entlarvung eines Giftmischers. Es ist nicht für die Lagerküche geeignet und enthält hochgiftiges Quecksilber.
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