Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du einen Prancz von Krebsen zubereiten, so nimm etwa fünfzig große Krebse, die du bekommen kannst. Gieße ein halbes Maß Wein hinzu. Wenn die Krebse dann gekocht sind, seihe den Wein ab und weiche ein wenig Weißbrot darin ein.
Decke die Krebsschalen zu. Die Hälfte der Krebsschwänze lass ganz, die anderen Schalen musst du im Mörser stoßen. Wenn es dann gestoßen ist, nimm das Brot und den Wein und streiche es miteinander durch. Sollte es zu hell sein, so mehre es mit einem Branntwein.
Gib es dann in eine neue Schüssel und temperiere es mit Muskatnuss, Muskatblüte und Ingwer ab, sodass es nicht zu scharf wird. Gib ihm eine Farbe mit Safran. Nimm dann ein geschobenes Brettchen, das genau über das Häfchen passt. Schneide ein kleines Loch durch das Brettchen. Stecke einen Löffel durch das Häfchen, das Brettchen oben darüber, und rühre es hin und her.
Nimm dann die Krebsschalen und forme dir kleine Pofesen. Stecke die Krebsschalen, die du vorbereitet hast, hinein. Lege diese auf eine flache Schüssel und ordne die Krebsschalen um die Pofesen an. Gieße das Gekochte, das du in dem Topf gesotten hast, hinein. Sieh zu, dass man dir mitnichten hineingreift, so kommt es also ganz auf den Tisch. Dann kannst du es gut zu essen geben.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| die grossen chrewssen | 50 Krebse | Fischhändler, spezialisierter Supermarkt (oft tiefgekühlt) | Flusskrebse (aus Zucht) |
| ein halb prancz meff malsel wein | 0.5 l Wein | - | - |
| ain wenig weyß prott | Weißbrot | - | - |
| dy chrewssen schar | Krebsschalen | - | - |
| dy hopfel | Krebsschwänze | - | - |
| dy anderen schall | Krebsschalen | - | - |
| prantten wein | Branntwein, falls die Masse zu hell ist | Supermarkt | Dunkler Rotwein (schwächere Farbwirkung) |
| musca | Muskatnuss | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| musca plue | Muskatblüte (Macis) | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| ymber | Ingwer | - | - |
| saffran | Safran | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Ein aufwendiges Schaugericht: ein fein gewürztes, geröstetes Krebsmus (Prancz, siehe Annotation) wird IN den leergeschälten Krebsschalen als kleine „Pofesen" (siehe Annotation zu ‚pafessen‘) präsentiert - Optik und Geschmack kommen bewusst getrennt zusammen.
So gelingt es. Etwa 50 große Krebse in einem halben Maß Wein kochen, den Wein danach abseihen und aufbewahren. Die Schwänze aus den Panzern lösen: die Hälfte bleibt ganz (für die spätere Deko/Füllung), die andere Hälfte wird samt Schalen im Mörser fein gestoßen. Diese gestoßene Masse mit eingeweichtem Weißbrot und dem abgeseihten Krebswein glattstreichen (durch ein Sieb oder Tuch passieren) - ist die Farbe zu hell, mit etwas Branntwein nachhelfen (Branntwein dient hier der Farbvertiefung, nicht nur dem Aroma). Mit Muskatnuss, Muskatblüte und Ingwer sparsam würzen und mit Safran gelb-orange färben.
So wird es richtig gut. Für die charakteristische Rührtechnik ein Brettchen mit einem kleinen Loch genau über das Kochgefäß (Häfchen) legen, einen Löffel durch das Loch stecken und die Masse damit rühren - das hält Spritzer zurück und ermöglicht gleichmäßiges Rühren auch bei kleiner Gefäßöffnung. Die leeren Krebsschalen zu kleinen „Pofesen" arrangieren, mit den aufbewahrten ganzen Schwänzen füllen, auf einer flachen Schüssel um die „Pofesen" anordnen und das fertige Mus einfüllen - das Gericht wird unberührt ("dass man dir mitnichten hineingreift") direkt so auf den Tisch gebracht.
