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Gefülltes und gebratenes Ferkelchen

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

SchweinHauptspeise · SchweinLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit240 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Ein gebratenes, gefülltes Ferkelchen bereite wie folgt zu: Nimm ein Ferkelchen, das drei Wochen alt sei. Brühe es ab und kühle es, und ziehe ihm das Haar vollständig ab, ohne es dabei zu verletzen. Dabei soll man ihm um den Bauch herum die Haut belassen. Löse sowohl Fleisch als auch Gebeine, die es im Leib hat, vollständig ab, außer den Klauen, die es unten an den Füßen hat. Nimm von dem Fleisch, das herausgelöst wurde, eine Menge, die etwa zwei Eiern entspricht, und koche es fast gar. Nimm dann dieses Fleisch und den Speck, und hacke beides. Gib rohe Eier hinzu, eine Scheibe Brot und Petersilienkraut, und salze es nach Maß. Fülle damit das Ferkelchen nicht allzu voll, und [verschließe] vorne den Mund. Lege es sanft in einen Kessel und lasse es aufwallen, damit die Haut nicht zerbricht. Nimm es dann heraus und lege es auf einen hölzernen Rost und brate es sanft. Wenn es dann gut geröstet ist, nimm ein Brett und lege es auf eine Schüssel. Befestige auf dem Brett vier kleine Stäbchen und belege das Brett mit einem dünnen Eierkuchen. Setze das Ferkelchen darauf. Belege es ebenfalls mit einem Eierkuchen, lasse ihm aber die Ohren und den Mund frei. Trage es dann auf.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein verkelin, daz drier wuochen als si Ferkel (ca. 3 Wochen alt) 1 Metzger -
des fleisches, daz dor vz gezogen ist, wol als zwai eier ca. 50 g entbeintes Ferkelfleisch 50 g Metzger -
spec Speck 100 g Metzger Bauchspeck oder fetter Schweinebauch
rowe eyer dor zvo rohe Eier 2 - -
einen sniten brotes Brot 1 Scheibe - -
peterlin krut Petersilie - - -
saltz zvo mazze Salz - - -
blat von eyern 2-3 Eier (für die Eierkuchen) 2 - -
(implied) Wasser - Leitung -

Welches Gericht ist das? Ein vollständig entbeintes, gefülltes und wieder zusammengesetztes Ferkelchen, das gegart, gebraten und zur Präsentation in dünne Eierkuchen gehüllt aufgetragen wird - Ohren und Schnauze bleiben dabei sichtbar frei. Die Boning-und-Füll-Technik lebt in der Galantine oder Ballotine der französischen Küche weiter; für die gesamte Inszenierung - ein entbeintes, gefülltes und wieder in Tierform gebrachtes, ganz aufgetragenes Spanferkel - kommt das französisch-kreolische cochon de lait farci noch näher. Die Eierkuchen-Hülle als reines Präsentationselement bleibt dagegen eine spezifisch mittelalterliche Inszenierung ohne direktes modernes Gegenstück.

Das Entbeinen. Fleisch und Gebeine werden bis auf die Klauen vollständig aus dem Ferkel gelöst, ohne die Haut zu verletzen - die Haut bleibt als formgebende Hülle erhalten. Ein Teil des herausgelösten Fleisches wird vorgekocht, bevor er wieder in die Füllung wandert; so bleibt dieser Anteil bei der späteren, kürzeren Gesamtgarung nicht roh.

Die Füllung. Gehacktes vorgekochtes Fleisch und Speck werden mit rohen Eiern, einer Scheibe Brot und Petersilie vermengt und nach Maß gesalzen. Ei und Brot binden die Masse - zeittypisch, ganz ohne Mehlschwitze. Das Ferkel wird damit nicht zu prall gefüllt, dann wird vorne die Öffnung verschlossen; wie genau, sagt der Text nicht - ein Zunähen oder Zubinden ist naheliegend, aber nicht ausdrücklich benannt. So oder so bleibt beim Füllen Spielraum, damit die Naht beim Garen nicht reißt.

Garen und Braten. Zwei getrennte Hitzephasen: Zuerst wird das gefüllte Ferkel sanft in einen Kessel gelegt und zum Aufwallen gebracht, damit die Haut nicht aufreißt. Danach kommt es auf einen hölzernen Rost und wird sanft gebraten, bis es gut geröstet ist - vermutlich über offener Glut, da der Text einen Rost und keinen Ofen nennt. Zeiten oder Temperaturen nennt der Originaltext nicht; hier hilft nur Beobachtung von Farbe und Festigkeit der Haut.

Praxis. Das Entbeinen braucht ein scharfes Messer und Ruhe - das erledigt man am besten zu Hause auf einer sauberen Arbeitsfläche, nicht am Lagerfeuer. Kessel-Garung und Rost-Braten dagegen sind reine Feuerarbeit und lassen sich mit einfacher Ausrüstung unterwegs erledigen. Zum Anrichten: ein Brett mit vier kleinen Stäbchen auf eine Schüssel setzen, das Brett mit einem dünnen Eierkuchen belegen, das Ferkelchen daraufsetzen und ebenfalls mit einem Eierkuchen belegen - Ohren und Mund bleiben frei sichtbar.

Wo bekomme ich ein junges Ferkel?

