Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Willst du einen gemachten Senf zubereiten, so nimm saubere Senfsaat. Stoße sie klein und reibe sie durch ein eng gewebtes Tuch. Stoße dazu Zimtblüte und mische alles untereinander. Zerreib das Ganze mit Honig fest untereinander, recht wie Wachs.
Wenn du den Senf verwenden willst, so nimm ein Weniges davon und zerreib es mit Wein. So hast du guten Senf.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| seniff sam sawberr | Saubere Senfsaat | - | gut sortierter Supermarkt, Gewürzhandel | - |
| czw nentplued | Zimtblüte | - | Gewürzhandel (getrocknete Zimtblüte, teils als „Cassiablüte“ bezeichnet) | gemahlener Zimt in kleiner Menge |
| henung sam | Honig | - | - | - |
| wein | Wein (zum Anrühren) | - | - | Essig oder Verjus |
Welches Gericht ist das? Ein zweistufig hergestellter Senf: zuerst eine feste, honiggebundene Vorratspaste, „recht wie Wachs“, die erst unmittelbar vor dem Servieren mit Wein auf Streichkonsistenz zurückverdünnt wird. Das Verfahren ist der unmittelbare Vorläufer des bayerisch-österreichischen süßen Senfs (etwa des heutigen Weißwurstsenfs) - gleicher Dialektraum, gleiches Süßungsprinzip mit Honig statt Zuckerrübensirup. Im eigenen Buch ist mon-209 bereits das dritte Rezept für denselben Senf - mon-098 und mon-137 überliefern fast wortgleiche Fassungen desselben Ablaufs. Auch über das Mondseer Kochbuch hinaus gehört mon-209 zu einer über mehrere Handschriften belegten Senf-Standardformel: mha-013 und m5919-017 folgen fast wortgleich demselben Ablauf, und auch das mittelenglische Forme of Cury (foc-141) sowie das spätere kkm-104 kennen dasselbe Grundprinzip - Senfpaste konzentriert herstellen, zum Verzehr mit Wein strecken.
Die Zimtblüte. Das opake „czw nentplued“ wird durch das eigene Buch selbst aufgelöst: mon-098 („zymeid plue“) schreibt exakt dieselbe Zutat an derselben Stelle im Ablauf transparent als „Zimtblüte“. Die Zwillingsrezepte mha-013 („zimen plue“) und m5919-017 („zimad plud“) bestätigen das cross-book. Botanisch handelt es sich meist um die Blütenknospen von Cinnamomum cassia, im Gewürzhandel teils als „Cassiablüte“ geführt - dieselbe Zutat, nur unter dem im Korpus etablierten, geläufigeren Namen. Die harten, holzigen Knospen werden separat fein gestoßen, bevor sie sich gleichmäßig unter das gesiebte Senfmehl mischen lassen.
Der Honig. „Henung sam“ ist Honig - fest, am besten kristallisiert oder eingedickt, denn nur eine solche Masse lässt sich „vast vnder ein ander recht als das wackchs“ (fest untereinander, recht wie Wachs) verreiben. Der Zwilling m5919-017 bestätigt dieselbe Wachs-Konsistenz fast wortgleich mit „sam fast vntter ain an der recht als der wachs pir“.
Praxis. Saubere Senfsaat im Mörser fein stoßen und durch ein engmaschiges Tuch reiben, bis ein feines, schalenfreies Senfmehl entsteht. Die gestoßenen Kassia-Knospen untermischen, dann mit Honig zu einer festen, kaum noch fließenden Masse verkneten - eine reine Senf-Honig-Kassia-Mischung wird in der Praxis eher zäh-klebrig als tatsächlich wachshart, „wie Wachs” ist hier ein idealisierender Vergleich für die angestrebte Festigkeit. Diese Paste hält sich ungekühlt und ohne Feuer, ist also bestens lagerfähig; zum Servieren wird jeweils nur die benötigte Menge mit etwas Wein zu einer streichfähigen Senfsauce angerührt.
Schärfegrad steuern: Der Text verlangt nur saubere, nicht abgebrühte Saat - roh und kalt gemahlen bleibt sie so scharf. Wer es milder mag, brüht die Saat vor dem Mörsern kurz in heißem Wasser ab (schwächt das schärfebildende Enzym Myrosinase ab) und trocknet sie danach wieder; das kostet Zeit und geht dann nur im Mörser, nicht in der Senfmühle.
Getrocknete Zimtblüten (teils als „Cassiablüte“ bezeichnet) führen gut sortierte Gewürzhandlungen, teils auch Online-Gewürzhändler. Alternativ kannst du eine kleine Menge gemahlenen Zimt verwenden, der ein ähnliches, wenn auch milderes Aroma hat.
Goldstandard: Dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und haltbar, und die Zubereitung erfordert lediglich einen Mörser und ein Tuch - kein Kochen, kein Kühlbedarf.
Die Anweisung, den Senf 'wie Wachs' zu verreiben, bezieht sich auf die gewünschte Konsistenz der Senfpaste. Sie soll fest und zäh sein, ähnlich wie Bienenwachs, um sie gut lagern zu können. Zum Servieren wird sie dann mit Wein angerührt und verdünnt.
Die saubere Senfsaat vor dem Zerstoßen kurz in heißem Wasser abbrühen und danach wieder trocknen. Das schwächt das schärfebildende Enzym der Saat (Myrosinase) ab - roh und kalt gemahlen, wie im Text, bleibt der Senf am schärfsten. Der Umweg kostet Trocknungszeit und funktioniert danach nur im Mörser, nicht in der Senfmühle.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Ein fein gewebtes Tuch zum Passieren und Filtern, ähnlich einem modernen Käsetuch oder Mulltuch.
Zimtblüte - die getrockneten Blütenknospen des Zimtbaums (botanisch meist Cinnamomum cassia, im Handel teils als „Cassiablüte“ geführt). Am gewichtigsten ist der Beleg aus dem eigenen Buch: mon-098 („zymeid plue“), das Mondseer Kochbuchs zweites Senfrezept, schreibt exakt dieselbe Zutat an derselben Stelle im Ablauf transparent als „Zimtblüte“. Die Zwillingsrezepte mha-013 („zimen plue“) und m5919-017 („zimad plud“) bestätigen das cross-book.
Dient hier als Vergleich für die gewünschte feste, zähe Konsistenz der Senfpaste.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| czw nentplued | cassia buds Q162882 |
| henung sam | nectar Q171934 |
| wein | wine Q282 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
henung sam
Gewählte Lesart: Honig, fest. Die Phrase „vast vnder ein ander recht als das wackchs“ (fest untereinander, recht wie Wachs) deutet auf eine zähe, feste Konsistenz hin, die Honig (insbesondere kristallisierter oder eingedickter Honig) gut erfüllen kann. „Henung“ ist phonetisch nah an „Honig“.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.