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Feigensülze mit Lebkuchen und Wein

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 6/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Willst du eine Feigensülze zubereiten, so stecke jeweils sechs Feigen auf ein Spießchen, so viele du möchtest. Koche sie dann in einem kleinen Kessel oder in einem Topf.

Gieße Wein dazu, gib geriebenes Brot und geriebenen Lebkuchen hinzu. Füge dies alles zu dem Sud der Feigen, zusammen mit Honig und Essig. Streiche die gesamte Mischung durch ein Sieb.

Würze es, färbe es und lass es alles miteinander aufwallen. Lege die Feigen in reines Wasser und gieße dann den Sud darüber. Wenn du es anrichtest, bestreue es mit aufgekochten, prallen Weinbeeren und iss es kalt.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
vj veigen an ain spisel so vil dw wilt 6 Feigen (oder mehr, nach Belieben) Supermarkt -
wein Wein - -
prott geriben Geriebenes Brot - Semmelbrösel
leczelten geriben Geriebener Lebkuchen Supermarkt (Backwaren) -
honig Honig - -
esseich Essig - -
gburcz Gewürz - Pfeffer, Ingwer, Zimt
erbellten synibellen weinper Aufgekochte, pralle Weinbeeren (Rosinen) - -

Welches Gericht ist das? Eine gewürzte, mit Lebkuchen und Brot gebundene Wein-Honig-Essig-Sauce über pochierten Feigen, kalt serviert und mit aufgekochten, prallen Weinbeeren bestreut - eine mittelalterliche Sülze im Sinne einer sämigen Kompott-Sauce, nicht einer Gelatine-Sülze. Nächste lebende Verwandte sind das weihnachtliche Feigen- oder Birnenkompott mit Lebkuchengewürz sowie süß-saure Frucht-Mostarden. Das nahezu wortgleiche Zwillingsrezept m5919-006 (Cgm 5919) bestätigt Rezeptidentität und -technik über zwei Handschriften hinweg.

‚Erbels‘ heißt aufwallen, nicht klären. ‚Gburcz vnd geverbs vnd erbels das alles durch ein ander‘ ist eine Verb-Trias: würzen, färben, aufwallen lassen. ‚Erbels‘ ist die bairische b-für-w-Schreibung von ‚erwellen‘ (aufkochen) - kein Klärverfahren mit Eiweiß oder Schaumabschöpfen, sondern schlicht das letzte gemeinsame Aufkochen der gewürzten, gefärbten Masse. Derselbe Lautwechsel begegnet im Korpus mehrfach (m5919-011) und im Zwilling m384-076 an exakt derselben Stelle (‚erwels als vnder ain andren‘).

Die Weinbeeren werden rund und prall, nicht ‚Sinnbeeren‘ hinzugefügt. ‚Erbellten synibellen weinper‘ ist keine Aufzählung zweier Beerensorten, sondern eine Doppel-Beschreibung der Weinbeeren selbst: aufgekocht (erbellten) und rund/prall geworden (synibellen, von sinwel/sinbel). Das Buch belegt diese Lesart selbst in mon-023, wo Weinbeeren beim Aufwallen ausdrücklich ‚sinbell‘ werden. Es braucht also keine zweite, unbelegte Fruchtsorte als Garnitur - nur Rosinen, die beim Aufkochen aufquellen.

Praxis. Feigen zu je sechs auf ein Spießchen stecken und im Kessel oder Topf in Wein weichkochen. Geriebenes Brot und geriebenen Lebkuchen in den Feigensud rühren, Honig und Essig zugeben und durch ein Sieb streichen, um Kerne und Fasern zu entfernen. Die passierte Masse würzen (Pfeffer, Ingwer, Zimt), mit period-treuer Farbe (etwa Safran) einfärben und noch einmal kurz gemeinsam aufkochen lassen. Die Feigen ins Anrichtegefäß legen, den Sud darübergießen und auskühlen lassen. Rosinen separat kurz aufkochen, bis sie prall aufgequollen sind, und vor dem Servieren darüberstreuen. Kalt servieren.

Was bedeutet ‚erbels‘ - wird die Sülze ‚geklärt‘?

Nein. ‚Erbels‘ ist eine bairische Schreibvariante von ‚erwellen‘ - aufkochen, aufwallen lassen (b für w, ein im Korpus mehrfach belegter Lautwechsel). Gemeint ist also schlicht, die gewürzte und gefärbte Masse noch einmal miteinander aufwallen zu lassen, kein gesondertes Klärverfahren mit Eiweiß oder Schaumabschöpfen.

Was sind ‚Sinnbeeren‘?

