Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wollt ihr wissen, wie man ein Kalb schlachten soll?
Kalbskopf-Sülze und Innereien Steche ein Kalb und fange das Blut in einem Topf mit Wein auf. Rühre es durcheinander, hin und her. Schlachte das Kalb wie ein Schwein, schlage ihm den Kopf ab und zerlege ihn. Nimm das Hirn heraus. Wasche das Übrige gründlich, siede es rein und presse es dann in einer Hauspresse. Schlage ihm die Füße am Knie ab und mache eine Sülze daraus.
Nimm das Kalbsgekröse und mache es sauber. Schneide Speck und Weißbrot würfelig. Schlage Eier nach Belieben dazu und würze es. Gib das Kalbsbrät und den Speck darunter. Fülle den Kalbshals und das Bauchfell und lasse es gründlich sieden. Das Gekröse siede separat, damit es weiß wird. Wenn alles gesotten ist, schneide Pansen und Kalbsmagen in Scheiben und lege es in die Schüssel. Wenn du anrichten willst, lege das Gekröse oben darauf, so wird es ein rechtes Essen.
Kalbsleber-Gericht Nimm die Leber vom Kalb und hacke sie roh. Nimm Speck und geriebenes Weißbrot, schneide den Speck würfelig, reibe das Brot klein und bereite es rein mit guten Gewürzen zu. Nimm Eier und mische sie durcheinander. Gib Schmalz in eine Pfanne und rühre es über dem Feuer, damit es nicht anbrennt. Nimm das Netzfett und lege es auf die Anrichte. Wenn es hart wird, schlage das Netzfett zusammen. Lege es auf einen Rost aus zwei oder drei Hölzern. Lege es darauf mit Bedacht, damit du es nicht zerbrichst. Wenn es nun gebraten ist, schneide es in Scheiben auf eine Schüssel.
Was du davon schneidest, das stoße klein und treibe es durch mit gutem Wein, rein gewürzt, so wird es gut. Lege es in ein Tuch und bringe es zusammen. Siede es mit dem Tuch. Wenn es nun gesotten ist, nimm eine halbe Portion Mandeln, stoße sie klein mit guter Brühe, schlage sie durch. Eine Semmel und ein Hirn schlage miteinander durch. Nimm reines Schmalz und gib es darunter, so wird es gut.
Lebkuchen-Blut-Sauce Nimm guten Wein und das Blut vom Kalb, dass es nicht zu viel sei. Nimm Lebkuchen, nicht zu wenig, und reibe ihn klein, gib ihn hinein. Hast du keinen Zucker, so nimm Honig an dessen Stelle und reines Schmalz, so wird das schlicht. Und bereite es gut zu mit guten Gewürzen. Streue Zucker und gute Gewürze darauf.
Kalbslungen-Mus Die Lunge vom Kalb, die siede und hacke sie klein. Nimm eine reine Brühe und zwölf Eidotter und bereite es zu, so hast du ein gutes Mus.
Kalbshaut-Gericht Die Haut vom Kalb, die wasche gründlich, siede sie und bereite sie rein zu mit guten Gewürzen, mit Safran und mit Petersilie. Wenn du anrichten willst, so schneide die Haut in Flecken, lege sie in eine Schüssel und gieße die Sauce daran.
Gefüllter Braten Nimm gebratenes Fleisch vom Oberschenkel oder wo du es findest und hacke es klein. Nimm das Blut, mache es nicht zu schwarz. Wenn das gehackt ist, nimm Roggenbrot und reibe es klein. Schlage vierundsechzig Eier daran, das geriebene Brot. Hacke es gut und würze rein mit Nelken. Nimm ein Brett und lege es darauf und mache zwei oder drei Braten daraus.
