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Stockfisch mit Milch, Ei und Safran

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Schäle einen Stockfisch und siede ihn gar. Schütte ihn auf ein Hackbrett, entferne die Gräten und hacke ihn klein.

Gib dazu Milch, Eier, geriebenes Semmelbrot, Pfeffer, Safran und Salz. Lasse es aufkochen und serviere es.

Alternativ kannst du dazu eine gelbe Suppe mit Safran zubereiten.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ein stockvisch 1 Stück Stockfisch gut sortierter Supermarkt, Fischhändler Kabeljaufilet (frisch oder tiefgekühlt)
milich Milch - -
air Eier - -
semel prot geriebenes Semmelbrot - Paniermehl
pheffer Pfeffer - -
saffran Safran gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
salcz Salz - -
wasser Wasser Leitung -

Welches Gericht ist das? Ein Stockfisch-Ragout: vorgekochter, geschälter und klein gehackter Stockfisch, gebunden mit Milch, Ei und geriebenem Semmelbrot, mit Pfeffer und Safran gewürzt und gelb gefärbt - wahlweise als feste Masse oder als safrangelbe Milchsuppe gereicht. Es steht in der langen Linie der Stockfisch-Auflauf- und Stockfisch-Pudding-Rezepte, die bis ins 19./20. Jahrhundert in norddeutschen Kochbüchern fortleben, und ist entfernt mit der französischen Brandade und dem skandinavischen Lutefisk-Umfeld verwandt - überall dasselbe Prinzip: trockener Stockfisch wird durch ein Milchprodukt wieder saftig und gesellschaftsfähig gemacht.

Der Text setzt das mehrtägige Wässern des Stockfischs voraus, ohne es zu erwähnen - das war für die Zeit selbstverständliches Vorwissen. Ungewässerter Stockfisch ist hart und brettartig wie ein Brett und lässt sich so nicht gar sieden, darum muss dieser Schritt vorab passieren: 1-3 Tage in kaltem Wasser, mehrmals täglich das Wasser wechseln.

Das „schälen” bezieht sich auf die zähe Haut des Stockfischs, die sich nach dem Wässern und Garkochen leicht abziehen lässt. Danach wird der Fisch entgrätet und auf dem Hackbrett klein gehackt - ein notwendiger Zwischenschritt, weil gegarter Stockfisch in Fasern zerfällt und die Gräten von Hand herausgelesen werden müssen.

Milch, Ei und geriebenes Semmelbrot sind die zeittypischen Bindemittel, keine Mehlschwitze. Zusammen mit dem klein gehackten Fisch ergibt das eine gebundene, safrangelbe Fischmasse. Wichtig für die Hitzeführung: Milch und Ei vertragen kein starkes oder langes Kochen, sie würden ausflocken beziehungsweise gerinnen. Das kurze „Aufwallen” bindet die Masse gerade genug, ohne sie zu zerstören - die Verdopplung „wallen wallenn” im Text ist vermutlich Schreiberbetonung, keine Anweisung zu zweimaligem Kochen.

Praxis. Stockfisch vorab wässern (1-3 Tage, Wasser mehrfach wechseln), dann in Wasser gar sieden. Haut abziehen, Gräten entfernen, Fisch klein hacken. Milch, Eier, geriebenes Semmelbrot, Pfeffer, Safran und Salz dazugeben und bei mittlerer Hitze kurz aufwallen lassen, bis die Masse bindet - nicht kochen, sonst gerinnt das Ei. Sofort servieren. Wer mag, reicht dazu eine zweite, dünnflüssige Safran-Milchsuppe als Beilage - ein einfacher Topf am Feuer reicht für beide Zubereitungen, ein Ofen wird nicht gebraucht.

Was ist Stockfisch und wie bereite ich ihn vor?

Stockfisch ist getrockneter, ungesalzener Fisch, meist Kabeljau. Er muss vor der Zubereitung für 1-3 Tage in kaltem Wasser eingeweicht werden, wobei das Wasser mehrmals täglich gewechselt wird. Danach wird er gekocht, bis er weich ist, und kann dann weiterverarbeitet werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Stockfisch ist ein haltbares Trockenprodukt. Milch und Eier müssen gekühlt werden, sind aber für die kurze Dauer eines Marktwochenendes im Kühlakku unproblematisch. Die Zubereitung erfordert lediglich einen Topf und eine Feuerstelle.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.