Ein 'Maß' war eine historische Volumeneinheit, deren Größe regional variierte. Im süddeutschen Raum, zu dem das Mondseer Kochbuch gehört, entsprach ein Maß oft etwa 1 bis 1,5 Litern. Ein halbes Maß wäre demnach etwa 0,5 bis 0,75 Liter Wein - allerdings ist die zugrundeliegende Textstelle ('ein halb prancz meff malsel wein') stark verderbt; 'ein halbes Maß' ist eine plausible Näherung für den Sinn, keine sichere Auflösung jedes einzelnen Wortes.
CoReMA-GAMS (Universität Graz) glossiert die Eröffnungsstelle 'ain prancz von krepphssen' direkt als 'pan fried' - ein geröstetes/gebratenes Krebsgericht, vom mhd. Wortstamm 'brennen/brinnen' (scharf rösten, sengen). Vom selben Wortstamm leitet sich später im Rezept 'prantten wein' ab, das CoReMA-GAMS ebenfalls direkt als 'brandy' glossiert - CoReMAs eigener englischer Rezepttitel lautet passend 'Freshwater crayfish with brandy'. Beide Belege stammen unabhängig voneinander aus derselben Quelle und stützen sich gegenseitig.
Nein, dieses Rezept ist als aufwendiges Schaugericht konzipiert. Die Beschaffung und Verarbeitung von etwa 50 frischen Krebsen im Lager ist sehr anspruchsvoll. Zudem erfordert die Zubereitung mehrere Schritte wie Mörsern, Passieren und eine sorgfältige Präsentation, die viel Zeit und Equipment beanspruchen. Es eignet sich jedoch hervorragend als Vorführungselement, bei dem die Krebse und das Mus vorbereitet und vor Ort nur noch arrangiert werden.
'Pofese' (auch 'Bofese') ist ein historischer deutscher Begriff für in Ei/Teig getunktes, gebratenes Weißbrot - verwandt mit 'Arme Ritter'/French Toast. CoReMA-GAMS glossiert 'pafessen' an dieser Stelle mit derselben Wikidata-ID ('french toast'), mit der auch die 'pofese' im Mondseer-Kochbuch-Rezept mon-023 (Weinbeeren-Feigen-Pfannkuchen) glossiert wird - dort in Form von Brotscheiben, die durch einen Wein-Mehl-Teig gezogen und in der Pfanne gebacken werden. Die MHD-Wörterbücher buchen 'pafese' daneben auch als 'Pavese' (großer Schild) - ein Homograph ohne Küchenbezug.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.
Das 'geschobene Brettchen' mit Loch und das 'Häfchen' (ein kleines Gefäß) beschreiben eine Vorrichtung, die vermutlich dazu diente, das Mus besonders fein zu rühren oder zu passieren. Man kann sich dies wie einen groben Passierstab oder eine Art Reibe vorstellen, durch die die Masse gedrückt oder gerührt wird, um eine sehr glatte Konsistenz zu erzielen. Für moderne Nachkocher kann dies durch ein feines Sieb oder einen Blender ersetzt werden.
CoReMA-GAMS glossiert die Eröffnungsstelle ‚ain prancz von krepphssen‘ direkt als ‚pan fried‘ (Wikidata Q17073916) - ein gebratenes/geröstetes Gericht, vom mhd. Verbstamm ‚brennen/brinnen‘ (scharf braten, rösten, sengen). Das Wort ist Dish-Name, nicht Farbbeschreibung: ‚braunes Mus‘ trifft nur das Endergebnis der Röst-Technik, nicht die eigentliche Wortbedeutung. CoReMAs eigener englischer Rezepttitel für dieses Rezept lautet passend ‚Freshwater crayfish with brandy‘ - eine zweite, spätere Rezeptstelle nutzt tatsächlich Branntwein (‚prantten wein‘, siehe dort), vom selben Wortstamm. Ein zweites ‚prancz‘ taucht weiter oben in der stark verderbten Passage ‚ein halb prancz meff malsel wein‘ auf - diese Stelle bleibt ungeklärt (siehe Lesarten unten), CoReMA glossiert sie nicht eigens.