Nimm einen kleinen Kessel und Wein hinein mit einer Brühe. Setze es auf die Glut oder auf das Feuer und lasse die Braten darin sieden, bis sie gar sind. Wenn sie nun gar wohl gesotten sind, so nimm sie heraus und lasse sie kalt werden. Nimm reinen Speck, schneide ihn klein und lang. Spicke den Braten damit. Ganze Nelken gib auch hinein und nimm guten Wein, gib gute Gewürze hinein und Zucker. Mache eine Sauce, die gib zu dem Braten. Nimm den anderen Braten und lege ihn in die Brühe und lasse ihn sieden, bis er gar ist, dass er doch nicht verkocht wird. Nimm ihn heraus und lege ihn auf eine Anrichte, lasse ihn kalt werden, so magst du ihn sieden, wie du willst.
Wildbret-Pfeffer (Analogie) Brenne einen Braten zu einem gebrannten Pfeffer. Hacke einen Apfel und eine Zwiebel klein hinein. Und nimm ein fettes Stück Fleisch und schwärze es in einer Pfanne, gib es daran und bereite es rein zu mit guten Gewürzen, so hast du ein Wildbret. Die Brust, die schneide der Länge nach und gib sie als Fleisch etc.
Fürhess (Voressen) Nimm Knochen, an denen noch Fleisch ist, hacke sie in kleine Stücke. Nimm eine Fleischbrühe, Essig und Blut vom Kalb, das gib darunter. Gib das Fleisch hinein und lasse es darin mit Speck sieden und bereite es zu mit Gewürzen, so hast du ein Fürhess etc.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| chalb | 1 Kalb | 1 Stück | Metzger (auf Bestellung) | - |
| swais | Kalbsblut | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| wein | Wein | - | - | - |
| hawpp | 1 Kalbskopf | 1 Stück | Metzger (auf Bestellung) | - |
| hieren | Kalbshirn | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| fuesss | Kalbsfüße | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| chross | Kalbsgekröse | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| spechk | Speck | - | - | - |
| semell | geriebenes Weißbrot | - | - | - |
| ayr | Eier | - | - | - |
| geburtz | Gewürze | - | - | - |
| pratt | Kalbsbrät | - | Metzger | - |
| chragen | Kalbshals | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| wempern | Bauchfell | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| wamppem | Kalbs-Pansen | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| magen | Kalbsmagen | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| leber | Kalbsleber | - | Metzger | - |
| smalcz | Schmalz | - | - | Pflanzenöl für eine fleischlose Variante |
| necz | Netzfett | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| mandel | Mandeln, gemahlen | 250 g | Supermarkt (Backregal) | Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen |
| prue | Brühe | - | - | - |
| leczelten | Lebkuchen (für Saucen) | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Honigkuchen oder Spekulatius |
| czucker | Zucker | - | - | - |
| honig | Honig (optional, statt Zucker) | - | - | - |
| gwurcz | Gewürze | - | - | - |
| lungel Von dem chalb | Kalbslunge | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| xij ayr tutter | Eidotter | 12 | - | - |
| haut von dem chalb | Kalbshaut | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| saffrann | Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| pettersill | Petersilie | - | - | - |
| pratigs fleisch | Gebratenes Fleisch | - | - | - |
| rochkens pratt | Roggenbrot | - | - | - |
| lxiiij ayr | Eier | 64 | - | - |
| nagelein | Nelken | - | - | - |
| speck | Speck (zum Spicken) | - | - | - |
| nagel | Ganze Nelken | - | - | - |
| aphfell | Apfel | - | - | - |
| sczwiuall | Zwiebel | - | - | - |
| festz von ainem fleisch | Fettes Fleisch | - | - | - |
| pain Item dw solt nemmenn da noch fleisch an ist | Knochen mit Fleischresten | - | Metzger | - |
| prue von dem fleisch | Fleischbrühe | - | - | - |
| esseich | Essig | - | - | - |
Welches Gericht ist das?
