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Sülze schnell fest werden lassen

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 467 · Dietramszell, Bayern · 1477

BeilageBeilageLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Portionen-BuchHausbuch aus Dietramszell (Cgm 467) (~1477)

Wie man Sülze macht, dass sie schnell fest wird: Nimm die Blüte vom Korn und gib sie in die kühle Brühe, in der das Fleisch liegt und gekocht wird - oder Fisch. Und gib ein wenig davon hinein, so wird die Sülze schnell fest, und das sogar in einer warmen Stube.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
die kuelle suppen da das fleisch inne leit ... oder visch kühle Brühe, in der das Fleisch (oder der Fisch) gekocht wird selbst auskochen (Kalbsfuß, Schwarte, Knochen, Gräten) Fond plus etwas Speisegelatine oder Agar-Agar
das plueden von korn ein wenig ‚Blüte vom Korn‘ Mehl/Speisestärke (Reform-/Supermarkt) bzw. Kornblumen (Kräuterhandel) Zum sicheren Binden: 1 TL Speisestärke oder Mehl
(salz, implizit) Salz nach Bedarf Supermarkt -

Kuriosum, kein Nachkoch-Rezept. Das ist ein halb verständlicher Haushalts-Kniff, kein Gericht: Er verspricht, dass Sülze mit einem Zusatz - der ‚Blüte vom Korn‘ - schnell fest wird, sogar in einer warmen Stube. Genau das funktioniert so aber nicht.

Warum es nicht aufgeht. Sülze (Aspik) geliert allein durch das Kollagen aus dem mitgekochten Fleisch oder Fisch (Knochen, Haut, Füße), das beim Erkalten zu Gelatine wird - in einer warmen Stube bleibt sie flüssig. Kein Zusatz ändert das grundlegend.

Was die ‚Blüte vom Korn‘ ist, bleibt unklar. Entweder die Kornblume (so Ehlert) - ohne jede Gelierwirkung, also reiner Volksglaube - oder ‚Mehlblüte‘ = feinstes Mehl/Stärke, das die Brühe immerhin etwas binden würde. Beides macht aus dem Tipp aber kein verlässliches Verfahren.

Einordnung. Wir geben den Eintrag als historisches Kuriosum wieder - aufschlussreich für den Alltagsglauben einer bairischen Hausküche um 1477, nicht als Anleitung. Wer echte Sülze will, kocht eine kollagenreiche Brühe (Kalbsfuß, Schwarte, Gräten) aus, klärt sie und lässt sie kalt stocken.

Was ist die ‚Blüte vom Korn‘?

Das ist die Streitfrage. Ehlert liest ‚Kornblüte‘ = Kornblume. Küchentechnisch sinnvoller ist ‚Mehlblüte‘ = das feinste Mehl bzw. die Stärke vom Korn (vgl. heutiges ‚Blütenmehl‘): Etwas Mehl/Stärke bindet die Brühe und lässt sie auch warm fest werden. Beides ist vertretbar - wir führen beide Lesarten.

Wird Sülze davon wirklich fest?

Das eigentliche Gelieren leistet das Kollagen aus dem mitgekochten Fleisch oder Fisch (Knochen, Haut, Füße), das beim Erkalten zu Gelatine wird. Reine Gelatine-Sülze wird in einer warmen Stube NICHT fest - deshalb der Zusatz. Als Stärke/Mehl gelesen ergibt der Tipp Sinn (Bindung hält auch warm); als Kornblume ist er eher Volksglaube.

Wie mache ich es heute zuverlässig?

Eine kollagenreiche Brühe (Kalbsfuß, Schwarte, Gräten) auskochen, würzen, durch ein Tuch klären und kühl fest werden lassen. Soll es auch im Warmen halten, mit etwas Speisestärke binden oder Agar-Agar verwenden.

Sülze schnell fest werden lassen – Originalseite aus Hausbuch aus Dietramszell (Cgm 467)
Fol. 141r, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 467 (Hausbuch aus Dietramszell, um 1477)
wie man sulcz macht daz sy pald peste Jtm nym das plueden von korn vnd tue es in die kuelle suppen da das fleisch inne leit vnd gesoten wirt oder visch vnd tue sein ain wenig daran so pestet die sülcz pald vnd war in einer haissen stuben
peste / pald peste

‚peste(n)‘ = fest werden, gelieren; ‚pald‘ = bald, schnell. Die Überschrift heißt also: damit die Sülze schnell fest wird.

plueden von korn

Wörtlich ‚die Blüte vom Korn‘. Doppeldeutig: entweder die Kornblume (so Ehlert) oder ‚Mehlblüte‘ = das feinste Mehl/die Stärke vom Getreide - siehe interpretive_choices.

kuelle suppen

‚Suppe‘ meint hier die Brühe/den Fond (nicht die heutige Löffelsuppe). ‚kühl‘, weil die Sülze beim Abkühlen geliert.

haissen stuben

Warme/geheizte Stube - der Clou des Tipps: das Festwerden soll auch im Warmen gelingen, was reiner Gelatine-Sülze gerade nicht gelingt.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 467
Folio
Fol. 141r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Dietramszell/Bayern, um 1477)
Entstehung
Dietramszell, Bayern, 1477

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdas plueden von korn

Gewählte Lesart: Die ‚Blüte vom Korn‘ als die Kornblume (Centaurea cyanus) - so auch Trude Ehlert (§2.3: ‚Kornblüte‘). Die Kornblume wächst im Getreidefeld; als Zusatz wäre sie ein eher volkstümlich-sympathetischer Griff ohne chemische Gelierwirkung.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Mehlblüte‘ = das feinste Mehl bzw. die Stärke vom Korn (vgl. ‚Blütenmehl‘). - Küchentechnisch deutlich plausibler: feines Mehl/Stärke bindet die Brühe und lässt sie auch in einer warmen Stube fest werden - genau das, was der Text verspricht (‚peste pald ... in einer haissen stuben‘) und was reine Gelatine-Sülze im Warmen NICHT kann. ‚Blüte‘ im Sinne von ‚das Feinste von etwas‘ ist gut belegt.

Originalwerk (~1477) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 141r, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 467 (Hausbuch aus Dietramszell, um 1477) Quelle öffnen
Transkription
Eigene diplomatische Transkription (fyndling.de) aus dem Faksimile der Bayerischen Staatsbibliothek München, Cgm 467 (bsb00134046); Gegencheck: Ehlert, Münchner Kochbuchhandschriften (1999), §2.3. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nichts für die Lagerküche - ein halb verständlicher Haushaltstipp, dessen Versprechen (Sülze werde mit einem Zusatz auch im Warmen schnell fest) so nicht funktioniert. Als Kuriosum dokumentiert, nicht zum Nachmachen.
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