Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Senf auf dreierlei Art

Le Ménagier de Paris · Paris · 1393

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Bürgerliche KücheBürgerlichHippocrasVeganVegan
Zubereitungszeit30 Min.Portionen1 Glas ~250 mlBuchMénagier de Paris (~1393)

Senf. Wenn du Senf für lange Zeit auf Vorrat herstellen möchtest, bereite ihn zur Weinlesezeit aus süßem Most zu. Einige sagen, der Most solle gekocht werden.

Wenn du in einem Dorf schnell Senf zubereiten möchtest, zerstoße Senfsaat in einem Mörser, löse sie mit Essig auf und seihe sie durch ein feines Tuch. Und wenn du sie sofort fertig haben willst, stelle den Topf mit dem Senf vor das Feuer.

Und wenn du den Senf gut und in aller Ruhe zubereiten möchtest, weiche die Senfsaat eine Nacht lang in gutem Essig ein. Dann lasse sie gut in einer Mühle mahlen und nach und nach mit Essig auflösen. Und wenn du Gewürze übrig hast, die von Gelee, Klaret, Hypocras oder Saucen stammen, so zerstoße sie mit dazu. Danach lasse den Senf reifen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
moulx doulx Süßer Most (unvergorener Traubensaft) Wochenmarkt (zur Weinlesezeit) / Bio-Laden Frischer Traubensaft (ohne Zuckerzusatz)
senevé Senfsaat (gelb oder braun) - -
vinaigre Essig (z.B. Weißweinessig) - -
espices qui soient de remenant de gelee, de claré, d'ypocras ou de saulses Übrig gebliebene Gewürze (z.B. Ingwer, Zimt, Nelken, langer Pfeffer, Muskatnuss, Paradieskörner) Online (Gewürzhändler) für Paradieskörner, sonst null Frische Gewürze nach Wahl

Welches Gericht ist das? Selbstgemachter Senf - direkter Vorfahr unseres heutigen Tafelsenfs. Das Rezept gibt drei Wege je nach Zeit und Zweck: Vorrats-Senf aus Most, Schnell-Senf für unterwegs und den sorgfältigen, gereiften Senf.

Moulx doulx - süßer, unvergorener Most (Traubensaft) zur Weinlesezeit; manche kochen ihn vorher ein. Der Zucker des Mosts macht einen milderen, haltbaren Senf, der lange aufbewahrt werden kann.

Senevé broié … deffait de vinaigre … coulez par l'estamine - die Schnellvariante: Senfsaat im Mörser zerstoßen, mit Essig anrühren und durch ein feines Tuch (estamine) seihen; wer ihn sofort fertig will, stellt den Topf vor das Feuer (Wärme treibt die Schärfe schneller aus).

Mectre tremper … broyer ou moulin … laisser parer - die sorgfältige Variante: Senfsaat eine Nacht in gutem Essig einweichen, fein mahlen (in einer Handmühle, moulin), nach und nach mit Essig auflösen und reifen lassen (parer). Aromatisch aufgepeppt wird mit Gewürzresten, die von der Zubereitung von Gelee, Klaret, Hypocras oder Saucen übrig sind - ein sparsamer Küchen-Kniff zur Resteverwertung von teuren Gewürzen.

Praxis. Schnell-Senf: gelbe und/oder braune Senfsaat im Mörser zerstoßen, mit Weißweinessig zu gewünschter Konsistenz verrühren, durch ein Tuch streichen, kurz neben der Wärme ziehen lassen. Mild & haltbar: Senfsaat mit unvergorenem Traubensaft statt Essig ansetzen. Für den feinen Tafelsenf die Saat über Nacht in Essig einweichen, fein mahlen, mit etwas Hypocras-/Klaret-Gewürzmischung (Ingwer, Zimt, Nelken, langer Pfeffer) abschmecken und einige Tage reifen lassen - die Schärfe rundet sich.

Welche Gewürzmischung passt zu 'espices'?

