Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du dreißig oder vierzig Eier zu einem einzigen Ei verarbeiten, so nimm zwei Schweinsblasen, wobei die eine kleiner sein soll als die andere. Wasche die Blasen innen ganz gründlich mit Wasser.
Nimm dann die Eier und scheide das Eigelb und das Eiweiß voneinander, das Eiweiß für sich und das Eigelb für sich. Nimm dann die kleinere Blase und rühre das Eigelb durcheinander. Gieße es in die Blase, sodass sie vom Eigelb voll werde, und binde sie dann gründlich mit einem Faden zu.
Gib die gefüllte Blase dann in einen Topf und lass sie gut sieden, sodass das Eigelb hart werde. Schäl die Blase vom Eigelb ab. Nimm dann die größere Blase und schneide ein Loch hinein, so groß wie das Eigelb hineinpasst. Nähe dann die Blase wieder gründlich zu.
Schlage dann das Eiweiß durcheinander und lass das Eiweiß oben hinein, sodass es ringsum das Eigelb in der Blase umgibt. Binde sie dann mit einem Faden gründlich zu und gib sie in einen Topf, der mit heißem Wasser gefüllt ist. Lass das Eiweiß um das Eigelb sieden.
So wird ein Ei daraus. Gib es dann warm und reiche einen Essig dazu.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| treyssick / oder vierczick ayr | 30 Eier | Supermarkt | - |
| sczwo saw platteren | 2 Schweinsblasen | Metzger (auf Bestellung) | Latex- oder Silikonformen (nicht historisch) |
| wasser | Wasser | Leitung | - |
| varmm | Faden | Supermarkt (Nähzubehör) | - |
| essach | Essig | Supermarkt | - |
Welches Gericht ist das? Mon-207 ist kein Alltagsgericht, sondern ein reines Schaugericht (Trompe-l'œil) der höfischen Tafelkultur: Aus dreißig bis vierzig Eiern wird ein einziges, riesenhaftes „Ei" mit korrektem Dotter-Klar-Aufbau geformt. Engster Verwandter im eigenen Korpus ist ri15632-055, das exakt dasselbe Zwei-Blasen-Verfahren beschreibt; entfernter verwandt ist m5919-001 (Huhn im Glas, gleiche Gussform-Technik an einem Huhn). Ein lebendiges Pendant existiert bis heute in der Trompe-l'œil-Küche - etwa das „falsche Spiegelei" aus Frucht- und Kokospüree, das dieselbe Grundidee verfolgt: ein Ei nicht zu servieren, sondern neu zu konstruieren.
Die Schweinsblase dient als natürliche, hitzebeständige Gussform - dieselbe Funktion wie bei Wurst oder Pastete, hier aber zur Formgebung zweckentfremdet. Das gegarte Eigelb wird aus der kleineren Blase geschält wie eine Wursthaut, dann in eine aufgeschnittene, wieder zugenähte größere Blase gelegt und dort vom rohen Eiweiß umschlossen. Erst der zweite Siedegang gart die äußere Schicht durch, während der bereits feste Kern seine Form behält.
Praxis. Die genähte Naht der zweiten Blase ist die technisch heikelste Stelle: In nasser, elastischer Membran eine wasserdichte Naht zu ziehen, die dem Innendruck des rohen Eiweißes standhält, gelingt nicht immer beim ersten Versuch - mit kräftigem Faden arbeiten und die Naht doppelt sichern. Zwei unterschiedlich große Schweinsblasen sind ein Vorbestellungs-Artikel beim Metzger, kein spontan verfügbares Marktgut. Für die Zubereitung realistisch mehr als die knapp bemessenen 90 Minuten einplanen: Zwei vollständige Siedegänge für eine so große Eimasse plus das Zuschneiden und Zunähen dazwischen brauchen eher zwei Stunden. Als einmalige Vorführung - „ein Ei aus dreißig Eiern" als Publikumsmagnet - ist das Gericht aber hervorragend geeignet und historisch stimmig belegt.
Die Schweinsblase dient als natürliche, hitzebeständige Form, um das Eigelb und später das gesamte Ei in eine perfekte Kugelform zu bringen. Sie wird nach dem Garen entfernt und nicht mitgegessen. Im Mittelalter war dies eine gängige Methode, um Speisen in ungewöhnliche Formen zu bringen.
Ja, als Schaugericht ist es gut geeignet. Die Beschaffung und gründliche Reinigung der Schweinsblasen erfordert Vorbereitung, aber das eigentliche Garen kann am offenen Feuer erfolgen. Es ist ein visuell beeindruckendes Gericht, das die Raffinesse der mittelalterlichen Küche demonstriert.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.
Diese Formulierung bedeutet, dass dreißig oder vierzig einzelne Eier so verarbeitet werden, dass sie am Ende ein einziges, großes, künstlich geformtes Ei ergeben. Es ist eine Technik, um eine optische Illusion zu schaffen und die Gäste zu beeindrucken.
Die Schweinsblase wurde im Mittelalter häufig als natürliche, hitzebeständige Form für Pasteten, Würste oder wie hier für Schaugerichte verwendet. Sie ist lebensmittelecht und kann hohen Temperaturen standhalten.
Im Mittelhochdeutschen bedeutet 'schon' hier 'sauber' oder 'gründlich', nicht 'schön' im ästhetischen Sinne.
Bairisch-österreichische Bezeichnung für das Eidotter.
Bairische Bezeichnung für einen Topf oder ein Kochgefäß.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Ewbeg
Gewählte Lesart: Ungeklärt - Hapax legomenon, weder im Korpus noch auf der zugehörigen GAMS-Objektseite (o:corema.gr1.206) belegt oder glossiert. Im Kontext von 'gib es dan Ewbeg' (unmittelbar vor dem Servieren) ist 'warm' die kulinarisch naheliegendste, aber philologisch nicht gesicherte Lesart.
Andere mögliche Lesarten:
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