Libro de arte coquinaria · Norditalien · 1465
Nimm zuerst junge Tauben, Hühner oder Kapaunen und bereite sie zu, wie man sie zum Braten herrichtet. Stecke sie auf den Spieß und brate sie. Wenn sie halb gar sind, nimm sie herunter und teile sie in Viertel. Danach teile jedes Viertel in vier weitere Stücke und gib sie in einen Topf.
Nimm dann Mandeln, die du unter heißer Asche geröstet hast, und reibe sie mit einem Tuch sauber, ohne sie anders zu putzen. Zerstoße sie im Mörser. Nimm außerdem zwei oder drei Scheiben leicht geröstetes Brot und drei oder vier Eigelb. Zerstoße alles zusammen mit den Mandeln und verdünne es mit etwas gutem Essig und Brühe. Passiere die Mischung durch ein feines Tuch oder Sieb.
Gib diese Sauce dann in den besagten Topf über das Fleisch. Füge gute Gewürze hinzu, besonders viel Zimt, Ingwer und viel Zucker. Stelle den Topf auf die Glut und lasse ihn etwa eine Stunde lang kochen, wobei du immer mit dem Löffel umrührst. Wenn es gar ist, serviere diese Mirrause auf Tellern oder in Schüsseln, wie es am passendsten erscheint.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| pippioni, o pollastri, o capponi | Junge Tauben, Hühner oder Kapaunen | Metzger / Wochenmarkt | Hähnchen oder Perlhuhn |
| amandole bruschulate sotto la cenere calda | Geröstete Mandeln (mit Haut) | - | - |
| doi o tre fette di pane un pocho bruschulato | 2-3 Scheiben leicht geröstetes Brot | - | - |
| tre o quattro rosci de ova | 3-4 Eigelb | - | - |
| un pocho de bono aceto | Etwas guter Essig | - | - |
| de brodo | Brühe (Geflügelbrühe) | - | - |
| bone spetie, et maxime cannella assai, zenzevero, et zuccharo assai | Gewürze (besonders viel Zimt, Ingwer, Zucker) | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein mirrause catalano - das katalanische mig-raust („halb gebraten"), das über die aragonesisch-italienischen Höfe in Martinos Küche kam. Geflügel wird zunächst halb am Spieß gebraten, dann zerteilt und in einer süß-sauren Mandel-Brot-Sauce fertig geschmort. Lebende Verwandte sind die spanische pepitoria und die katalanische Mandel-Picada-Sauce; im Korpus steht der Kapaun in süß-saurer Fruchtsauce (ant-029) demselben Verfahren am nächsten - dort kommt noch Trockenobst hinzu.
Mirrause bezeichnet sowohl das Gericht als auch das namensgebende Verfahren: das Fleisch wird mezzi cotti („halb gar") vom Spieß genommen, ehe es im Topf zu Ende gart. Der erste Bratschritt gibt Röstaromen, das Nachschmoren macht das Fleisch zart und durchzieht es mit der Sauce.
Die Bindung leistet eine klassische Mörser-Picada aus amandole bruschulate (unter heißer Asche gerösteten Mandeln), geröstetem Brot und Eigelb. Der Text betont, die Mandeln nur mit einem Tuch abzureiben und senza nettarle altramente - „nicht weiter zu putzen", also die Haut zu belassen; das Rösten lockert sie und gibt ein nussig-rauchiges Aroma. Die Mischung wird mit Essig und Brühe verdünnt und durch die stamegna (ein feines Seihtuch) passiert, damit die Sauce glatt bleibt.
Das süß-saure Profil ist Programm: aceto (Essig) gegen zuccharo assai (reichlich Zucker), dazu cannella assai (viel Zimt) und Ingwer. Diese Agrodolce-Würzung ist typisch für die katalanisch-italienische Hofküche des 15. Jahrhunderts.
Praxis. Hähnchen-, Tauben- oder Perlhuhnteile am Grill oder im heißen Ofen ca. 15-20 Minuten anbraten, bis außen Farbe da ist, das Innere aber noch roh - dann in mundgerechte Stücke teilen. Für die Sauce eine Handvoll Mandeln (mit Haut) in einer trockenen Pfanne rösten, mit 2-3 Scheiben gerösteten Brots und 3-4 Eigelb im Mörser oder Mixer zu einer Paste verarbeiten, mit etwas Weinessig und Geflügelbrühe zu einer gießfähigen Sauce verdünnen und durch ein Sieb streichen. Fleisch und Sauce im Topf vereinen, mit reichlich Zimt, etwas Ingwer und Zucker abschmecken und bei kleiner Hitze etwa eine Stunde unter ständigem Rühren ziehen lassen, bis das Geflügel gar und die Sauce sämig ist. Mit Essig/Zucker zwischen sauer und süß ausbalancieren und in Schalen anrichten.
Die Mirrause catalano ist ein süß-saures Schmorgericht aus dem 15. Jahrhundert, das seinen Ursprung in Katalonien hat. Typischerweise wird es mit Geflügel zubereitet und mit einer Sauce aus Mandeln, geröstetem Brot, Eigelb, Essig und reichlich Gewürzen wie Zimt, Ingwer und Zucker angedickt.
Ja, dieses Rezept ist für die Lagerküche geeignet. Das Braten am Spieß und das anschließende Schmoren im Topf über der Glut sind gut umsetzbar. Um die Zubereitungszeit zu verkürzen, kannst du die Mandeln und das Brot bereits zu Hause rösten und die Mandeln mahlen. Die Sauce kann dann am Lager schnell angerührt werden.
Dieses Rezept stammt aus dem berühmten Kochbuch 'Libro de Arte Coquinaria' von Maestro Martino da Como, verfasst um 1465 in Norditalien. Martino war einer der bedeutendsten Köche seiner Zeit und diente am Hof des Patriarchen von Aquileia.
'Pistale' bedeutet, die Zutaten im Mörser zu zerstoßen. Hier ist ein großer Fleischmörser gemeint, nicht der kleine Gewürzmörser. Alternativ kannst du eine Küchenmaschine oder einen Blender verwenden, um eine feine Paste zu erhalten. 'Stamegna' bezeichnet ein feines Seihtuch oder Sieb, durch das die Sauce passiert wird, um eine glatte Konsistenz zu erzielen.
Katalanisches Gericht und Verfahren (mig-raust, „halb gebraten"): Geflügel halb am Spieß braten, dann im Topf in süß-saurer Mandel-Brot-Sauce fertig schmoren.
„halb gar" - das Fleisch wird nur angebraten und zu Ende geschmort
Mandeln, unter heißer Asche geröstet, um die Haut zu lockern und ein leicht rauchiges Aroma zu geben
Im Mörser zerstoßen
Feines Seihtuch zum Passieren der Sauce
Essig - liefert den sauren Pol der süß-sauren Würzung
Glut, Holzkohleglut
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