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Ein kluoge spise, Gebratenes Hirn

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

LesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen2-4 PersonenBuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Dies ist eine feine Speise. Man nehme ein Hirn, dazu Mehl, Äpfel und Eier, und vermenge das mit Gewürzen. Sodann streiche man die Masse auf einen Spieß und brate sie gründlich. Man gebe sie hin - das nennt man 'gebratenes Hirn'. Auf gleiche Weise verfahre man mit einer Lunge, die gesotten ist.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein hirn Kalbs- oder Schweinehirn 1 Metzger auf Bestellung Für eine vegetarische Variante können Tofu oder Pilze verwendet werden, dies ist jedoch nicht authentisch.
mel Mehl 2 EL - -
epfele 2-3 Äpfel (z.B. Boskoop) 2 Supermarkt, Obsthändler -
eyer 2-3 Eier 2 - -
wuertzen schwarzer Pfeffer, 1/2 TL Ingwerpulver, Prise Nelkenpulver, Prise Muskat 1 TL - -
(implied) Salz nach Geschmack - - -
(implied) Schmalz oder Öl zum Braten - - -
einer lungen, die da gesoten ist Kalbs- oder Schweinelunge (gekocht) 1 Metzger auf Bestellung Gekochte Hähnchenbrust oder Seitan für eine nicht-authentische Alternative.

Welches Gericht ist das? Eine ungebundene Masse aus Hirn (oder gesottener Lunge), Mehl, Äpfeln und Ei, mit Gewürzen vermengt, auf einen Spieß gestrichen und gebraten - im Geiste verwandt mit heutigem Bregen mit Ei sowie mit Frikadellen, bei denen Ei und Mehl gemeinsam als Bindemittel für eine weiche Masse dienen. Eine zweite Variante macht dasselbe mit gesottener Lunge. Im Korpus finden sich verwandte Hirn-Ei-Zubereitungen: mar-031 (Mestre Martino, Kalbshirn mit Ei in der Pfanne gestockt) folgt demselben Grundprinzip, und m384-055 verarbeitet Hirn mit Brot, Milch und Ei zu einem passierten Mus - dort konventioneller, hier als rohe Masse direkt am Spieß gebraten.

ein kluoge spise. „Eine kluge/feine Speise“ - dieser Titel ist im Buch von guter Speise jedoch eine wiederkehrende, formelhafte Überschrift und kein hirnspezifischer Kalauer: Auch ein schlichtes Pflaumenmus trägt an anderer Stelle denselben Titel. Ob in der Kombination Hirn, Mehl, Apfel und Ei dennoch ein Augenzwinkern des Schreibers steckt, lässt sich nicht sicher belegen.

mel epfele. Der Text nennt „ein hirn ... vnd mel vnd epfele vnd eyer“ - mit einem eigenen „vnd“ vor jedem einzelnen Wort. Das spricht für eine Aufzählung aus vier getrennten Zutaten: Hirn, Mehl, Äpfel, Eier, wobei Mehl neben dem Ei als zusätzliches Bindemittel dient - nicht für ein Kompositum „mehlige Äpfel“. Zwei unabhängig geprüfte Editionen setzen zwischen „mel“ und „epfele“ zudem ein Satzzeichen, was diese Lesart stützt. Die Kompositum-Lesart bleibt sprachlich denkbar, ist aber schwächer belegt.

Praxis. Der Text nennt nur: Hirn nehmen, mit den übrigen Zutaten und Gewürzen vermengen, auf einen Spieß streichen und gründlich braten. Genaue Angaben zu Zerkleinerung, Konsistenz oder Brattemperatur fehlen. In der Praxis ist das eine heikle Konstruktion: eine rohe, mit Mehl und Ei nur locker gebundene Masse aus Hirn und Apfelstücken haftet ohne vorheriges Anziehen nur schwer am Spieß und kann beim Braten abtropfen. Wer das nachkochen will, sollte das Hirn fein zerkleinern, die Äpfel klein reiben und die Masse vor dem Anlegen an den Spieß prüfen, ob sie überhaupt hält - notfalls in einer Pfanne statt am Spieß garen. Bei der Lungen-Variante wird die Lunge zuvor gesotten. Walnüsse statt Hirn funktionieren als moderne Küchenidee gut und machen die ungewöhnliche Vorlage zugänglich (vgl. Apfelküchlein-Rezepte des Korpus).

Wo bekomme ich Hirn oder Lunge für dieses Rezept?