Kein einzelnes Gericht, sondern ein vollständiges Schlacht- und Verwertungskapitel „vom Kopf bis zum Fuß“ - die spätmittelalterliche Vorform dessen, was im bairisch-österreichischen Raum bis heute als Schlachtschüssel gefeiert wird. Kalbskopf und Füße werden zu Sülze, die Lunge zu einem Eidotter-Mus (ein direkter Vorfahre des Wiener Kalbsbeuschels), die Leber wird im Netzfett gegart und anschließend zu einer weinig-mandeligen, in ein Tuch gebundenen Masse weiterverarbeitet (verwandt mit Leberwurst und Leberkäse), das Blut wird mit Lebkuchen zu einer würzigen Sauce gebunden, und selbst Haut und Netzfett finden Verwendung. Der gefüllte, in Brühe gegarte und danach gespickte Braten ist ein Vorläufer der Galantine. Auch das „Fürhess“ am Ende gehört in diese Verwandtschaft: Die Zubereitung mit Brühe, Essig und Blut als Schmorflüssigkeit entspricht dem, was im Englischen als „jugging“ bekannt ist (vergleiche „jugged hare“).
Das Blut auffangen und rühren.
Frisch aufgefangenes Kalbsblut muss sofort und durchgehend gerührt werden - „hin und her“, wie der Text ausdrücklich sagt. Das mechanische Rühren zerstört die Fibrinfäden beim Gerinnen (Defibrinieren) und hält das Blut flüssig, damit es später für die Blut-Lebkuchen-Sauce und das Fürhess verwendbar bleibt. Ohne dieses Rühren gerinnt das Blut binnen Minuten zu einem unbrauchbaren Klumpen.
Leber im Netzfett und auf dem Rost.
Die rohe, gehackte Leber wird mit Speck, gehacktem Ei und Gewürzen zu einer Farce verarbeitet und in Netzfett gewickelt. Das Netzfett lässt man vor dem Zusammenschlagen kurz anziehen („wenn es hart wird“) - leicht angezogenes Netzfett lässt sich sauberer falten. Gegart wird auf einem hölzernen Rost über der Glut, nicht über offener Flamme.
Die Reste der Leber: zwei Verfahren nacheinander, nicht ineinander.
Was von der gebratenen Leber übrig bleibt, wird zerstoßen, mit Wein durchgetrieben, in ein Tuch gebunden und darin gesotten - eine wurstähnliche Bindetechnik ohne Naturdarm. Getrennt davon wird eine Mandel-Brühe angesetzt und Semmel mit rohem Kalbshirn durchgeschlagen; Schmalz kommt darunter. Der Text führt beide Verfahren nicht ausdrücklich zusammen. In der Praxis lässt man die Mandel-Semmel-Hirn-Mischung kurz mit dem heißen Tuch-Röllchen beziehungsweise in heißer Flüssigkeit durchziehen, damit auch das rohe Hirn durchgart - der Text selbst lässt offen, ob dieser letzte Schritt noch einmal erhitzt wird.
Blut-Lebkuchen-Sauce und Lungenmus: sanfte Hitze statt Kochen.
Weder für die Blut-Lebkuchen-Sauce noch für das mit zwölf Eidottern gebundene Lungenmus nennt der Text eine Temperaturführung. Damit das Blut beziehungsweise die Dotter binden statt zu stocken oder körnig zu werden, empfiehlt sich sanftes Erwärmen abseits der direkten Flamme statt hartem Kochen - der knappe Wortlaut selbst ließe auch ein direktes, stärkeres Erhitzen zu.
Der gefüllte Braten: Spicken als Deko, nicht als Feuchtigkeitstechnik.
Der Braten aus gehacktem Fleisch, Roggenbrot und den namensgebenden vierundsechzig Eiern wird zunächst in Wein-Brühe gegart und abkühlen lassen - erst danach wird er mit Speck gespickt. Das ist funktional keine klassische Spicktechnik (bei der Fett während des Garens einschmilzt und Saftigkeit erhält), sondern reine Oberflächenwürzung und Präsentation für ein kaltes Festmahl-Schaustück.
Der „gebrannte Pfeffer“: Wildbret-Imitation durch Schwärzen.
