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Reismus mit 24 Eidottern

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.4/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen2-3 Personen (sehr reichhaltig)BuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wollt ihr ein Reismus zubereiten, so nehmt ein halbes Pfund Reis für eine Mahlzeit. Verlest und wascht ihn gründlich. Lasst ihn nicht verkochen, sodass er gut gequollen ist.

Nehmt süße Kuhmilch und lasst sie aufwallen. Wenn man essen will, gebt den Reis hinein, sodass die Milch nicht zu viel ist. Schlage 24 Eidotter gut auf und gib sie hinzu. Rühre alles durcheinander. Gib frische Butter dazu. Hast du diese nicht, so gib Schmalz hinzu.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein halbs talentum reys Reis 250 g - -
suesse ckue milich Süße Kuhmilch - - -
xxiiij tutter Eidotter 24 - -
frischen putter Frische Butter - - -
smalcz Schmalz (alternativ) - Metzger Pflanzenöl oder Butterschmalz

Welches Gericht ist das? Ein in Milch gequollener Reisbrei, der durch 24 Eidotter und Butter (ersatzweise Schmalz) zu einer cremigen, eierstichartigen Masse gebunden wird - der unmittelbare Vorläufer des heutigen Milchreis, durch die massive Eidotter-Bindung aber eher in Richtung eines cremigen Custards verschoben. Im eigenen Korpus gehört das Rezept klar zur Gattung „Reismus": mit „Reis in Mandelmilch" (m725-007) und dem Apfel-Reismus (bgs-075) teilt es das Grundprinzip - Reis wird in einer Milchflüssigkeit weichgekocht und gebunden, hier eben durch Eidotter statt durch Mandelmilch oder Früchte.

Der Text lässt offen, wie stark die Masse nach dem Einrühren der rohen Eidotter noch erhitzt werden soll - es heißt nur „ruerss durich ein ander" (rühr es durcheinander), ohne Angabe zu Hitze oder Dauer. Historisch ist beides denkbar: ein nur kurzes Anwärmen, sodass die Dotter eher angewärmt als durchgegart blieben, oder ein gezieltes Nacherhitzen bis zur Bindung. Nach heutigem Maßstab ist rohes oder nur angewärmtes Ei problematisch, deshalb empfiehlt sich die zweite Lesart als Praxis-Standard.

Praxis. Reis waschen und verlesen, in Wasser oder etwas Milch nur vorquellen lassen (nicht weich kochen) - er soll noch Biss behalten. Süße Milch getrennt aufkochen, den vorgequollenen Reis erst kurz vor dem Servieren einrühren, damit er nicht zu viel Flüssigkeit aufsaugt. Die 24 Eidotter gut verquirlen und unterrühren, danach die Masse bei milder Hitze unter ständigem Rühren noch kurz erwärmen, bis sie sichtbar bindet und cremig wird - ähnlich wie bei einer Custard-Führung, keinesfalls stark kochen lassen, sonst flockt das Ei aus. Zum Schluss frische Butter, ersatzweise Schmalz, unterrühren.

Was bedeutet ‚talentum‘ im Rezept?

Ein ‚talentum‘ war im Mittelalter eine Gewichtseinheit, die in diesem Kontext einem Pfund entspricht. Ein halbes Talentum sind somit etwa 250 Gramm.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, das Rezept ist am offenen Feuer in einem Topf in gut 25-30 Minuten zubereitet und braucht keine Spezialgeräte. Zu beachten ist aber, dass frische Milch, 24 rohe Eidotter und frische Butter durchgehend gekühlt werden müssen - mit einer Kühlbox am Lager gut machbar, aber weniger unkompliziert als bei wirklich lagerfesten Zutaten.

Warum werden 24 Eidotter für so wenig Reis verwendet?

Die hohe Anzahl an Eidottern (24 für nur 250 g Reis) diente weniger dem Wert der Zutat selbst - Eier waren im 15. Jahrhundert ein alltägliches, an jedem Hof verfügbares Grundnahrungsmittel -, sondern demonstrierte schieren Überfluss: eine solche Übermenge bei einer Festtafel war ein Zeichen von Wohlstand. Die Dotter dienten zugleich als Bindemittel, die Masse wird dadurch besonders cremig und sättigend.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

WElt ir machen ein reis muss so + nempt ein halbs talentum reys auff ain essen der chlaub vnd wasch den schon lass In nicht versieden das er woll ge= swelt sey / nym suesse ckue milich dy lass wallen wan man essen will so thue den reys dar ein das der milich nicht czevill sey vnd xxiiij tutter czeslach woll vnd thue sy dar an ruerss durich ein ander frischen putter thue dar an hastu + des nicht so thue smalcz dar an +
talentum

Ein ‚talentum‘ war im Mittelalter eine Gewichtseinheit, die in diesem Kontext einem Pfund (ca. 500 g) entspricht.

chlaub

‚Chlaub‘ ist eine bairisch-österreichische Variante von ‚klauben‘, was ‚verlesen‘ oder ‚sortieren‘ bedeutet.

schon

‚Schon‘ bedeutet hier ‚gründlich‘ oder ‚sauber‘, nicht ‚schön‘ im ästhetischen Sinne.

tutter

‚Tutter‘ ist die bairische Form für ‚Eidotter‘.

reis muss

Ein ‚Reismus‘ ist ein Brei oder Püree aus Reis, oft süß oder als Beilage zubereitet.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 079v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ein halbs talentum reysrice Q5090
xxiiij tutteryolk Q16336079
smalczanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartruerss durich ein ander (Erhitzungsgrad der Eidotter)

Gewählte Lesart: Die Masse nach dem Einrühren der Eidotter bei milder Hitze unter Rühren noch kurz erwärmen, bis sie bindet - der Text nennt weder Hitzegrad noch Dauer, moderne Praxis empfiehlt aus Lebensmittelsicherheit ein vollständiges Durcherhitzen.

Andere mögliche Lesart:

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 079v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am offenen Feuer in einem Topf in zwei Phasen (Reis vorquellen, dann in aufgewallter Milch fertigstellen) in etwa 25-30 Minuten machbar - keine Spezialgeräte nötig. Frische Milch, 24 rohe Eidotter und frische Butter brauchen aber durchgehend Kühlung; das ist mit einer Kühlbox am Lager gut lösbar, aber weniger unkompliziert als bei wirklich lagerfesten Zutaten.
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Stand dieser Fassung: 14.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.