Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du einen Stockfisch zubereiten willst, so nimm einen Stockfisch und ziehe ihm die Haut ab. Wässere ihn eine Nacht lang, indem du ihn darin stehen lässt.
Drücke ihn dann in Essig aus und beträufle ihn danach überall mit Butter. Mache einen Teig aus Mehl und Eiern, gib Pfeffer, Safran und Salz hinzu. Bestreiche den Fisch damit und schlage den Teig dreimal auf ihn, dann lasse ihn über dem Feuer braun werden. Beträufle ihn dabei gut und serviere ihn.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| ein stock visch | 1 Stück Stockfisch | Fischfachhandel, gut sortierter Supermarkt, Online-Handel | - |
| wasserr In ein nacht | Wasser | Leitung | - |
| ainem essich | Essig | - | - |
| putteren | Butter | - | - |
| melb | Mehl | - | - |
| airen | Eier | - | - |
| pheffer | Pfeffer | - | - |
| saffran | Safran | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| salz | Salz | - | - |
Welches Gericht ist das? Ausgebackener Stockfisch im Eierteigmantel, über offener Flamme gebraten statt frittiert - im Kern ein Fisch-im-Ausbackteig avant la lettre, wie ihn heute etwa der Bierteig-Fisch der britischen Fish and Chips fortführt, nur ohne Trieb- oder Backfett. Die engste Verwandtschaft im Korpus sind zwei nahezu wortgleiche Fassungen aus dem gut hundert Jahre älteren, südwestdeutschen Buch von guter Speise (bgs-020, bgs-038) - dieselbe Schrittfolge, derselbe Teig, dieselbe Gartechnik. Mondsee hat das Rezept demnach nicht neu erfunden, sondern eine seit Generationen zirkulierende Klosterküchen-Zubereitung übernommen.
Bestreichen und Schlagen - zwei Handlungen, nicht eine. Die Stelle 'be slach denn stoß den visch treystundt da mit' beschreibt zwei aufeinanderfolgende Schritte: zuerst wird der bereits erhitzte Fisch mit dem Teig bestrichen bzw. überzogen, dann wird der Teig zusätzlich aufgeschlagen. Die Zwillingsrezepte im Buch von guter Speise formulieren die zweite Handlung als 'mit eime swanke' - mit einem Schwung. Das deckt sich mit der Küchenpraxis: Auf die bereits warme Fischoberfläche gegeben, backt der dünnflüssige Teig sofort an, statt abzulaufen.
'Dreimal' oder ein einziger Schwung? Der Schreiber selbst hat am Rand vermerkt: 'treystundt ?!' - ein Stutzen über eine ihm offenbar schon leicht altertümlich wirkende Zählform. 'Dreystunt' heißt im Frühneuhochdeutschen zuverlässig 'dreimal' (die Zähl-Endung -stunt/-stund ist gut belegt, etwa in 'manigstunt' = manchmal); eine wörtliche Lesart als 'drei Stunden' scheidet aus, weil niemand einen Fisch drei Stunden lang mit Teig bearbeitet. Die Zwillingstexte selbst kennen an dieser Stelle keine Zahlangabe, sondern beschreiben einen einmaligen, zügigen Schwung Teig über den Fisch - das spricht dafür, das dreimalige Auftragen als eigene, leicht abweichende Mondsee-Variante zu verstehen, nicht als Kopierfehler.
Praxis. Den gewässerten, enthäuteten Stockfisch in Essig ausdrücken - das strafft das durch das Wässern aufgeweichte Fleisch, damit es beim Garen nicht zerfällt. Danach großzügig mit Butter beträufeln und über milder Glut oder in der Pfanne leicht anwärmen. Für den Teig Mehl und Eier zu einer dünnflüssigen Masse verrühren, mit Pfeffer, Safran und Salz würzen. Den warmen Fisch mit dem Teig bestreichen und den restlichen Teig in ein bis drei zügigen Schwüngen darüberschlagen, dann bei mittlerer Hitze braun werden lassen, bis die Kruste fest ist. Vor dem Servieren noch einmal mit Butter beträufeln. Moderner, industriell getrockneter Stockfisch braucht meist zwei bis drei Tage Wässerung mit mehrfachem Wasserwechsel statt der im Rezept genannten einen Nacht.
Stockfisch ist in gut sortierten Supermärkten, Fischfachgeschäften oder online erhältlich. Achte darauf, ungesalzenen Stockfisch zu kaufen, da gesalzener Fisch (Klippfisch) anders zubereitet wird.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Stockfisch ist getrocknet und benötigt keine Kühlung. Die Zubereitung über offenem Feuer ist authentisch und unkompliziert. Lediglich Butter und Eier müssen bis zur Verwendung gekühlt werden.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.
Der Begriff 'treystundt' wird hier als 'dreimal' interpretiert. Es bezieht sich auf das dreimalige Überziehen des Fisches mit dem Teig, um eine besonders dicke und knusprige Panade zu erzielen. Eine wörtliche Übersetzung als 'dreistündig' wäre im Kochkontext unplausibel.
Stockfisch ist getrockneter, ungesalzener Fisch (meist Kabeljau oder Dorsch), der vor der Zubereitung lange gewässert werden muss.
Die Haut des Stockfischs ist zäh und wird vor dem Wässern entfernt.
Das Wässern des Stockfischs über Nacht ist notwendig, um ihn weich und genießbar zu machen. Moderner, industriell getrockneter Stockfisch braucht in der Praxis meist zwei bis drei Tage mit mehrfachem Wasserwechsel.
Das Ausdrücken in Essig strafft das durch das Wässern aufgeweichte Fleisch, damit der Fisch beim Garen nicht zerfällt - eine Funktion, die die Zwillingsrezepte im Buch von guter Speise ausdrücklich nennen ('daz er blibe gantz' - damit er ganz bleibt).
Butter war ein wertvolles Fett, das hier zum Beträufeln und Aromatisieren verwendet wird.
Ein einfacher Teig aus Mehl und Eiern, ähnlich einem Ausbackteig.
Eine typische Gewürzmischung der Zeit, wobei Safran für Farbe und Luxus stand.
Zwei Handlungen, kein einziges Verb: Der Fisch wird zunächst mit dem Teig bestrichen ('beslach'), dann wird der Teig zusätzlich dreimal aufgeschlagen ('stoß'). Die Zwillingsrezepte im Buch von guter Speise beschreiben den zweiten Schritt als 'mit einem Schwung' - der Teig wird über den bereits warmen Fisch geschlagen, damit er sofort anbackt statt abzulaufen.
Das Bräunen über offenem Feuer ist eine gängige Garmethode.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
treystundt
Gewählte Lesart: ‚dreimal' - Der Teig wird in drei Schwüngen auf den Fisch geschlagen, eine leichte Variante gegenüber den Zwillingsrezepten, die nur einen einzigen Schwung nennen.
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