Der letzte Abschnitt beschreibt kein Braten, sondern ein Brennen (Schwärzen) von Fleisch zu einem „gebrannten Pfeffer“ - einer dunklen, kräftig gewürzten Sauce. Verwendet wird dafür ein fettes, nicht festes Stück Fleisch, das in der Pfanne dunkel angebraten wird; das Fett ist nötig, damit das Fleisch überhaupt anschwärzbar wird. Durch Würzen und Schwärzen entsteht ein Gericht, das gewöhnliches Fleisch geschmacklich und optisch an Wildbret annähert - kulinarische Mimikry, kein tatsächliches Jagdwild.
Praxis.
Für den Eigenversuch braucht es keinen ganzen Kalb-Zerlege-Marathon: Die Teilgerichte lassen sich einzeln nachkochen. Wer will, beginnt mit dem Lungenmus oder der Blut-Lebkuchen-Sauce (beide auch mit gekauftem Kalbsblut vom Metzger machbar) und arbeitet sich bei Bedarf zu Leber-im-Netz und Sülze vor. Bei allen Blut- und Dotter-gebundenen Saucen gilt: sanft erwärmen, nicht kochen. Netzfett-Röllchen gelingen auf einem modernen Grillrost über indirekter Glut genauso wie auf dem historischen Holzrost.
Ein 'Fürhess' (auch 'Fürgesse') war im Mittelalter eine Art Voressen oder Zwischengericht, oft ein kräftiges Ragout oder eine gewürzte Sauce, die vor dem eigentlichen Hauptgang serviert wurde, um den Appetit anzuregen.
Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche ungeeignet. Die Zerlegung eines ganzen Kalbes, die Menge an frischen Innereien, die eine durchgehende Kühlkette erfordern, und die vielen komplexen Sub-Rezepte sind im Lager nicht praktikabel. Zudem ist eine Sülze im Sommerlager nicht zuverlässig haltbar.
Ein 'hölzerner Rost' ist ein Grillrost, der aus frischen, grünen Hartholzästen (z.B. Hasel, Weide, Buche) gefertigt wird. Er wird über reiner Glut (nicht offener Flamme) platziert und dient als Einweggerät für eine Garung. Das Holz gibt dabei ein leichtes Raucharoma an das Gargut ab. Weitere Informationen findest du auf unserer Grundlagen-Seite unter 'Der hölzerne Rost'.
Die hohe Anzahl von 64 Eiern in einem der Sub-Rezepte dient dazu, eine große Menge an geriebenem Brot und gehacktem Fleisch zu binden und eine feste, schnittfähige Masse für die 'Braten' zu erzeugen. Eier waren ein wichtiges Bindemittel und Emulgator in der mittelalterlichen Küche, insbesondere für Pasteten, Füllungen und geformte Gerichte.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Zwei verschiedene Körperteile, im Text leicht zu verwechseln: 'wempern' ist die Hülle, die mit der Ei-Speck-Brot-Masse gefüllt und gesondert gesotten wird (Bauchfell) - im Zwilling mha-191 an derselben Stelle 'wamlein'. 'wamppem' ist dagegen das, was zusammen mit dem Magen in Scheiben geschnitten wird - im Zwilling mha-191 an derselben Stelle 'wampen' (Pansen). Beide Wörter sind im Korpus Hapax legomena; die Zuordnung stützt sich auf den satzgenauen Parallelabgleich mit mha-191, nicht auf einen eigenen Wörterbucheintrag.
Eine Sülze oder Gallerte, ein Gericht, das durch Gelieren von kollagenreichen Flüssigkeiten (hier aus Kalbsfüßen) entsteht und kalt serviert wird.
Das Kalbsgekröse, die Eingeweide und Drüsen des Kalbes, oft zu einer Füllung verarbeitet.
Geriebenes Weißbrot oder Semmelbrösel, das als Bindemittel und Füllstoff verwendet wird, nicht als Mehl.
