Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du eine Sauce aus Weinlingen (sauren Äpfeln) zubereiten, so gib sie in einen Topf und lass sie sieden. Achte darauf, dass sie nicht kalt wird. Streiche sie danach durch ein Tuch und gib sie wieder in den Topf. Setze den Topf auf eine Glut und lass die Sauce gut sieden. Rühre sie, bis sie dick wird.
Gib dann Honig, geriebene Nelken und gute Gewürze hinzu. Fülle die fertige Sauce danach in ein Gefäß, so bleibt sie drei oder vier Jahre haltbar.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| weinling | Weinling (saure Äpfel) | - | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt | saure Äpfel wie Boskoop oder Braeburn |
| honich | Honig | - | - | - |
| griben pratt nagel | geriebene Nelken | - | Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| guet gburcz | gute Gewürze | - | - | Pfeffer, Ingwer, Zimt, Muskat |
Welches Gericht ist das? Im Kern eine eingekochte, mit Honig und Nelken haltbar gemachte Apfel-Reduktion - der lebende Verwandte ist das rheinische Apfelkraut beziehungsweise das englische apple butter. Keine frische Tafelsauce, sondern eine konzentrierte Fruchtpaste (Latwerge) zum Würzen von Braten und Wild. Anders als die im Korpus verwandten Salsen aus sauren Äpfeln, die rohe Weintrauben und Äpfel zu einer sauren Verjus-Sauce verpressen, zielt mon-033 bewusst auf die süße, vorratswirtschaftliche Variante: eine Ein-Frucht-Reduktion, durch Honig gesüßt und auf Jahre konserviert.
Warum nicht kalt werden lassen? Die Äpfel werden zuerst im Topf weichgesotten, damit das Fruchtfleisch durchs Tuch passierbar wird. Der Hinweis, sie nicht kalt werden zu lassen, ist praxisecht: Kaltes Apfelmus geliert über sein Pektin und setzt sich fest, warm streicht es deutlich flüssiger durch. Das Passieren trennt Schalen, Kerngehäuse und Fasern ab und muss vor dem Reduzieren geschehen, sonst kochen die Schalen zäh und bitter mit ein.
Warum die Glut, warum Honig erst zum Schluss? Das zweite, lange Sieden geschieht über Glut, nicht über offener Flamme - die sanfte, gleichmäßige Hitze reduziert das Mus, ohne dass die zuckernde Paste anbrennt. Hier liegt das eigentliche Konservierungsprinzip: Wasserentzug und Zuckerkonzentration. Gebunden wird rein physikalisch durch die Reduktion und das natürliche Apfelpektin - kein Mehl, kein Bindemittel, zeittypisch sauber. Honig, geriebene Nelken und die übrigen Gewürze kommen erst ans fertig eingedickte Mus, damit Honigaroma und flüchtige Gewürzöle nicht zerkochen.
Praxis. Du brauchst nur Topf, Tuch, Holzlöffel und ein gleichmäßiges Glutbett. Rechne mit einem deutlichen Vielfachen an rohen Äpfeln für das fertige Glas - aus viel Frucht wird wenig Paste. Über Glut sind realistisch eher zwei bis zweieinhalb Stunden Einkochen einzuplanen, dazu fast ununterbrochenes Rühren, sobald die Masse dick wird und am Boden zu kleben beginnt. Streichfähig und dunkel eingedickt ist sie fertig. Die Mehrjahres-Angabe der Quelle ist optimistisch gerundet: Eine saure, zuckerreiche, dick eingekochte Fruchtpaste hält kühl und dunkel real lange, aber ohne moderne Sterilabfüllung sollte man sie eher in Monaten als in Jahren denken.
‚Weinlinge‘ waren im Mittelalter saure Apfelsorten, die sich hervorragend zum Kochen und Konservieren eigneten. Heute kannst du dafür gut saure Apfelsorten wie Boskoop, Braeburn oder Elstar verwenden, um einen ähnlichen Geschmack zu erzielen.
Ja, als Schaugericht ist es gut geeignet. Die Zubereitung einer haltbaren Fruchtsauce kann vor Publikum demonstriert werden, da die Schritte des Kochens, Passierens und Reduzierens visuell ansprechend sind. Die eigentliche Lagerung über Jahre erfolgt jedoch zu Hause.
Im Mittelalter waren ‚gute Gewürze‘ oft eine Mischung aus teuren Importgewürzen. Für eine authentische Note kannst du neben den genannten Nelken auch Pfeffer, Ingwer, Zimt und eine Prise Muskatnuss verwenden. Diese Gewürze waren in wohlhabenden Haushalten des 15. Jahrhunderts üblich.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
‚Weinling‘ bezeichnet weinsäuerliche, herbe Apfelsorten, die sich wegen ihrer Säure und Festigkeit besonders zum Einkochen und Konservieren eigneten. Der Begriff ist in der Wörterbuch-Tradition (Goetze, Pritzel, Grimm) belegt, im Rezeptkorpus jedoch nur hier - eine seltene, dialektal oberdeutsche Vokabel.
Ein ‚Haffen‘ ist ein Topf oder Kessel, typischerweise aus Keramik oder Metall, der über dem Feuer oder auf Glut verwendet wurde.
Ein ‚Tuch‘, hier zum Passieren der gekochten Früchte, um eine feine, glatte Sauce zu erhalten. Dies entspricht dem heutigen Passieren durch ein Sieb oder eine Flotte Lotte.
‚Bratnägel‘ (auch ‚Bratnägelein‘) ist die geläufige frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Gewürznelken - benannt nach ihrer nagelartigen Form (lat. clavus = Nagel). Das ‚griben‘ davor (zu mhd. rîben, reiben) meint die geriebenen, zerstoßenen, nicht die ganzen Nelken; gemahlen ziehen sie gleichmäßiger durch.
Hier im Sinne von ‚Gefäß‘, genauer ein Fässlein oder Fässchen - eine Schreibervariante zu mhd. ‚vaz‘ (Faß, Behältnis), Diminutiv ‚vässel‘. Ein kleines Einlagerfaß passt zur mehrjährigen Aufbewahrung. Die formgleiche Wörterbuch-Lesart ‚vaffel = Reibeisen‘ ist ein Homograph und im Kontext einer einzulagernden Sauce ausgeschlossen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| honich | honey Q10987 |
| guet gburcz | spice Q42527 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
gburcz
Gewählte Lesart: ‚Gewürz‘ - Die Schreibung ‚gb‘ für anlautendes ‚gw‘ ist eine wiederkehrende bairisch-österreichische Lautvariante im Frühneuhochdeutschen.
griben pratt nagel
Gewählte Lesart: ‚geriebene Bratnägel‘, also zerstoßene Gewürznelken (‚griben‘ zu mhd. rîben = reiben/gerieben; ‚pratt nagel‘ = Bratnägel = Nelken).
Andere mögliche Lesart:
vaffel
Gewählte Lesart: ‚Gefäß‘, konkret ein Fässlein/Fässchen (zu mhd. ‚vaz‘, Diminutiv ‚vässel‘) zum Einlagern. Im Kontext der mehrjährigen Aufbewahrung die mit Abstand plausibelste Lesart.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 30.06.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.