Was bedeutet 'semel prot' im Rezept?

'Semel prot' bezieht sich auf geriebenes Weißbrot oder Semmelbrösel. Es dient in diesem Rezept als Bindemittel, um die Masse zu verdicken und ihr Textur zu verleihen.

vnd schell ein stockvisch vnd sew In gar vnd schudt In auff ein hack predt laß awß dy grat vnd hack In chlain thue dar czw milich air semel prot pheffer saffran vnd salcz vnd laß es er wallenn vnd gib es hin oder mach dar auff ain gelbew suppen mit saffrann
stockvisch

Getrockneter, ungesalzener Kabeljau oder Dorsch. Muss vor der Zubereitung gewässert und gekocht werden, um weich zu werden.

schell

Mittelhochdeutsch für „schälen” beziehungsweise „enthäuten”. Im Rezeptkorpus mehrfach belegt (etwa ka1-010, m384-026, m384-049) und dort ebenfalls im Sinne von „Schale/Haut entfernen” verwendet.

semel prot

Geriebenes Weißbrot oder Semmelbrösel, das als Bindemittel dient.

saffran

Safran war ein sehr teures Gewürz und Statussymbol. Er wurde nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die leuchtend gelbe Farbe verwendet.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 020r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartschell ein stockvisch

Gewählte Lesart: ‚Schäle einen Stockfisch' - dies bezieht sich auf das Entfernen der Haut des Stockfisches nach dem Wässern und Kochen, bevor er weiterverarbeitet wird.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Schneide einen Stockfisch' - dies ist weniger wahrscheinlich, da 'schellen' im Mittelhochdeutschen eher 'schälen' oder 'enthäuten' bedeutet. - Die primäre Bedeutung von 'schellen' ist 'schälen', belegt sowohl im mittelhochdeutschen Wortschatz als auch mehrfach im eigenen Rezeptkorpus. Für Stockfisch ist das Entfernen der Haut nach dem Kochen der logische Schritt, der dieser Bedeutung entspricht - eine Lesart als 'schneiden' hätte dafür keine vergleichbare Stütze.

Lesarter wallen wallenn

Gewählte Lesart: ‚aufkochen lassen' - die Wiederholung 'wallen wallenn' wird als emphatische Wiederholung oder als Schreibfehler des Schreibers interpretiert, der die Anweisung zum Aufkochen verstärken soll.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚zum Kochen bringen und kochen lassen' - dies würde eine längere Kochzeit implizieren. - Angesichts der Kürze des Rezepts und der bereits erfolgten Garung des Stockfisches ist ein erneutes, kurzes Aufkochen der Mischung plausibler als ein langes Weiterkochen.

Lesartmach dar auff ain gelbew suppen mit saffrann

Gewählte Lesart: ‚mache dazu eine gelbe Suppe mit Safran' - dies wird als eine optionale Sauce oder Beilage interpretiert, die mit der Stockfischmasse serviert wird, um das Gericht zu variieren oder zu bereichern.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚mache daraus eine gelbe Suppe mit Safran' - dies würde bedeuten, die Stockfischmasse selbst zu einer Suppe zu verflüssigen. - Die Formulierung 'dar auff' (darauf) legt eher eine Ergänzung oder eine Beilage nahe, die auf oder zu dem Gericht gereicht wird, anstatt eine vollständige Umwandlung der bereits zubereiteten Masse in eine Suppe. Im Korpus wird 'dar auff' durchgängig im räumlichen/additiven Sinn verwendet, nie im Sinne von 'daraus'.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 020r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Stockfisch ist als Trockenprodukt ideal für die Lagerküche. Milch und Eier benötigen Kühlung, sind aber für einen Tag im Kühlakku gut haltbar. Die Zubereitung am Feuer ist unkompliziert und dauert etwa 45 Minuten.
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