Eine Schnitttechnik, bei der Zutaten würfelig oder rautenförmig eingeschnitten werden.
In diesem Rezept wird 'pratt' in verschiedenen Kontexten verwendet: einmal als 'Kalbsbrät' (fein zerkleinertes Fleisch für Füllungen), später als 'Braten' (ein zubereitetes Fleischstück) und 'Roggenbrot'.
Das Netzfett (Omentum majus), eine dünne Fettschicht, die die Innereien von Wiederkäuern umhüllt. Es wird oft zum Umwickeln von Fleisch oder Füllungen verwendet, um sie saftig zu halten und Form zu geben.
Lebkuchen, hier nicht als Süßigkeit, sondern als würzige Zutat zum Binden und Aromatisieren von Saucen. Er liefert Süße und eine komplexe Gewürznote.
Ein 'Pfeffer' ist im Mittelalter eine dunkle, stark gewürzte Sauce, oft mit Blut gebunden, die zu Fleisch gereicht wird. Es ist ein Gerichttyp, nicht nur das Gewürz Pfeffer.
Ein hölzerner Rost, der über der Glut platziert wird, um Fleisch zu braten. Er wird aus frischem, grünem Hartholz gefertigt und ist ein Einweggerät für eine Garung.
Ein 'Fürhess' (auch 'Fürgesse') ist eine Art Voressen oder Zwischengericht, oft eine kräftige, gewürzte Sauce oder ein Ragout, das vor dem Hauptgang serviert wurde. Die CoReMA-Glosse verlinkt den Begriff korpusweit auf Wikidata Q2974872 ('jugging') - die englische Bezeichnung für ein im eigenen, oft blutgebundenen Saft geschmortes Gericht (vergleiche 'jugged hare'), was die Zubereitung mit Brühe, Essig und Blut als Schmorflüssigkeit erklärt.
Hier nicht wörtlich 'Wildbret' (Wildfleisch), sondern ein Gericht, das gewöhnliches Fleisch durch Schwärzen und Würzen geschmacklich und optisch an Wild annähert ('so hastu ain wilpratt') - ein Beleg kulinarischer Mimikry und Prestige-Imitation der gehobenen Küche, kein tatsächliches Jagdwild.
Eine feste, säuerliche Apfelsorte (z.B. Boskoop) passt hier besser als moderne Süßsorten wie Golden Delicious.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| chalb | veal Q957434 |
| swais | blood Q494268 |
| wein | wine Q282 |
| hawpp | head Q23640 |
| hieren | brain Q719458 |
| chross | offal Q157484 |
| spechk | bacon Q11106 |
| semell | white bread Q1501889 |
| ayr | chicken egg Q15260613 |
| geburtz | spice Q42527 |
| pratt | veal sausage meat Q107261757 |
| chragen | neck Q9633 |
| wamppem | rumen Q427652 |
| leber | liver Q1470283 |
| smalcz | animal fat Q1423543 |
| necz | caul fat Q662490 |
| mandel | almond Q184357 |
| prue | stock Q3075310 |
| leczelten | gingerbread for sauce Q1468150 |
| czucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| honig | honey Q10987 |
| gwurcz | spice Q42527 |
| lungel Von dem chalb | calf's lung Q68497339 |
| xij ayr tutter | yolk Q16336079 |
| haut von dem chalb | calf skin Q107246447 |
| saffrann | saffron Q25434 |
| pettersill | parsley Q25284 |
| pratigs fleisch | meat Q10990 |
| rochkens pratt | rye bread Q3893120 |
| lxiiij ayr | chicken egg Q15260613 |
| nagelein | clove Q15622897 |
| speck | bacon Q11106 |
| nagel | clove Q15622897 |
| aphfell | apple Q89 |
| sczwiuall | onion Q3406628 |
| festz von ainem fleisch | meat Q10990 |
| prue von dem fleisch | meat stock Q67860017 |
| esseich | vinegar Q41354 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
hawpp / chleubt das durich ein ander
Gewählte Lesart: Der Kalbskopf wird abgeschlagen und zerlegt, um das Hirn zu entnehmen und die anderen Teile weiterzuverarbeiten.
