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Sommerliche Orangen-Eiercreme

Libro de arte coquinaria · Norditalien · 1465

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-3 PersonenBuchLibro de Arte Coquinaria (~1465)

Nimm vier frische Eigelb, eine halbe Unze Zimt, vier Unzen Zucker, zwei Unzen Rosenwasser und vier Unzen Pomeranzensaft. Schlage all diese Zutaten sehr gut zusammen und koche sie, wie man ein Brodetto kocht; und sie soll ein wenig gelb sein. Ein solches Gericht eignet sich für den Sommer.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
quattro rossi d'ova fresche 4 frische Eigelb - -
meza oncia di canella ½ Unze Zimt - -
quattro oncie di zuccharo 4 Unzen Zucker - -
doi oncie de acqua rosata 2 Unzen Rosenwasser Online-Gewürzhandel -
quattro de sucho di pomaranci 4 Unzen Pomeranzensaft - Saft von Orange + etwas Zitrone

Welches Gericht ist das? Eine warme, mit Eigelb gebundene Orangencreme - im Kern dasselbe Verfahren wie Martinos süß-saures brodetto (mar-044), nur auf der süßen Seite und mit Pomeranzensaft statt Fleischbrühe. Der Text sagt es selbst: „koche sie, wie man ein Brodetto kocht“. Damit ist dieses Gericht die direkte Schwester einer modernen crème anglaise oder einer fruchtigen Sabayon (zabaione) - eine Creme, die einzig durch Eigelb sämig wird, ohne Mehl, Brot oder Stärke. Wer eine lebende Brücke sucht: ein Orangen-Pudding ohne Bindemittel, oder die Füllung einer Orangencreme-Torte.

Como se coce il brodetto. Der Schlüsselsatz. Brodetto ist bei Martino kein Fischgericht, sondern eine Familie eiergebundener Brüh-Cremes (vgl. mar-044, mar-054). „Wie ein Brodetto kochen“ heißt hier: die verquirlte Masse bei sanfter Hitze unter ständigem Rühren bis zur Bindung führen, fern vom direkten Feuer, und genau am Punkt abziehen, an dem das Eigelb sämig wird, aber noch nicht zu Flocken gerinnt. Genau dieses Vorgehen beschreibt mar-044 im Detail (Löffelrücken-Test, Nachrühren).

Un pocho gialla. „Ein wenig gelb“ - die Farbe kommt von selbst aus den vier Eigelben; ein Färbemittel braucht es nicht. Der Hinweis ist eher eine Gar-Kontrolle: Eine gleichmäßig blassgelbe, glänzende Creme zeigt, dass das Eigelb sauber gebunden hat, ohne zu überhitzen.

Sucho di pomaranci. Der Saft stammt von Pomeranzen (Bitterorangen), nicht von der heutigen Süßorange - saurer und herber, was die Süße von Zucker und Rosenwasser ausbalanciert. Zusammen mit dem acqua rosata (Rosenwasser) und dem Zimt ergibt das die typisch höfische Aroma-Trias der Renaissance-Küche.

Praxis. Für 2-3 Portionen: 4 Eigelb, rund 120 g Zucker (Martinos vier Unzen sind reichlich - man kann auf 60-80 g zurückgehen), 60 ml Rosenwasser, 120 ml Saft von Bitterorangen (ersatzweise Saft von Orange + etwas Zitrone) und eine kräftige Prise Zimt glatt verquirlen. Im Wasserbad oder schweren Topf bei sanfter Hitze (Ziel: nicht über ~80 Grad) ständig rühren, bis die Masse den Löffelrücken überzieht. Sofort vom Feuer, kurz weiterrühren. Lauwarm oder gekühlt als Sommercreme servieren.

Was bedeutet 'verzuso' im Titel?

