München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632 · Rott am Inn, Oberbayern · 1460
Mach ein großes Ei. Nimm zwanzig oder dreißig Eier und trenne das Eiweiß vom Eigelb. Würze das Eigelb und koche es in einer kleinen Tierblase, bis es fest wird. Schneide die Blase davon ab. Gib das Eiweiß in eine große Tierblase und koche es, bis es fest wird. Dann gib das (feste) Eigelb hinein. Koche es noch einmal zusammen und gib es in einen Topf.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| xx oder xxx ayr | 20-30 Eier | - | - |
| das weys | Eiweiß | - | - |
| das rot | Eigelb | - | - |
| geburczt | Gewürze | - | Pfeffer, Ingwer, Muskatblüte |
| klain plater | Kleine Tierblase (als Form) | - | kleine runde hitzefeste Form |
| grosse plater | Große Tierblase (als Form) | - | größere hitzefeste Form |
| hefen | Topf | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein Riesen-Ei als Schaugericht (Trompe-l'œil): Aus 20-30 Eiern wird ein einziges, übergroßes ‚Ei' geformt - innen der gelbe Dotterkern, außen das Eiweiß. Ein klassischer Tafel-Gag der gehobenen Küche.
Der Trick: Tierblasen als Gussform. plater = Blatter/Blase (Tierblase), nicht eine beliebige ‚Form'. Die gewürzten Eidotter werden in einer kleinen Blase fest gekocht (→ runder Dotterkern), die Blase abgeschnitten; dann kommt der Kern in eine große Blase, das Eiweiß ringsum, und wird fest gekocht - so entsteht das Riesen-Ei in Ei-Form.
Praxis. Heute statt Tierblasen z.B. eine kleine runde und eine größere hitzefeste Form (oder Frischhaltefolie/Pochierform): Dotter würzen, in der kleinen Form stocken, dann mittig in die große Form setzen, mit Eiweiß umgießen und im Wasserbad fest garen. Aufschneiden zeigt den klassischen Ei-Querschnitt im Großformat.
Ein ‚großes Ei' ist ein sogenanntes ‚Trompe l'œil' (Augentäuschung) - ein Gericht, das eine andere Speise imitiert. Hier werden viele kleine Eier zu einem einzigen, riesigen Ei geformt. Solche Schaugerichte waren im Mittelalter beliebt, um bei Festen zu beeindrucken oder in der Fastenzeit verbotene Speisen (wie Fleisch) symbolisch nachzubilden.
Eingeschränkt (Aufwand): Die Zubereitung von 20-30 Eiern in mehreren Schritten und Formen erfordert Zeit und präzises Arbeiten am Feuer. Die Eier selbst sind im Lager gut haltbar und benötigen nur eine einfache Kühlung, aber der Aufwand ist nicht zu unterschätzen.
Dieses Rezept stammt aus dem ‚Klosterkochbuch Rott am Inn' (Clm 15632), einer Handschrift aus dem Benediktinerkloster Rott am Inn, datiert auf die Jahre 1458 und 1464. Es ist in frühneuhochdeutschem Bairisch verfasst und spiegelt die klösterliche Küche des Spätmittelalters wider.
‚Geburczt' ist eine frühneuhochdeutsche Form von ‚gewürzt'. Es bedeutet, dass das Eigelb mit Gewürzen verfeinert werden soll, deren Art jedoch nicht näher spezifiziert ist. ‚S? tig wert' ist eine unsichere Transkription, die am plausibelsten als ‚festig wert' oder ‚stetig wert' zu lesen ist, also ‚wird fest' oder ‚wird solid'. Es beschreibt den Zustand, den das Eiweiß beim Kochen erreichen soll.
‚Plater' = Blatter/Blase (Tierblase), hier als Gussform: das Ei wird in einer Blase fest gekocht, dann die Blase abgeschnitten. Die wissenschaftliche Edition glossiert ‚plater: Blase'. (Dieselbe Verwendung wie ‚blasen' in ri15632-040.)
‚Das Rote' = das Eigelb (Dotter), getrennt vom Eiweiß (‚das weys').
‚etwas hart/steif' (Ehlert) - der Dotter soll fest werden.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Blatter/Blase (Tierblase) als Gussform - so die wissenschaftliche Edition (‚plater: Blase'). Das Ei wird in der Blase fest gekocht, dann die Blase abgeschnitten. NICHT eine beliebige Schale/Platte.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.