Libro de arte coquinaria · Norditalien · 1465
Nimm zuerst mageres Fleisch von der Keule und schneide es in lange, dünne Scheiben. Klopfe diese gut auf einem Schneidebrett oder einer Platte mit der flachen Seite des Messers. Nimm Salz und zerstoßenen Fenchel und streue es auf die besagten Fleischscheiben. Danach nimm Petersilie, Majoran und guten Speck. Hacke diese Dinge zusammen mit ein wenig guten Gewürzen und verteile diese Mischung gut auf den erwähnten Scheiben. Danach rolle sie zusammen und stecke sie auf den Spieß zum Garen. Lasse sie aber nicht zu sehr am Feuer austrocknen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| carne de vitello o de altra bona carne | Mageres Kalbfleisch von der Keule | Metzger | - |
| sale | Salz | - | - |
| finocchio pesto | Gemahlener Fenchel | - | - |
| petrosimolo | Petersilie | - | - |
| maiorana | Majoran | - | - |
| bon lardo | Guter Speck (Rückenspeck oder Bauchspeck) | Metzger | - |
| bone spetie | Gute Gewürze (z.B. Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat, Zimt) | - | - |
Welches Gericht ist das?
Eine gefüllte Fleischroulade vom Spieß - der direkte Vorfahr der italienischen involtini und braciole ripiene, hierzulande verwandt mit der Rinderroulade. Dünn geschnittenes, geklopftes Kalbfleisch wird mit einer Kräuter-Speck-Füllung bestrichen, aufgerollt und über dem Feuer gegart. Martino gibt direkt nebenan die ungefüllte Variante: bei mar-026 wird dieselbe Fleischscheibe flach auf dem Rost gegrillt statt gerollt.
Polpette - nicht das, was man heute erwartet.
Der Titel sagt polpette, doch das sind hier keine Hackbällchen. Martino schneidet ausdrücklich fette longhe et sottili (lange, dünne Scheiben) und rollt sie zusammen (involtela inseme). Im 15. Jahrhundert meinte polpetta noch breiter ein geformtes Fleischstück, nicht zwingend die runde Frikadelle aus zerkleinertem Fleisch. Wer das Wort modern liest, liegt falsch - hier ist es eine Roulade.
Battuto - die Füllung hacken.
Petersilie, Majoran und Speck werden mit etwas Gewürz zu einem battuto verarbeitet, einer fein gehackten Würzpaste. Das italienische batti queste cose inseme heißt hier zerkleinern, nicht schlagen: Kräuter und fester Speck werden mit dem Messer oder im Mörser zu einer streichfähigen Masse gehackt. Genau diese Paste trägt das milde Kalbfleisch geschmacklich.
Finocchio - Fenchel als Leitgewürz.
Gemahlener oder zerstoßener Fenchelsamen plus Salz ist Martinos Standard-Rub für Kalb von der Keule - dieselbe Würzung wie bei der gegrillten Schwester mar-026. Der süßlich-anisige Fenchel passt zum Speck und ist bis heute typisch für italienische Schweine- und Kalbszubereitungen (man denke an Finocchiona oder Porchetta).
Praxis.
Kalbsschnitzel aus der Keule (Oberschale) auf ca. 3-4 mm dünn schneiden und zwischen Folie flach klopfen. Beide Seiten mit Salz und zerstoßenem Fenchelsamen würzen. Für die Füllung je eine Handvoll Petersilie und Majoran mit etwa 50 g Rückenspeck und einer Prise süßer Gewürze (Pfeffer, Zimt, Nelke, Muskat) fein hacken, dünn auf die Scheiben streichen, aufrollen und mit Holzspießchen oder Küchengarn fixieren. Über mittlerer Glut langsam unter Drehen garen, bis das Fleisch eben durch ist - Martinos Warnung non la lassare troppo seccar al focho (nicht zu sehr austrocknen lassen) ernst nehmen: Kalb wird trocken, sobald es übergart. Eine Scheibe fetter Speck mitlaufen lassen oder die Röllchen ab und zu mit etwas Bratfett bestreichen hält sie saftig.
Im Gegensatz zu modernen Frikadellen oder Hackbällchen, die aus zerkleinertem Fleisch geformt werden, beschreibt dieses Rezept 'Polpette' als dünne Fleischscheiben, die gefüllt und dann gerollt werden. Es handelt sich also um gefüllte Fleischröllchen, die am Spieß gebraten werden.
Ja, dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet. Das Braten am Spieß über offenem Feuer oder Glut ist eine authentische mittelalterliche Garmethode. Die Füllung kann bereits zu Hause vorbereitet und transportiert werden, sodass am Lager nur noch das Fleisch geschnitten, gefüllt und aufgespießt werden muss.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Libro de Arte Coquinaria' von Maestro Martino da Como, einem der bedeutendsten Kochbücher des 15. Jahrhunderts. Es wurde um 1465 in norditalienischem Volgare verfasst und gilt als wegweisend für die europäische Kochkunst der Renaissance.
Im mittelalterlichen Italien waren 'gute Gewürze' (bone spetie) oft eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat, Zimt und manchmal Safran. Die genaue Zusammensetzung variierte je nach Verfügbarkeit und persönlichem Geschmack. Verwende eine Mischung dieser Gewürze, um einen authentischen Geschmack zu erzielen.
Im mittelalterlichen Kontext oft kleine Fleischstücke, die gerollt oder geformt werden, nicht zwingend aus Hackfleisch wie moderne Frikadellen.
Keule, Oberschenkel des Tieres.
Die flache Seite oder der Rücken des Messers, zum Klopfen des Fleisches.
Gemahlener Fenchel.
Bratspieß.
„Rolle sie zusammen“ - die belegte Scheibe wird zur Roulade aufgewickelt (Vorläufer der italienischen involtini).
Guter (Rücken-)Speck. Liefert das Fett, das das magere Kalbfleisch beim Garen saftig hält.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
polpette
Gewählte Lesart: Die 'Polpette' werden hier als gefüllte und gerollte Fleischscheiben interpretiert, da der Text das Schneiden in 'fette longhe et sottili' (lange und dünne Scheiben) und das 'involtela inseme' (zusammenrollen) beschreibt, anstatt das Fleisch zu hacken und zu formen.
batti queste cose inseme
Gewählte Lesart: batti queste cose inseme meint hier das gemeinsame Hacken der Füllung (Petersilie, Majoran, Speck und Gewürze) zu einer feinen Würzpaste (battuto) - nicht das Klopfen des Fleisches, das weiter oben mit battile gemeint ist.
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