Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Schäle einen Stockfisch und siede ihn gar. Schütte ihn auf ein Hackbrett, entferne die Gräten und hacke ihn klein.
Gib dazu Milch, Eier, geriebenes Semmelbrot, Pfeffer, Safran und Salz. Lasse es aufkochen und serviere es.
Alternativ kannst du dazu eine gelbe Suppe mit Safran zubereiten.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| ein stockvisch | 1 Stück Stockfisch | gut sortierter Supermarkt, Fischhändler | Kabeljaufilet (frisch oder tiefgekühlt) |
| milich | Milch | - | - |
| air | Eier | - | - |
| semel prot | geriebenes Semmelbrot | - | Paniermehl |
| pheffer | Pfeffer | - | - |
| saffran | Safran | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| salcz | Salz | - | - |
| wasser | Wasser | Leitung | - |
Welches Gericht ist das? Ein Stockfisch-Ragout: vorgekochter, geschälter und klein gehackter Stockfisch, gebunden mit Milch, Ei und geriebenem Semmelbrot, mit Pfeffer und Safran gewürzt und gelb gefärbt - wahlweise als feste Masse oder als safrangelbe Milchsuppe gereicht. Es steht in der langen Linie der Stockfisch-Auflauf- und Stockfisch-Pudding-Rezepte, die bis ins 19./20. Jahrhundert in norddeutschen Kochbüchern fortleben, und ist entfernt mit der französischen Brandade und dem skandinavischen Lutefisk-Umfeld verwandt - überall dasselbe Prinzip: trockener Stockfisch wird durch ein Milchprodukt wieder saftig und gesellschaftsfähig gemacht.
Der Text setzt das mehrtägige Wässern des Stockfischs voraus, ohne es zu erwähnen - das war für die Zeit selbstverständliches Vorwissen. Ungewässerter Stockfisch ist hart und brettartig wie ein Brett und lässt sich so nicht gar sieden, darum muss dieser Schritt vorab passieren: 1-3 Tage in kaltem Wasser, mehrmals täglich das Wasser wechseln.
Das „schälen” bezieht sich auf die zähe Haut des Stockfischs, die sich nach dem Wässern und Garkochen leicht abziehen lässt. Danach wird der Fisch entgrätet und auf dem Hackbrett klein gehackt - ein notwendiger Zwischenschritt, weil gegarter Stockfisch in Fasern zerfällt und die Gräten von Hand herausgelesen werden müssen.
Milch, Ei und geriebenes Semmelbrot sind die zeittypischen Bindemittel, keine Mehlschwitze. Zusammen mit dem klein gehackten Fisch ergibt das eine gebundene, safrangelbe Fischmasse. Wichtig für die Hitzeführung: Milch und Ei vertragen kein starkes oder langes Kochen, sie würden ausflocken beziehungsweise gerinnen. Das kurze „Aufwallen” bindet die Masse gerade genug, ohne sie zu zerstören - die Verdopplung „wallen wallenn” im Text ist vermutlich Schreiberbetonung, keine Anweisung zu zweimaligem Kochen.
Praxis. Stockfisch vorab wässern (1-3 Tage, Wasser mehrfach wechseln), dann in Wasser gar sieden. Haut abziehen, Gräten entfernen, Fisch klein hacken. Milch, Eier, geriebenes Semmelbrot, Pfeffer, Safran und Salz dazugeben und bei mittlerer Hitze kurz aufwallen lassen, bis die Masse bindet - nicht kochen, sonst gerinnt das Ei. Sofort servieren. Wer mag, reicht dazu eine zweite, dünnflüssige Safran-Milchsuppe als Beilage - ein einfacher Topf am Feuer reicht für beide Zubereitungen, ein Ofen wird nicht gebraucht.
Stockfisch ist getrockneter, ungesalzener Fisch, meist Kabeljau. Er muss vor der Zubereitung für 1-3 Tage in kaltem Wasser eingeweicht werden, wobei das Wasser mehrmals täglich gewechselt wird. Danach wird er gekocht, bis er weich ist, und kann dann weiterverarbeitet werden.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Stockfisch ist ein haltbares Trockenprodukt. Milch und Eier müssen gekühlt werden, sind aber für die kurze Dauer eines Marktwochenendes im Kühlakku unproblematisch. Die Zubereitung erfordert lediglich einen Topf und eine Feuerstelle.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.
'Semel prot' bezieht sich auf geriebenes Weißbrot oder Semmelbrösel. Es dient in diesem Rezept als Bindemittel, um die Masse zu verdicken und ihr Textur zu verleihen.
Getrockneter, ungesalzener Kabeljau oder Dorsch. Muss vor der Zubereitung gewässert und gekocht werden, um weich zu werden.
Mittelhochdeutsch für „schälen” beziehungsweise „enthäuten”. Im Rezeptkorpus mehrfach belegt (etwa ka1-010, m384-026, m384-049) und dort ebenfalls im Sinne von „Schale/Haut entfernen” verwendet.
Geriebenes Weißbrot oder Semmelbrösel, das als Bindemittel dient.
Safran war ein sehr teures Gewürz und Statussymbol. Er wurde nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die leuchtend gelbe Farbe verwendet.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
schell ein stockvisch
Gewählte Lesart: ‚Schäle einen Stockfisch' - dies bezieht sich auf das Entfernen der Haut des Stockfisches nach dem Wässern und Kochen, bevor er weiterverarbeitet wird.
Andere mögliche Lesart:
er wallen wallenn
Gewählte Lesart: ‚aufkochen lassen' - die Wiederholung 'wallen wallenn' wird als emphatische Wiederholung oder als Schreibfehler des Schreibers interpretiert, der die Anweisung zum Aufkochen verstärken soll.
Andere mögliche Lesart:
mach dar auff ain gelbew suppen mit saffrann
Gewählte Lesart: ‚mache dazu eine gelbe Suppe mit Safran' - dies wird als eine optionale Sauce oder Beilage interpretiert, die mit der Stockfischmasse serviert wird, um das Gericht zu variieren oder zu bereichern.
Andere mögliche Lesart:
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