pressem pressen
Gewählte Lesart: In einer Hauspresse pressen, um Flüssigkeit zu entziehen oder eine feste Form zu geben.
deczeslach
Gewählte Lesart: Dazu schlagen, im Sinne von hinzufügen und einarbeiten.
wircz ain rechcz essenn
Gewählte Lesart: Wird ein rechtes (im Sinne von 'richtiges' oder 'ehrbares') Essen.
rachew
Gewählte Lesart: Roh, also ungekocht oder ungebraten.
veintt
Gewählte Lesart: Bislang mit 'Bedacht/Vorsicht' übersetzt. Die Zwillingsfassung mha-191 hat an derselben Stelle jedoch 'da wennd es da mit vmb' (= wendest du es damit um) - das spricht eher für ein Wende-Hilfsmittel (Wender/Rührholz) oder das Verb 'wenden' als für ein Vorsichts-Adverb.
Andere mögliche Lesart:
pregst
Gewählte Lesart: Zerbrichst, im Sinne von zerbrechen oder beschädigen.
sneyst
Gewählte Lesart: Schneidest, als Verb für das Zerteilen.
czewill
Gewählte Lesart: Zu viel, im Sinne einer übermäßigen Menge.
czewenig
Gewählte Lesart: Zu wenig, im Sinne einer unzureichenden Menge.
czeswarcz
Gewählte Lesart: Zu schwarz, im Sinne von zu dunkel oder verbrannt.
lxiiij
Gewählte Lesart: Vierundsechzig (64), als römische Zahl.
prentt
Gewählte Lesart: Glut, also glühende Kohlen ohne offene Flamme.
vncz an dy statt
Gewählte Lesart: Bis sie gar sind, bis zum gewünschten Garpunkt.
suppenn
Gewählte Lesart: Sauce, eine flüssige Beigabe zum Gericht.
festz
Gewählte Lesart: Wahrscheinlich eine Schreibvariante von 'veist/feist' (fett), nicht von 'fest' (kompakt) - die Zwillingsfassung mha-191 hat an derselben Stelle 'ain vaistne von dem fleisch' (fettes Stück Fleisch), und 'vaistne' ist im CoReMA-Glossen-Korpus eindeutig als 'lard/fat' geglosst. Küchenpraktisch sinnvoll, da für das Schwärzen zum gebrannten Pfeffer fettes statt mageres Fleisch gebraucht wird.
Andere mögliche Lesart:
swercz
Gewählte Lesart: Schwärzen, im Sinne von dunkel anbraten oder färben, um ein Wildbret-Imitat zu erzeugen.
Andere mögliche Lesart:
wilpratt
Gewählte Lesart: Wildbret, hier im übertragenen Sinne für ein Gericht, das geschmacklich an Wild erinnert.
furhesss
Gewählte Lesart: Fürhess, als Name eines Gerichts (eine Art Voressen/Ragout).
Blut-Lebkuchen-Sauce - Hitzeführung
Gewählte Lesart: Modern empfohlen: sanft erwärmen, nicht hart kochen, damit das Blut durchgart, aber nicht körnig-stockend wird.
Andere mögliche Lesart:
Kalbslungen-Mus - Eidotter-Bindung
Gewählte Lesart: Modern empfohlen: die zwölf Eidotter bei niedriger Hitze, abseits der direkten Flamme einrühren, damit sie binden statt zu stocken.
Andere mögliche Lesart:
Mandel-Semmel-Hirn-Schmalz-Zugabe zur Leber-Masse
Gewählte Lesart: Modern empfohlen: die Mischung (inklusive rohem Kalbshirn) kurz in heißer Flüssigkeit beziehungsweise am heißen Tuch-Röllchen durchziehen lassen, damit das Hirn durchgart.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026 - 4-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.