Ein junges Ferkel erhalten Sie am besten auf Bestellung bei einem spezialisierten Metzger oder direkt von einem Bauernhof, der Ferkel züchtet. Achten Sie auf die Herkunft und artgerechte Haltung.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nur eingeschränkt. Das aufwendige Entbeinen, Füllen und Zunähen des Ferkels ist eine heikle, zeitintensive Arbeit, die eine saubere Arbeitsfläche und Ruhe braucht - das gehört ins Haus, nicht ans Lagerfeuer. Vorbereitet mitgebracht, ist das anschließende Garen im Kessel und Braten auf dem Holzrost dagegen reine Feuerarbeit und am Lager gut machbar.

Was bedeutet „wie zwei Eier“ im Rezept?

Dies ist eine mittelalterliche Mengenangabe, die eine ungefähre Menge beschreibt, die dem Volumen von zwei Hühnereiern entspricht. Es ist keine präzise Gewichtsangabe, sondern eine Schätzung für kleine Mengen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“. Ältestes deutsches Kochbuch, entstanden um 1350 im Haushalt des Würzburger Bischofs. 96 Hauptrezepte plus 5 in der Gloning-Edition als Sub-Rezepte gezählte Folge-/Variantenrezepte (5a, 27a, 32a, 74a, 77a).

Ein gebraten gefueltez ferhelin. Ein gebraten gefueltez ferhelin mache also: Nim ein verkelin, daz drier wuochen als si, vnd brue daz kuele vnd zuehe im daz har allez abe, daz man ez iht wunde. so sol man im vemme den rans vzzene die hut lazzen. vnd loese beide fleisch vnd gebeine abe vnd allez daz ez in dem libe hat, an die klawen, die ez nidennen hat vf den fuezzen. vnd nime des fleisches, daz dor vz gezogen ist, wol als zwai eier vnd suede ez vilnach gar. vnd nimme danne daz vnd spec vnd hackez. tuo rowe eyer dor zvo vnd einen sniten brotes vnd peterlin krut vnd saltz zvo mazze. vnd fuelle da mit daz ferkelin niht alzvo vol vnd forne den munt vnd legez sanfte in einen kezzel, laz ez erwallen, daz die hut iht zvo breche. so nim ez denne vnd lege ez vf einen hülzinen rost vnd brate ez sanfte. Alz ez denne wol geroest si, so nim ein bret vnd lege daz vf eine schuezzeln, mache vf daz bret vier steckelin vnd cleide daz bret mit eime blat von eyern vnd setze das verkelin dar uf, cleide ez auch mit eime blate vnd laz im die oren dar vz gen vnd den munt vnd trage ez hin.
ferhelin

Ferkelchen, junges Schwein

drier wuochen als si

drei Wochen alt sei. Unsere Grundlage (Gloning, Digitale Edition) liest „als si“, was keinen Sinn ergibt; die ältere Druckedition (Harsch nach Hoffmann von Fallersleben, Stuttgart 1844) hat an derselben Stelle „drier wuchen alt si“. „alt“ ist die sinngebende Lesart, das Transkript bleibt jedoch bei Gloning, weil es diese Edition als Quelle angibt.

brue daz kuele

brühe es ab und kühle es (zum Enthaaren)

zuehe im abe, daz man ez iht wunde

ziehe ihm das Haar vollständig ab, ohne es zu verletzen

vemme den rans die hut lazzen

um den Bauch herum die Haut belassen (rans = Wanst/Bauchbereich; Lesart nicht durch weitere Belegstellen abschließend gesichert - siehe Anmerkung)

spec

Speck oder Schweinefett

zvo mazze

nach Maß, nach Geschmack

forne den munt

vorne die Öffnung verschließen - der Text nennt für diesen Schritt kein Verb; ein Zunähen oder Zubinden ist naheliegend, aber nicht ausdrücklich benannt

erwallen

aufwallen, aufkochen lassen

hülzinen rost

hölzerner Grillrost

blat von eyern

dünner Eierkuchen oder Crêpe, hier zur Dekoration - eine im "Buch von guter Speise" wiederkehrende Präsentationstechnik, kein Einzelfall

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 157r
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

des fleisches, daz dor vz gezogen ist, wol als zwai eiermeat Q10990
specbacon Q11106
einen sniten brotesbread Q7802
peterlin krutparsley Q25284
saltz zvo mazzetable salt Q11254
blat von eyernchicken egg Q15260613
(implied)water Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvemme den rans vzzene die hut lazzen

Gewählte Lesart: um den Bauch/Wanst herum die Haut belassen (rans = Bauchbereich/Wanst).

Andere mögliche Lesart:

Lesartforne den munt

Gewählte Lesart: vorne die Öffnung verschließen, damit die Füllung beim Garen nicht herausläuft.

Andere mögliche Lesart:

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 157r, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Das Garen selbst ist reine Feuerarbeit: sanftes Aufwallen im Kessel, dann schonendes Rösten auf dem Holzrost über der Glut. Das aufwendige Entbeinen des Ferkels bei intakter Haut, das Füllen und Zunähen der Öffnung ist dagegen eine heikle, zeitintensive Arbeit, die eine saubere Arbeitsfläche und Ruhe braucht - das gehört ins Haus. Vorbereitet mitgebracht, ist Fertiggaren und Anrichten am Lager gut machbar.
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 4-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.