Das Rezept spricht von 'übrig gebliebenen Gewürzen' aus anderen Zubereitungen wie Gelees, Klaret, Hypocras oder Saucen. Typische Gewürze für solche mittelalterlichen Zubereitungen waren Ingwer, Zimt, Nelken, langer Pfeffer, Muskatnuss und Paradieskörner. Wähle eine Mischung dieser Gewürze nach deinem Geschmack, oder verwende tatsächlich Gewürzreste, die du von anderen mittelalterlichen Rezepten übrig hast.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, die 'schnelle Dorf-Variante' ist sehr gut für die Lagerküche geeignet. Du kannst die Senfsaat bereits gemahlen mitbringen oder einen kleinen Mörser verwenden. Für die Varianten mit Most oder längerer Reifezeit empfiehlt es sich, den Senf zuhause vorzubereiten und dann mitzubringen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Ménagier de Paris', einem Haushaltsbuch, das um 1393 in Paris verfasst wurde. Es ist eine umfassende Anleitung für eine junge Ehefrau und enthält neben Kochrezepten auch Ratschläge zur Haushaltsführung, Gartenarbeit und Moral. Es bietet einen tiefen Einblick in die bürgerliche Küche des späten Mittelalters.

Was ist ein 'Mörser' oder eine 'Mühle' im Rezeptkontext?

Für die Senfsaat ist ein kleiner Gewürzmörser ausreichend, um die Körner zu zerstoßen. Die Erwähnung einer 'Mühle' ('ou moulin') deutet auf eine Handmühle hin, die eine feinere und größere Menge mahlen kann. Modern kannst du dafür auch eine elektrische Kaffeemühle oder einen Blender verwenden, um die Senfsaat zu pulverisieren.

Moustarde. Se vous voulez faire provision de moustarde pour garder longuement, faictes la en vendenges de moulx doulx. Et aucuns dient que le moulx soit bouly. Item, se vous voulez faire moustarde en ung village a haste, broiez du senevé en ung mortier et deffaictes de vinaigre et coulez par l'estamine. Et se vous la voulez tantost faire parer, mectez la en ung pot devant le feu. Item, et se vous la voulez faire bonne et a loisir, mectez le senevé tremper par une nuyt en bon vinaigre, puis la faictes bien broyer ou moulin et bien petit a petit destremper de vinaigre. Et se vous avez des espices qui soient de remenant de gelee, de claré, d'ypocras ou de saulses, si soient broyez avec, et apres la laissier parer.
moulx doulx

Süßer Most, unvergorener Traubensaft.

senevé

Senfsaat, die Körner der Senfpflanze.

estamine

Ein feines Sieb oder Tuch zum Seihen.

parer

Hier im Sinne von 'reifen lassen', 'sich setzen lassen' oder 'fertig werden lassen'.

moulin

Eine Mühle, hier wohl eine Handmühle zum Mahlen der Senfsaat.

gelee, claré, ypocras ou saulses

Gelees, Klaret (gewürzter Wein), Hypocras (süßer Gewürzwein) oder Saucen - die Gewürzreste davon sollen hier verwendet werden.

Handschrift
Le Ménagier de Paris
Folio
Fol. 162v
Sprache
Moyen Français
Entstehung
Paris, 1393

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartparer

Gewählte Lesart: Reifen / sich setzen lassen. Im Kontext der Senfherstellung - nach Mahlen und Würzen - geht es um das Entwickeln von Geschmack und Konsistenz; der Senf soll ruhen, bis sich Schärfe und Aroma gesetzt haben.

Andere mögliche Lesart:

  • Fertig machen / zubereiten (allgemeiner Wortsinn von parer). - Parer deckt im Altfranzösischen beides ab; ob hier konkret das Reifen oder allgemein das Fertigstellen gemeint ist, lässt der Text offen, das Ergebnis (gebrauchsfertiger Senf) ist dasselbe.

Originalwerk (~1393) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 162v, Scan: Bibliothèque nationale de France, Gallica (BnF Manuscrit Français 12477)
Transkription
Base de Français Médiéval (BFM), ENS Lyon - TEI P5, Lizenz Etalab Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die schnelle Dorf-Variante (Saat im Mörser zerstoßen, mit Essig anrühren) ist direkt am Lager machbar. Für Most- und Reife-Varianten die Saat zuhause vorbereiten oder gemahlen mitbringen.
Alle Rezepte aus Ménagier de Paris Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.