Keine eigene Fruchtsorte. ‚Synibellen‘ ist eine Schreibvariante von ‚sinwel/sinbel‘ = rund, prall. Zusammen mit ‚erbellten‘ (aufgekocht) beschreibt ‚erbellten synibellen weinper‘ die Weinbeeren selbst: aufgekochte, rund und prall gewordene Rosinen - nicht zwei verschiedene Beerensorten. Dieselbe Formulierung findet sich wortnah im engen Zwillingsrezept m5919-006.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung ist in etwa 45 Minuten im Topf am Feuer möglich. Die meisten Zutaten wie Feigen (getrocknet), Lebkuchen, Brot, Honig und Essig sind trocken lagerbar oder robust. Wein und frische Feigen können am Markttag besorgt werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die kulinarischen Vorlieben dieser Zeit wider.

ITem wil dw ein veigen sulz machen So steck ye vj veigen an ain spisel so vil dw wilt vnd sewcz in einem chessel= lein oder in einem haffen vnd gewß wein dar an prott vnd leczelten geriben vnd thue an dy suppen von den veigen vnd honig vnd esseich vnd streich es durch ein sib gburcz vnd geverbs vnd erbels das alles durch ein ander vnd leg dy veigen in ain rains wasser vnd gewß dan das dar an vnd wenn dw das an richtest so bestra es mit erbellten synibellen weinper vnd iss+ also chalt
sulz

Eine ‚Sülze‘ bezeichnete im Mittelalter oft eine dickflüssige, gewürzte Sauce oder einen Brei, der kalt serviert wurde und durch Reduktion oder Bindemittel eine sämige bis gelierte Konsistenz erhielt. Nicht immer war ein Geliermittel im modernen Sinne (wie Gelatine) enthalten.

leczelten

‚Leczelten‘ oder ‚Lebzelten‘ ist die frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Lebkuchen oder gewürztes Gebäck (vgl. Nürnberger Lebkuchen-Würze). Er wurde oft gerieben als Bindemittel und Gewürzträger in Saucen und Süßspeisen verwendet. Siehe m725-002 für ein eigenes Lebkuchen-Rezept aus dem Korpus.

gburcz

‚Gburcz‘ ist eine bairisch-österreichische Variante von ‚Gewürz‘. Die genaue Mischung ist nicht spezifiziert, aber typisch für süße Speisen wären Zimt, Ingwer, Nelken oder Muskatblüte.

erbels

‚Erbels‘ ist nicht ‚erhelle/kläre‘, sondern eine bairische b-für-w-Schreibung von ‚erwellen‘ = aufkochen, aufwallen lassen. Derselbe Lautwechsel begegnet im Korpus mehrfach (u.a. m5919-011: ‚weinpir erbels dan‘ = ‚lass die Weinbeeren aufwallen‘) und im nahezu wortgleichen Zwillingsrezept m384-076, das an derselben Stelle ‚erwels als vnder ain andren‘ liest.

synibellen

‚Synibellen‘ ist keine eigene Beerensorte, sondern eine Schreibvariante von ‚sinwel/sinbel‘ = rund, kugelrund, prall - wieder mit b für w. Beschreibt gemeinsam mit ‚erbellten‘ (aufgekocht) den Zustand der Weinbeeren nach dem Aufwallen: aufgekocht und rund/prall geworden. Das Buch selbst belegt diese Lesart in mon-023, wo Weinbeeren beim Aufwallen ausdrücklich ‚sinbell‘ werden. Der Zwilling m5919-006 bestätigt zusätzlich dieselbe Wortfolge (‚sinbelen erbelten weinper‘) an identischer Stelle.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 033v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsewcz

Gewählte Lesart: ‚siede es‘ - die Feigen in Flüssigkeit kochen.

Lesartrains wasser

Gewählte Lesart: ‚reines Wasser‘ - die Feigen werden vor dem Übergießen mit dem Sud in klares Wasser gelegt.

Andere mögliche Lesart:

  • ein sauberes Gefäß/Anrichteschüssel statt tatsächlichem Frischwasser-Bad. - Der kochtechnisch unklare Sinn eines Wasserbads vor dem Übergießen (würde Aroma auswaschen) und das Fehlen dieses Schritts im Zwilling m384-076 legen nahe, dass hier eher ein sauberes Anrichte-Gefäß gemeint sein könnte - bleibt aber unsicher, da der Wortlaut ‚wasser‘ eindeutig ist.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 033v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 45 Minuten fertig. Die meisten Zutaten sind trocken lagerbar oder robust. Lediglich die Feigen und der Wein müssen frisch sein.
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