Mittelhochdeutsche Schreibweise für Krebse. Im Mittelalter waren Krebse eine beliebte Zutat, oft als Fastenspeise klassifiziert.
Den Wein abseihen oder filtern, um feste Bestandteile zu entfernen.
Im Mörser zerstoßen. Dies war die gängige Methode, um Zutaten zu einer feinen Paste zu verarbeiten.
Die Masse durch ein Sieb oder Tuch passieren, um eine sehr feine, glatte Konsistenz zu erhalten.
Die Gewürze so dosieren, dass der Geschmack ausgewogen ist und nicht zu dominant wird.
Muskatblüte, auch Macis genannt, ist die getrocknete Samenmantel der Muskatnuss. Sie hat ein feineres, blumigeres Aroma als die Nuss selbst.
Hier ist nicht nur die Form, sondern auch die Farbe gemeint. Safran wurde verwendet, um Speisen eine leuchtend gelbe bis orange Farbe zu verleihen, was als Zeichen von Reichtum und Festlichkeit galt.
CoReMA-GAMS glossiert diese Stelle mit Wikidata Q197973 (‚french toast‘) - derselben Wikidata-ID, mit der CoReMA auch die ‚pofese‘ in mon-023 (Weinbeeren-Feigen-Pfannkuchen: Brotscheiben durch einen Wein-Mehl-Teig gezogen und gebacken) glossiert. ‚Pofese‘/‚Bofese‘ ist ein historischer deutscher Begriff für in Ei/Teig getunktes, gebratenes Weißbrot, verwandt mit ‚Arme Ritter‘. Die MHD-Wörterbücher (Lexer, Fischer, Goetze, Grimm) buchen ‚pafese‘ hauptsächlich als ‚Pavese‘ (großer Schild) - ein Homograph ohne Küchenbezug.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
prancz
Gewählte Lesart: ‚Ein Geröstetes/Gebratenes von Krebsen‘ - CoReMA-GAMS glossiert diese Stelle rezeptspezifisch als ‚pan fried‘ (Wikidata Q17073916): ‚prancz‘ benennt die Röst-/Bratmethode als Dish-Typ, nicht primär die Farbe. Bestätigt durch CoReMAs eigenen englischen Rezepttitel ‚Freshwater crayfish with brandy‘ und die spätere Stelle ‚prantten wein‘ (Branntwein) vom selben Wortstamm.
Andere mögliche Lesart:
funffczigk
Gewählte Lesart: ‚etwa fünfzig‘ - Die Mengenangabe ‚an ain funffczigk‘ wird als ungefähre Anzahl von fünfzig Krebsen interpretiert, was für ein Gericht dieser Art eine plausible Menge darstellt.
Andere mögliche Lesart:
prancz meff / malsel wein
Gewählte Lesart: Ungeklärt. Die Phrase ‚ein halb prancz meff malsel wein‘ ist stark verderbt oder stenografisch verkürzt; ‚ein halbes Maß Wein‘ ist eine plausible Näherung für den Gesamtsinn (eine Flüssigkeitsmenge Wein), aber KEINE belegte Auflösung der einzelnen Wortbestandteile. Ob das zweite ‚prancz‘ hier dieselbe Bedeutung wie im Rezepttitel hat (Röst-/Brenn-Bezug) oder ein eigenständiges Maßwort ist, lässt sich aus dem Text nicht sicher entscheiden. CoReMA-GAMS glossiert diese zweite Stelle nicht eigens.
Andere mögliche Lesart:
waidenlich
Gewählte Lesart: ‚reichlich‘ - Die Anweisung ‚dy 1/2 laß dw waidenlich‘ wird als ‚die Hälfte lass du reichlich‘ verstanden, was bedeutet, dass diese Teile großzügig oder unversehrt belassen werden sollen.
Andere mögliche Lesart:
hopfel
Gewählte Lesart: ‚Krebsschwänze‘ - ‚hopfel‘ wird als die essbaren Schwänze der Krebse interpretiert, die oft als ‚Hüpfer‘ bezeichnet wurden und den Hauptfleischanteil bilden.
