Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du einen guten Senf machen willst, so nimm Senfsaat und reinige sie sauber. Zerstoße sie dann in einem Mörser sehr fein und passiere sie anschließend durch ein Tuch. Stoße dazu gestoßene Zimtblüte und mische sie unter den Senf. Verrühre ihn zweimal sehr kräftig mit Honig, bis die Konsistenz wie Wachs ist. Und wenn du willst, so nimm etwas von diesem Senf und rühre es mit Wein an, so hast du guten Senf.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| seniff sam | Senfsaat | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Senfmehl (fertig gemahlen) |
| zymeid plue | Zimtblüte | - | Gewürzhandel (getrocknete Zimtblüte, teils als "Cassiablüte" bezeichnet) | gemahlener Zimt in kleiner Menge |
| honig | Honig | - | - | - |
| wein | Wein | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein Vorläufer des heutigen süßen (Honig-)Senfs: eine dickflüssige, mit Honig statt Essig gebundene Senfpaste aus fein gemörserter und durch ein Tuch passierter Senfsaat. Über die abschließende Anmach-Variante mit Wein ist er zudem ein struktureller Cousin der französischen moutarde au vin, die bis heute Traubenmost oder Wein statt Essig zur Säure gibt. Im Mondseer Kochbuch selbst gibt es mit mon-137 noch ein zweites, fast wortgleiches Senfrezept - dort fehlt allerdings die Zimtblüte-Nennung, was sich erst im Vergleich mit dieser Fassung als wahrscheinliches Abschreibversehen zeigt.
Die Zimtblüte. Das Rätselwort der Handschrift, "zymeid plue", ist keine Brühe, sondern Zimtblüte - das Gewürz wird zusammen mit der gestoßenen Senfsaat unter den Senf gemischt, bevor Honig eingerührt wird. Die eng verwandten Rezepte mha-013 und m5919-017 bestätigen diese Zutat an derselben Stelle im Ablauf.
Praxis. Senfsaat im Mörser sehr fein zerstoßen und durch ein feines Tuch passieren, damit keine Schalenreste zurückbleiben. Gestoßene Zimtblüte untermischen, dann mit Honig zweimal kräftig durcharbeiten, bis eine feste, wachsartige Paste entsteht - diese Grundpaste hält sich gut und lässt sich portionsweise mit Wein zu Tafelsenf anrühren, wenn er gebraucht wird.
Schärfegrad steuern: Der Text reinigt die Saat nur ("sawber schon"), ohne sie abzubrühen - roh und kalt gemahlen bleibt sie scharf. Ein kurzes Abbrühen der Saat in heißem Wasser vor dem Mörsern (danach wieder trocknen) schwächt das schärfebildende Enzym Myrosinase ab und ergibt einen spürbar milderen Senf, kostet aber zusätzliche Trocknungszeit und geht dann nur im Mörser, nicht in der Senfmühle.
Für dieses Rezept ist ein großer Mörser ideal, um die Senfsaat sehr fein zu zerstoßen. Alternativ kannst du einen leistungsstarken Blender oder eine Gewürzmühle verwenden, um die Samen zu mahlen, oder direkt Senfmehl kaufen.
Ja: Mörsern, Passieren durch das Tuch und Verrühren mit Honig sind reine Handarbeit ohne Ofen oder Kühlung und passen gut ins Lager. Mit fertig gemahlenem Senfmehl geht es zusätzlich schneller, und die fertige Grundpaste lässt sich gut portionieren und aufbewahren.
Dies beschreibt die gewünschte Konsistenz des Senfs: er soll dick und streichfähig sein, ähnlich wie weiches Wachs. Dies deutet auf einen konzentrierten, würzigen Senf hin, der nicht zu flüssig ist.
Die gereinigte Senfsaat vor dem Mörsern kurz in heißem Wasser abbrühen und danach wieder trocknen. Das schwächt das schärfebildende Enzym der Saat (Myrosinase) ab - roh und kalt gemahlen, wie im Text, bleibt der Senf am schärfsten. Der Umweg über Abbrühen und erneutes Trocknen kostet Zeit und funktioniert danach nur im Mörser, nicht in der Senfmühle.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Senfsaat (Senfkörner). Im Mittelalter wurde Senf oft aus ganzen Körnern frisch zubereitet.
‚Sauber reinigen‘ oder ‚schön machen‘. Eine übliche Anweisung für Gewürze und Samen, die oft mit Verunreinigungen gehandelt wurden.
Mörser. Hier ist ein großer Fleischmörser gemeint, um die Samen sehr fein zu zerstoßen.
Tuch. Zum Passieren der Senfpaste, um eine feine, glatte Konsistenz zu erhalten.
Zimtblüte. Die eng verwandten Rezepte mha-013 ("zimen plue") und m5919-017 ("zimad plud") haben an derselben Stelle im Ablauf unzweideutig dieselbe Zutat: Zimt (zim(en)/zimet) und Blüte (mhd. pluot). "plue" ist hier ein Homograph zu "Blut" (bluot), meint aber Blüte - konkret die getrocknete Blüte des Zimtbaums als Gewürz.
Zweimal. Als Zahladverb (mhd. zwir[ent] = zweimal) zu lesen, nicht als eigenständiges Verb - gemeint ist zweimaliges, gründliches Durcharbeiten des Senfs mit dem Honig.
Wachs. Beschreibt die gewünschte dicke, streichfähige Konsistenz des Senfs.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| seniff sam | mustard seed Q1937700 |
| zymeid plue | cassia buds Q162882 |
| honig | honey Q10987 |
| wein | wine Q282 |
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.