Der Begriff im Original-Titel ist dunkel und wird in der Forschung nicht sicher gedeutet. Mit 'Verjus' (saurem Traubensaft) hat er hier nichts zu tun, denn das Gericht ist süß und soll gelb sein. Wir benennen es deshalb nach dem, was es tatsächlich ist: eine sommerliche, mit Eigelb gebundene Orangencreme.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist grundsätzlich für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind transportabel. Allerdings erfordert das schonende Eindicken der Creme über dem Feuer besondere Aufmerksamkeit, um ein Gerinnen der Eigelb zu verhindern. Ein Wasserbad für den Topf kann hier sehr hilfreich sein.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem berühmten Kochbuch „Libro de Arte Coquinaria“ von Maestro Martino da Como, verfasst um 1465 in Norditalien. Martino gilt als einer der wichtigsten Kochbuchautoren des 15. Jahrhunderts und seine Rezepte spiegeln die gehobene Küche der Renaissance wider.

Was bedeutet 'oncia' im Rezept?

'Oncia' ist die italienische Bezeichnung für Unze. Eine Unze entsprach im mittelalterlichen Norditalien etwa 28 Gramm. Die Mengenangaben im Rezept sind also relativ klein und ergeben eine überschaubare Portion.

Was bedeutet 'wie man ein Brodetto kocht'?

Bei Maestro Martino ist ein 'brodetto' keine Fischsuppe, sondern eine mit Eigelb gebundene Brüh-Creme. 'Wie ein Brodetto kochen' heißt hier: die Mischung bei sanfter Hitze ständig rühren, bis sie eindickt, und genau dann abziehen, wenn das Eigelb sämig bindet, aber noch nicht zu Flocken gerinnt - das Prinzip einer crème anglaise im Wasserbad. Martino beschreibt diesen Punkt ausführlich in seinem herzhaften Brodetto (vgl. unser Schwester-Rezept mar-044).

Per far una menestra de verzuso. Piglia quattro rossi d'ova fresche, meza oncia di canella, quattro oncie di zuccharo, doi oncie de acqua rosata, et quattro de sucho di pomaranci, et batti molto bene tutte queste cose inseme, et cocile como se coce il brodetto, et vole essere un pocho gialla. Et tal menestra se convene d'instate.
menestra

Gericht oder Portion; im mittelalterlichen Kontext nicht zwingend eine Suppe.

verzuso

Der Begriff im Titel („menestra de verzuso“) ist dunkel und in der Forschung nicht sicher gedeutet; mit „Verjus“ hat er hier nichts zu tun, da das Gericht süß und gelb ist. Wir geben den Titel daher nach Inhalt und Verfahren wieder, nicht nach dem rätselhaften Namen.

oncia

Unze, ein historisches Gewichtsmaß, das in Norditalien etwa 28 Gramm entsprach.

brodetto

Bei Martino kein Fischgericht, sondern eine eiergebundene Brüh-Creme; „wie ein Brodetto kochen“ meint das sanfte Binden mit Eigelb ohne Gerinnen (ausführlich in mar-044).

pomaranci

Pomeranzen (Bitterorangen) - saurer und herber als die heutige Süßorange.

Handschrift
Libro de arte coquinaria
Folio
Fol. 16v
Sprache
Frühitalienisch (15. Jh.)
Entstehung
Norditalien, 1465

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartverzuso

Gewählte Lesart: Der Begriff im Titel ist dunkel und in der Forschung nicht sicher gedeutet. Eine Verbindung zu „Verjus“ scheidet inhaltlich aus, da das Gericht süß und gelb ist; wir geben den Titel daher nach Inhalt und Verfahren wieder.

Originalwerk (~1465) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 16v, Library of Congress, Rare Book and Special Collections Division, Washington MS (TX723 .M3 1460), Public Domain
Transkription
Uni Giessen (Gloning/Romanelli, Digitale Edition 2004, Basis: Faccioli 1966) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Über der Glut machbar, aber heikel: Die Eigelb-Masse stockt schon bei knapp 70-80 Grad und gerinnt sofort grieselig, wenn der Topf direkt über der Flamme steht. Darum nur über milder Glut oder im Wasserbad rühren und genau am Bindungspunkt abziehen. Zutaten transportabel, die frischen Eier brauchen Kühlung. Kein „gold“, weil die Hitzeführung Fingerspitzengefühl verlangt.
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