Andere mögliche Lesart:
p prowtt
Gewählte Lesart: ‚Brot‘ - Dies wird als Schreibfehler für ‚prott‘ (Brot) interpretiert, da es im Kontext der Zutatenliste und der Zubereitung (Einweichen in Wein) sinnvoll ist.
Andere mögliche Lesart:
prantten wein
Gewählte Lesart: ‚gebrannter Wein‘ (Branntwein/Weinbrand) - CoReMA-GAMS glossiert diese Stelle direkt als ‚brandy‘ (Wikidata Q146470), und CoReMAs eigener englischer Rezepttitel für dieses ganze Rezept lautet ‚Freshwater crayfish with brandy‘ - der Branntwein ist demnach eine namensgebende Zutat, nicht nur ein Farbmittel.
Andere mögliche Lesart:
rass
Gewählte Lesart: ‚scharf/herb‘ - ‚das es nit czw rass werdt‘ wird als ‚dass es nicht zu scharf oder herb wird‘ übersetzt, was sich auf den Geschmack der Gewürze bezieht.
Andere mögliche Lesart:
geschubcz prettel
Gewählte Lesart: ‚geschobenes Brettchen‘ - Dies wird als ein Brettchen interpretiert, das über ein Gefäß geschoben wird und ein Loch enthält, durch das die Masse gerührt wird. Dies könnte eine Technik zum Passieren oder Emulgieren sein.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: ‚Häfchen‘ (kleines Gefäß/Topf) - Beide Begriffe werden als Diminutive von ‚Hafen‘ (Topf) verstanden, die ein kleines Gefäß bezeichnen, das unter dem Brettchen platziert wird.
Andere mögliche Lesart:
lochel
Gewählte Lesart: ‚Löchlein‘ - Dies ist die Diminutivform von ‚Loch‘ und beschreibt die Öffnung im Brettchen.
Andere mögliche Lesart:
furstdar
Gewählte Lesart: ‚hin und her‘ - Die Anweisung ‚ruer es furstdar‘ wird als ‚rühre es hin und her‘ interpretiert, was eine gründliche und gleichmäßige Bewegung beim Rühren beschreibt.
Andere mögliche Lesart:
pafessen
Gewählte Lesart: ‚Pofese‘ (auch ‚Bofese‘) - ein historischer deutscher Begriff für in Ei/Teig getunktes, gebratenes Weißbrot, verwandt mit ‚Arme Ritter‘. CoReMA-GAMS glossiert ‚pafessen‘ rezeptspezifisch mit Wikidata Q197973 (‚french toast‘) - derselben Wikidata-ID, mit der CoReMA auch die ‚pofese‘ in unserem eigenen mon-023 (Weinbeeren-Feigen-Pfannkuchen: dünne Brotscheiben durch einen Wein-Mehl-Teig gezogen und in der Pfanne gebacken) glossiert. Die unabhängige Übereinstimmung zweier Rezepte desselben Buchs stützt diese Lesart deutlich stärker als eine isolierte Glosse.
Andere mögliche Lesarten:
flossew schussel
Gewählte Lesart: ‚flache Schüssel‘ - ‚flossew‘ wird als ‚flach‘ interpretiert, was eine geeignete Form für die Präsentation des Gerichts auf dem Tisch ist.
Andere mögliche Lesart:
hossel / posselen
Gewählte Lesart: ‚Hülsen‘ (Schalen) / ‚Pasteten‘ - ‚hossel‘ wird als die Krebsschalen (Hülsen) interpretiert, die um die ‚posselen‘ (Pasteten) angeordnet werden sollen.
Andere mögliche Lesart:
greyff
Gewählte Lesart: ‚greift‘ - Das Verb ‚greyff‘ wird als ‚greift‘ übersetzt, was sich auf das Hineingreifen in das Gericht vor dem Servieren bezieht.
Andere mögliche Lesart:
chumb
Gewählte Lesart: ‚kommt‘ - Das Verb ‚chumb‘ wird als ‚kommt‘ übersetzt, was sich auf das Servieren des Gerichts auf dem Tisch bezieht.
Andere mögliche Lesart:
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