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Gesülzter Fisch in Essig-Sud

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit80 Min.Portionen4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du gesülzten Fisch zubereiten möchtest, nimm reines Wasser und Essig zu gleichen Teilen. Siede den Fisch darin mit Gewürzen und Wermutkraut. Gieße den Sud über den Fisch und lass ihn kalt werden, damit er geliert.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
rains wasser Wasser Leitung -
esseich Essig - -
visch Fisch Fischhändler, Supermarkt Karpfen, Hecht oder Aal (für authentischen Geschmack)
gburcz Gewürze gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskatblüte
wermibs Wermutkraut Apotheke, Kräuterhandel -

Welches Gericht ist das? Gesülzter Fisch in Essig-Sud ist der unmittelbare Vorfahr der heute noch im Fischgeschäft erhältlichen Fischsülze bzw. des Fisch-in-Aspik: Der Kollagengehalt von Fischhaut und -gräten liefert beim Auskühlen dieselbe natürliche Gelierung wie moderne Gelatine, nur ganz ohne Zusatz. Ein fast wortgleiches Schwesterrezept findet sich in Clm 15632 (ri15632-009), dort mit Wein und Safran statt Wermutkraut - mon-096 ist die schlichtere, weinlose Variante desselben Grundrezepts.

Der Essig-Wasser-Sud. Wasser und Essig zu gleichen Teilen bilden zugleich Gar- und Konservierungsmedium: Die Säure senkt den pH-Wert und liefert die Basis für die spätere Sülze. Der Fisch wird darin mit Gewürzen und Wermutkraut gesiedet - ein Schritt, der Garprozess und Aromatisierung verbindet. Das lange Sieden löst zugleich Kollagen aus Haut und Gräten, wodurch die spätere Gelierung ganz ohne zusätzliches Bindemittel gelingt.

Praxis. Fisch in der Essig-Wasser-Lösung bei schwachem Sieden garen, mit Gewürzen und etwas Wermutkraut versehen. Den Sud anschließend über den Fisch geben (oder gegen Ende der Garzeit im selben Gefäß nachgießen) und vollständig auskühlen lassen, bis die Sülze fest wird. Die Zubereitung selbst gelingt problemlos am offenen Feuer; der limitierende Faktor ist allein die Kühlphase danach - ohne Erdkeller, kaltes Fließwasser oder kühle Jahreszeit zieht sich das Gelieren im Sommerlager hin oder bleibt unzuverlässig. Wer vorführen möchte, setzt den Sud am Vortag an und stellt ihn über Nacht kühl.

Welche Art von Fisch eignet sich am besten für dieses Rezept?

Für Sülze eignen sich besonders gut Fische mit hohem Kollagenanteil, wie Karpfen, Hecht oder Aal. Diese Fische tragen dazu bei, dass der Sud auf natürliche Weise geliert. Du kannst aber auch jeden anderen festfleischigen Fisch verwenden.

Welche Gewürze soll ich verwenden, da das Rezept sie nicht spezifiziert?

Im Mittelalter waren gängige Gewürze für Fischgerichte Pfeffer, Ingwer, Nelken und Muskatblüte. Eine Mischung dieser Gewürze würde dem Gericht einen authentischen Geschmack verleihen. Auch heimische Kräuter wie Petersilie oder Salbei sind denkbar.

Was ist ‚wermibs‘ und woher bekomme ich es?

‚Wermibs‘ ist ein Hapax legomenon - das Wort taucht sonst nirgends im Korpus oder in den mittelhochdeutschen Wörterbüchern auf. Am plausibelsten wird es als ‚Wermutkraut‘ (Artemisia absinthium) gedeutet, gestützt durch phonetische Nähe und den im selben Rezept belegten bairischen b/w-Lautwandel. Ein eng verwandtes Rezept nennt an derselben Stelle allerdings Safran, sodass die Deutung nicht ganz gesichert ist. Wermutkraut erhältst du in Apotheken oder gut sortierten Kräuterläden; es hat einen sehr intensiven, bitteren Geschmack und sollte sparsam verwendet werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Die Zubereitung am Feuer ist gut machbar, da nur Wasser, Essig und Fisch gesiedet werden. Die Herausforderung liegt im Abkühlen und Gelieren der Sülze. Ohne eine gute Kühlmöglichkeit (z.B. Erdkeller oder Kühlbox) kann es im Sommerlager schwierig sein, die Sülze fest werden zu lassen und frisch zu halten. Für eine Vorführung wäre es ideal, den Sud am Vortag anzusetzen und über Nacht kühl zu stellen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen Sammlung von Rezepten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus dem bairisch-österreichischen Raum. Es bietet Einblicke in die Küche des Spätmittelalters.

ITem wil dw sulcz visch machen so nym rains wasser vnd esseich geleich vnd sewdt visch dar Innen vnd gburcz vnd wermibs vnd gewß an vnd laß chalt werden
sulcz visch

‚Gesülzter Fisch‘ oder ‚Fisch in Sülze‘. Eine traditionelle Methode, Fisch durch Kochen in Essig-Sud haltbar zu machen und zu gelieren.

geleich

‚Gleich‘ oder ‚zu gleichen Teilen‘. Hier bezieht es sich auf das Verhältnis von Wasser und Essig.

sewdt

Eine bairisch-österreichische Variante von ‚sieden‘, also kochen oder köcheln.

gburcz

Eine regionale Schreibweise für ‚Gewürz‘. Die genaue Mischung wird nicht spezifiziert, was dem Koch freie Hand lässt. Typisch wären Pfeffer, Ingwer, Nelken oder Muskatblüte.

gewß an

‚Gieße an‘ oder ‚übergieße‘. Hier die Anweisung, den Sud über den Fisch zu gießen, damit er darin geliert.

wermibs

Hapax legomenon - nur in mon-096 belegt, kein weiterer Korpus- oder Wörterbuch-Treffer. Die Lesart ‚Wermutkraut‘ stützt sich auf den bairischen b/w-Lautwandel (vgl. ‚gburcz‘, ‚gewß‘ im selben Text) und auf die strukturelle Parallele zum Zwillingsrezept ri15632-009, das an derselben Satzposition ‚saffran‘ nennt.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 033v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwermibs

Gewählte Lesart: ‚Wermutkraut‘ (Artemisia absinthium). Aufgrund phonetischer Ähnlichkeit zu ‚Wermut‘, des im Text selbst belegten bairischen b/w-Lautwandels (vgl. ‚gburcz‘, ‚gewß‘) und der Verwendung von Wermut als Bittermittel in der mittelalterlichen Küche.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine nicht identifizierbare Zutat oder ein Schreibfehler. - ‚Wermibs‘ ist ein echtes Hapax legomenon - weder im übrigen Korpus noch in den einschlägigen mittelhochdeutschen Wörterbüchern belegt. Das strukturell nahezu identische Zwillingsrezept ri15632-009 (Clm 15632) hat an genau dieser Position stattdessen ‚saffran‘ - ein Hinweis, der die Unsicherheit eher verstärkt als auflöst, da beide Handschriften an dieser Stelle voneinander abweichen.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 033v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung): Die Sülze muss vollständig auskühlen und fest werden, was im Sommerlager ohne Kühlmöglichkeit schwierig ist. Die Zubereitung selbst ist einfach und kann am Feuer erfolgen, erfordert aber eine längere Kühlphase.
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