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Gebratener Otterschwanz

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

FischHauptspeise · FischLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-3 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Nimm den Otterschwanz, sofern er fett ist, und richte ihn her. Wenn er fast fertig gebraten ist, bestreue ihn mit Ingwer und Pfeffer und brate ihn vollends fertig. Dann gib ihn hin.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ain otter schwanncz Otterschwanz ⚠ Fischotter steht in Deutschland und der EU unter strengem Naturschutz (FFH-Richtlinie), eine legale Beschaffung ist nicht möglich. -
ymber Ingwer - -
pfeffer Pfeffer - -

Welches Gericht ist das? Ein schlichtes Spießbraten-Gericht: das Fleisch wird am offenen Feuer gebraten und erst kurz vor Ende der Garzeit mit Ingwer und Pfeffer bestreut. Verfahrenslogisch ist das die Vorstufe der bis heute gebräuchlichen Regel, empfindliche Gewürze erst gegen Ende des Bratens aufzubringen, damit sie nicht verbrennen - vergleichbar mit einer Pfefferkruste kurz vor Garende. Ein lebendes Nachfolgegericht gibt es nicht, weil die Hauptzutat seit Jahrzehnten streng geschützt und nicht verfügbar ist.

Warum nur ein fettes Stück? Die Anweisung, nur einen fetten Schwanz zu verwenden, folgt küchenpraktischer Logik: Ein mageres Stück würde am offenen Feuer schnell austrocknen, während das Fett das Fleisch beim Braten selbst bastet. Das Transkript nennt diesen Grund nicht ausdrücklich, er ergibt sich aber aus der Garmethode.

Praxis. Das Fleisch wird bis kurz vor dem Gar-Ende gebraten, dann mit Ingwer und Pfeffer bestreut und fertig gebraten - eine schlüssige, kurze Abfolge ohne Sauce oder Bindung. Zeit-, Mengen- und Hitzeangaben fehlen im Original vollständig; „beraitten" bleibt unspezifisch und wird hier als allgemeines Herrichten und Vorbereiten des Schwanzes vor dem Braten verstanden.

Wo bekomme ich einen Otterschwanz?

Nirgends, jedenfalls nicht legal. Der Fischotter ist in Deutschland und der gesamten EU streng geschützt (FFH-Richtlinie Anhang II und IV), Fang und Verzehr sind verboten. Dieses Rezept lässt sich heute nicht authentisch nachkochen, es dient allein als historisches Zeugnis höfischer Speisegewohnheiten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Die Hauptzutat ist eine geschützte Art und schlicht nicht beschaffbar. Wer auf dem Markttag Fastenspeise vorführen möchte, greife stattdessen zu einem Fisch- oder Karpfenrezept aus dem Korpus.

Warum galt Otter im Mittelalter als Fastenspeise?

Im christlichen Fastenrecht des Mittelalters zählten wasserlebende Tiere pauschal als 'Fisch' - am besten belegt ist das für den Biber, dessen schuppiger, fischartiger Schwanz theologisch diskutiert wurde (etwa bei Thomas von Aquin). Der Otter dürfte nach derselben Logik eingeordnet worden sein, eine für den Otter selbst eigens belegte Fastenregel liefert die Quelle hier allerdings nicht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

wie man ain otter Item ain otter schwancz sol praten schwanncz zue praten Nym In als verre er vaist sej du solt In beraitten So er vil nahennd ist gepraten So bespreng In mit ymber vnd mit pfeffer vnd prat In vollen vnd gib In hin .
otter

Der Fischotter (Lutra lutra), ein wasserlebendes Raubtier. Das Wort ist im gesamten hier zugrunde liegenden Korpus ein Hapax legomenon (nur an dieser einen Stelle belegt). Die CoReMA-Edition verlinkt den Begriff eindeutig mit dem Wikidata-Eintrag für „Otterschwanz", die Lesart ist also gesichert, nicht spekulativ.

otter schwanncz

Die CoReMA-Edition verlinkt diesen Ausdruck spezifisch mit dem Wikidata-Eintrag für „otter tail" (Q107246693), nicht nur allgemein mit dem Tier - ein Hinweis darauf, dass gezielt der Schwanz als eigene Zutat galt, ähnlich der bekannteren Tradition um den Biberschwanz.

vaist

Fett, feist. Beschreibt den erwünschten Nährzustand des Tieres, ein magerer Otterschwanz taugte demnach nicht fürs Rezept.

beraitten

Herrichten, zubereiten. Gemeint ist vermutlich das Enthäuten und Vorbereiten des Schwanzes vor dem Braten, wie es bei Wild- und Fischgerichten der Zeit üblich war.

ymber

Ingwer, ein importiertes und teures Gewürz, das in der höfischen Küche des 15. Jahrhunderts zur Standard-Würzung gehörte.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 035v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartotter

Gewählte Lesart: Wörtlich als Fischotter (Lutra lutra) gelesen, bestätigt durch die CoReMA-Sachglosse mit Wikidata-Verweis auf 'otter tail'. Trotz Hapax-Status im Korpus ist die Lesart durch die Editions-Glosse gesichert, keine freie Interpretation.

Lesartberaitten

Gewählte Lesart: Als allgemeines 'herrichten/zubereiten' übersetzt, vermutlich im Sinn von Enthäuten und Vorbereiten des Schwanzes vor dem Braten.

Andere mögliche Lesart:

  • Könnte auch enger 'würzen/marinieren vor dem Braten' meinen. - Das Verb 'bereiten' ist im Mhd. recht weit gefasst und wird an anderen Korpus-Stellen unterschiedlich konkret verwendet.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 035v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Fischotter ist streng geschützt und in der EU nicht legal erhältlich, dieses Rezept ist ein historisches Zeitdokument und kein Nachkoch-Gericht fürs Lager.
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