Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du wiederum einen Aal braten: Wenn du einem Aal bereits die Haut abgezogen hast, so schneide ihm das Haupt ab und siede ihn gar wohl. Löse danach die Gräten aus und hacke das Aal-Fleisch fein.
Nimm Salbei, Eier, feinen Pfeffer, Ingwer und Salz und fülle damit die Haut. Achte darauf, dass die Haut nicht zu voll sei, damit sie nicht zerbricht. Fülle auch das Haupt wieder an und brate den Aal gut.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| alt | Aal | Fischhändler, gut sortierter Supermarkt | - |
| hawdt | Aalhaut | - | - |
| hawp | Aalkopf | - | - |
| saluan | Salbei | Supermarkt, Wochenmarkt | - |
| air | Eier | - | - |
| pheffer | Pfeffer | - | - |
| ymber | Ingwer | - | - |
| salcz | Salz | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein wieder in die eigene Haut gefüllter Aal ist im Kern eine mittelalterliche Ballotine-Technik: Der Fisch wird entbeint, sein eigenes Fleisch mit Salbei, Ei und Gewürzen vermengt, in die zurückbehaltene Haut samt Kopf zurückgestopft und dann gebraten. Die lebende Verwandtschaft ist die Anguille en ballottine der klassischen französischen Küche, entfernter auch die Gefillte-Fisch-Tradition (gefüllter Karpfen/Hecht) - mon-043 ist ihre bairisch-österreichische Vorfahrin, nur heiß gebraten statt kalt pochiert. Im Korpus ist es der engste Verwandte von bgs-037 (dieselbe Grundtechnik, zusätzlich mit Teigmantel) und koe-014 (gleiche Idee, ohne Sieden/Hacken).
Der Eröffnungssatz setzt voraus, dass die Haut bereits abgezogen ist - das Rezept baut auf eine vorangehende Aal-Zubereitung im selben Buch auf und beschreibt eine weitere, zweite Art, den Aal zuzubereiten. Das Häuten selbst ist hier keine neue Anweisung, sondern die Ausgangslage.
Praxis. Zieh dem Aal die Haut ab (falls noch nicht geschehen) und schneide den Kopf ab. Siede den Aal gar, löse dann das Fleisch von den Gräten und hacke es fein. Vermenge das Fleisch mit gehacktem Salbei, verquirltem Ei, Pfeffer, Ingwer und Salz zu einer bindigen Masse und fülle damit die Haut - nicht zu prall, sonst reißt sie beim Braten. Fülle auch den Kopf mit der Masse und setze ihn wieder an, dann brate den ganzen Aal in der Pfanne oder auf dem Rost über der Glut, bis die Haut fest und die Füllung durchgegart ist. Wer keine Zeit für das doppelte Garen hat, kann die Füllung auch ohne vorheriges Sieden direkt aus rohem, fein gehacktem Aalfleisch anrühren - dann etwas länger braten, bis alles durch ist.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Der frische Aal muss gekühlt werden, ist aber am Markttag oft erhältlich. Das Sieden, Entbeinen und Füllen erfordert etwas Zeit und Sorgfalt, ist aber mit den üblichen Lager-Utensilien wie Topf, Messer und Feuer gut umsetzbar. Das Braten des gefüllten Aals kann in einer Pfanne oder auf einem Rost über der Glut erfolgen.
Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und bietet Einblicke in die gehobene Küche dieser Zeit.
Im Kontext dieses Rezepts ist ‚alt‘ die frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Aal. Es handelt sich also um einen Fisch, der hier zubereitet wird, nicht um eine Altersangabe.
‚Hawp‘ ist die frühneuhochdeutsche Form von ‚Haupt‘, also der Kopf des Aals. Dieser wird nach dem Entbeinen ebenfalls mit der Füllung versehen und wieder an den Körper gesetzt.
Hier ist ‚alt‘ eine frühneuhochdeutsche Schreibweise für Aal, einen in der mittelalterlichen Küche sehr beliebten Speisefisch - keine Altersangabe.
‚Saluan‘ ist eine bairisch-österreichische Lautform von Salbei (vgl. ‚selbey‘ in anderen Quellen); klassische Fisch-Kräuterkombination mit Pfeffer und Ingwer, im Korpus auch bei anderen Aal- und Hecht-Füllungen belegt.
‚Ymber‘ bezeichnet Ingwer, ein importiertes und geschätztes Gewürz des Mittelalters.
Die ‚Grat‘ sind die Gräten des Fisches, die vor dem Füllen sorgfältig entfernt werden müssen.
‚Feiner [Pfeffer] zum Braten‘ - ‚prat‘ ist hier eine adjektivische Wendung vor der Gewürzaufzählung, nicht das Substantiv ‚Brät/Farce‘, das eine Artikel-plus-Substantiv-Konstruktion erfordern würde.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
schonß prat
Gewählte Lesart: ‚feiner Pfeffer zum Braten‘ - ‚schonß‘ als ‚schönes/feines‘ und ‚prat‘ als ‚Brat-‘ im Sinne von ‚zum Braten‘, was die nachfolgenden Gewürze Pfeffer, Ingwer und Salz näher beschreibt.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.