Hirn und Lunge sind Innereien, die heutzutage nicht in jedem Supermarkt erhältlich sind. Am besten bestellen Sie diese bei einem Metzger Ihres Vertrauens. Manche Online-Metzgereien bieten solche Spezialitäten ebenfalls an. Für eine nicht-authentische, aber zugänglichere Variante könnten Sie auf Tofu oder gekochtes Hähnchenfleisch zurückgreifen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nur eingeschränkt. Das Braten am Spieß über offenem Feuer ist an sich lagertauglich und braucht keine besondere Ausrüstung außer einer guten Feuerstelle. Der Haken ist die Hauptzutat: frisches Hirn (oder Lunge) ist hochempfindlich und braucht bis zur Zubereitung eine durchgehende Kühlkette, die sich am Lager ohne Kühlbox nur schwer gewährleisten lässt. Wer auf die Walnuss-Apfel-Variante ausweicht, umgeht dieses Problem und hat eine unkomplizierte Feuerküchen-Speise.

Ist dieses Rezept ein mittelalterlicher Schreiber-Scherz?

Das lässt sich nicht sicher belegen. 'Ein kluoge spise', eine 'kluge' oder 'feine' Speise, klingt bei dieser Zutatenkombination augenzwinkernd, ist im Buch von guter Speise aber eine wiederkehrende Formel-Überschrift, die auch für unauffällige Gerichte verwendet wird - vermutlich also kein gezielter Scherz. Als Küchenidee funktionieren Walnüsse statt Hirn gut und ergeben ein Apfelküchlein mit Nüssen.

Was bedeutet 'mel epfele' im Rezept?

'Mel epfele' liest sich am wahrscheinlichsten als zwei getrennte Zutaten: 'mel' für Mehl, 'epfele' für Äpfel - nicht als Kompositum 'mehlige Äpfel'. Dafür spricht, dass der Text vor jedem der beiden Wörter ein eigenes 'vnd' setzt, und dass zwei unabhängig geprüfte Editionen zwischen den Wörtern zusätzlich ein Satzzeichen setzen. Mehl dient in dieser Lesart neben dem Ei als zusätzliches Bindemittel für die Hirn-Apfel-Masse.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“. Ältestes deutsches Kochbuch, entstanden um 1350 im Haushalt des Würzburger Bischofs. 96 Hauptrezepte plus 5 in der Gloning-Edition als Sub-Rezepte gezählte Folge-/Variantenrezepte (5a, 27a, 32a, 74a, 77a).

Ein kluoge spise. Diz ist ein kluoge spise. ein hirn sol man nemen vnd mel vnd epfele vnd eyer vnd menge daz mit wuertzen vnd striche es an einen spiz vnd bratez schone vnd gibz hin. daz heizzet hirne gebraten. daz selbe tuot man einer lungen, die da gesoten ist.
kluoge spise

Eine kluge/feine Speise - im Buch von guter Speise eine wiederkehrende Formel-Überschrift, kein auf dieses Gericht gemünzter Kalauer.

hirn

Das Gehirn eines Tieres, meist Kalb oder Schwein.

mel epfele

Liest sich am wahrscheinlichsten als zwei getrennte Zutaten - Mehl und Äpfel - statt als Kompositum „mehlige Äpfel“: Der Text setzt vor jedem der beiden Wörter ein eigenes „vnd“, und zwei unabhängig geprüfte Editionen trennen die Wörter zusätzlich durch Interpunktion. Mehl dient in dieser Lesart neben dem Ei als zusätzliches Bindemittel.

bratez schone

„Brate es gründlich/sauber“ - schône meint hier eine sorgfältige, durchgehende Zubereitung, nicht eine ästhetische Bräunung.

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 156v
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

melflour Q36465
epfeleapple Q89
eyerchicken egg Q15260613
wuertzenspice Q42527
(implied)table salt Q11254

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmel epfele

Gewählte Lesart: Wir lesen „mel epfele“ als zwei getrennte Zutaten - Mehl und Äpfel - statt als Kompositum „mehlige Äpfel“; diese Lesart liegt der Zutatenliste, der Anmerkung und der FAQ zugrunde.

Andere mögliche Lesart:

  • „mel epfele“ könnte auch ein Kompositum „mehlige Äpfel“ sein - Apfelsorten, die beim Garen weich und mehlig werden, ohne eigenständiges Mehl als Zutat. - Der Wortlaut allein ließe auch eine Kompositumbildung zu; die stärkere Evidenz liegt jedoch bei der Trennung: Der Transkript-Text verbindet beide Wörter mit je einem eigenen „vnd“, und zwei unabhängig geprüfte Editionen setzen zwischen ihnen ein Satzzeichen.

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 156v, 2° Cod. ms. 731, Universitätsbibliothek München
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Das Braten am Spieß über offenem Feuer ist denkbar lagertauglich. Der Haken ist die Zutat: frisches Hirn (oder Lunge) ist hochempfindlich und braucht durchgehende Kühlung bis zur Zubereitung - das ist am Lager schwer zu gewährleisten. Mit der Walnuss-Apfel-Variante entfällt das Problem, dann wird es zur unkomplizierten Feuerküche.
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Stand dieser Fassung: 09.08.2026 - 4-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.